In Sofia hat ein Gericht den Führer der Opposition und der Bauernpartei, Nikola Petkoff, zum Tode durch den Strang verurteilt. Er wurde nach dem „Gesetz zum Schutze der Volksregierung“ schuldig: gesprochen, weil er laut Urteil eine geheime militärische Organisation, welche die Regierung durch Gewalt stürzen wollte, unterstützt habe.

Wenn man sich die Tatsache vor Augen hält, daß Bulgarien von mehreren sowjetischen Divisionen besetzt ist, erscheint es höchst unwahrscheinlich, daß solche Pläne von vernünftigen Menschen geschmiedet werden könnten. Aber es scheint auch sonst die ganze Prozeßführung nicht sehr gut „organisiert“ gewesen zu sein. Der Prozeß wurde von den drei Richtern und den zwei Staatsanwälten – durchweg Mitgliedern der kommunistischen Partei – innerhalb von wenigen Tagen abgeschlossen, obwohl fünf Personen angeklagt! waren und allein über Petkoff 67 Zeugen verhört wurden. In ein vertraut zweifelhaftes Licht rückte die ganze Angelegenheit, als die Mitangeklagten Obersten Ivanoff und Gergoff, als Hauptbelastungszeugen, mit größtem Eifer die Hörer davon zu überzeugen versuchten, daß sie gemeinsam mit Petkoff einen Putsch vorbereitet hätten, Dies erscheint besonders unglaubwürdig, wenn man erfährt, daß der 32jährige Ivanoff und der 31jährige Gergoff wegen besonderer Verdienste erst im Jahre 1944 in die Armee aufgenommen und zu Obersten befördert wurden. Die beiden erhielten 15 Jahre Zuchthaus. Natürlich wäre es interessant, zu erfahren, was einmal aus ihnen wird... Man erfährt derlei selten.

Daß in den totalitären Staaten oder, wie sie neuerdings genannt werden, „Volksrepubliken“ solche Prozesse keine Seltenheit sind, bedarf kaum noch einer besonderen Hervorhebung. Das besondere bei dem Urteil Petkoffs ist die Tatsache, daß es in einer Zeit gefällt wird, in der auch in den übrigen Volksrepubliken Prozesse stattfinden, die sich ähnlich sehen wie ein Wassertropfen dem andern. In Laibach wurden mehrere Politiker wegen; – Spionage zum Tode verurteilt; in Krakau werden demnächst 17 Mitglieder der Bauernpartei Mikolaycziks durch ähnliche Schuldsprüche verurteilt werden. Daß dies-mehr als ein Zufall ist, liegt auf der Hand. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß wir hier vor einem generellen Versuch! stehen, die letzten Reste der Opposition in den genannten Ländern zu vernichten, einer Opposition, die eine andere Auffassung von Demokratie hat als die Regierenden. Alle diese Menschen werden offensichtlich wegen ihrer Gesinnung verurteilt. Auch im Prozeß gegenPetkoff trat dies klar zutage. In der Anklageschrift wurde es zwar nicht direkt erwähnt, dafür aber desto mehr in den Plädoyers der Staatsanwälte. Die Zeugen wurden in einer solchen Art verhört, daß Petkoff letzten Endes als ein Agent der Reaktion und ein Werkzeug fremder Mächte erscheinen mußte.

Des Schicksals Ironie ist manchmal bitter. Nikola Petkoff, dessen Vater im Jahre, 1908 und dessen Bruder im Jahre 1925 von politischen Gegnern auf der Straße ermordet wurden, fällt einem Regime zum Opfer, an dessen Schaffung und Festigung er maßgebend beteiligt war. Als Stellvertretender Ministerpräsident (vom Herbst 1944. bis Herbst 1945) hat er duldend mitverantwortet, daß mehrere bulgarische Minister der Übergangsregierungen zum Tode verurteilt und durch Genickschuß exekutiert wurden, nur weil sie es gewagt hatten, „gegen die Interessen Bulgariens und hinter dem Rücken der Sowjetunion“ Waffenstillstandsverhandlungen mit den westlichen Alliierten zu führen; wohlbemerkt in einer Zeit, als Bulgarien nicht im Kriege mit der Sowjetunion war. Die sowjetische Kriegserklärung an Bulgarien erfolgte am. selben Tage, da die Besetzung des Landes begann.

Mag sein, daß Nikola Petkoff die Politik der Vaterländischen Front bald nach der Koalition mit den Kommunisten nicht mehr gebilligt hatte, auch ist es möglich, daß er nur in der Hoffnung, durch seinen Einfluß die Politik des neuen Regimes zu beeinflussen, noch eine Zeitlang in der Regierung verblieb. Gerade das aber erscheint rückblickend als der entscheidende Fehler des Politikern Petkoff. Wie in Vergangenheit und Gegenwart manch anderer Staatsmann, scheiterte er an der Auffassung, ein autoritäres Regime könne zum Guten beeinflußt werden und es seien mit den Kommunisten Koalitionen auf der Basis der Gleichberechtigung am Ende doch möglich. A. B.