Von Dr. Hans Hiss (Kiel)

Selten ist die vielfältige Verpflechtung aller Industriezweige und Industrie-Unternehmungen miteinander so deutlich geworden wie bei der Durchführung. der Reparationen, wie sie jetzt durch die Demontage ganzer Betriebe oder einzelner Maschinen erfolgt. Das bezieht sich nicht auf die Anlagen jener Werke, die – als Fremdkörper in der deutschen Volkswirtschaft – ausschließlich für die Rüstung und im Kriege für den Krieg gebaut wurden, sondern um die Hunderte und Tausende von Betrieben, die auf die Reparationsliste gesetzt oder zur Maschinenabgabe herangezogen wurden, um eine angeblich überschüssige Industriekapazität auf gewissen Gebieten zu beseitigen.

Hier aber ist schon die Annahme, daß es sich um „Rüstungskapazität“ handelt in fast allen Fällen abwegig. Alle diese Betriebe haben zwar in den Jahren, als die gesamte deutsche Wirtschaft für die Rüstung „vergewaltigt wurde, auch zeitweise einen Teil ihrer Kapazität in Teilfertigung für die unproduktive Rüstung einsetzen müssen; im übrigen aber handelt es sich um ausgesprochene Friedensbetriebe, die wesentliche Bestandteile der deutschen – Friedenswirtschaft waren und oft widerstrebend genug die ihnen auferlegte Kriegsproduktion geleistet haben. Am Tage nach der Kapitulation haben diese Unternehmungen sich mit allen Mitteln bemüht, ihre Betriebe wieder auf die alte Friedensproduktion umzustellen. Nebenbei: In welchem kriegführenden Lande ist die Industrie während des Krieges nicht veranlaßt worden, Kriegsproduktion zu leisten?

Allen Erklärungen der angelsächsischen Staatsmänner, zum Trotz ist auf dem Gebiet der Reparationen bis heute noch so vorgegangen worden, als ob wir noch im August 1945 ständen und als ob die politische Entwicklung seitdem nicht fortgeschritten wäre. Immer, noch werden neue Unternehmungen inventarisiert und auf die Reparationsliste gesetzt Viele Hunderte von Unternehmungen arbeiten von Tag zu Tag unter dem Druck der Ungewißheit, ob sie vielleicht morgen schon stillgelegt oder ihnen die wertvollsten Maschinen fortgeholt werden. Jede Aufstellung von Produktionsprogrammen auf längere Sicht aber ist unmöglich, jede Anschaffung notwendiger Anlagen undurchführbar, solange das Damoklesschwert der Reparationen nicht von einem Unternehmen genommen ist.

Die Formen, in denen sich der Abbau der deutschen Industrie-Kapazität gegenwärtig vollzieht, sind mehrfacher Art: Stillegung und Abbau ganzer Betriebe, Restitutionen, d.i. die Rückführung von Maschinen, die aus den früher besetzten Gebieten ins Altreich gebracht wurden, und „Multilateral Deliveries“, d. i. die Wegführung einzelner Maschinen auf Anforderung von England oder einem anderen alliierten Lande. Damit sind auch schon gewisse Unterschiede zwischen den Zonen angedeutet.

In der US-Zone sind besonders umfangreiche Restitutionen durchgeführt, seitdem – abgesehen von dem vollständigen Abbau einer Reihe großer Rüstungswerke wie Munitions- und Flugzeugfabriken – ein Demontagestopp verkündet wurde. Am Rande sei vermerkt, daß der Begriff „Restitutionen“ so weit gefaßt wird wie nur möglich und z. B. auch solche, deutschen Maschinen umfaßt, die von einem deutschen Unternehmen ins besetzte Gebiet verlagert, dort nicht mehr eingesetzt und wieder nach Deutschland zurückgeschafft wurden.

In der britischen Zone spielen neben den eigentlichen Reparationen heute die Multilateral Deliveries eine besondere Rolle. – In ähnlicher Form sind in der französischen Zone viele Tausende von Werkzeugmaschinen – aus großen Betrieben und aus der dort typischen Kleinindustrie – entnommen und als Reparationsleistung nach Frankreich gebracht.