Die chemische Industrie hat in der Vergangenheit eine führende Rolle in der deutschen Gesamtausfuhr eingenommen. Ihr Ausfuhrwert betrug, in den letzten Vorkriegsjahren im Durchschnitt 800 Mill. RM, d. h. etwa 18 v. H. der deutschen Gesamtausfuhr, wodurch sie neben dem Maschinenbau an der Spitze der besonders exportaktiven Industriezweige stand. Sie stellte so rund 16 v. H. ihres Produktionswertes für den Export zur Verfügung. Dabei kann die Exportsumme nahezu hundertprozentig als Devisengewinn bezeichnet werden, da die Ausfuhrerzeugnisse nur einen ganz geringen Auslandskostenanteil enthalten.

Die: Bedeutung der chemischen Industrie, für die Devisenbilanz ist jedoch noch erheblich größer, als sie in den Zahlen der unmittelbaren Ausfuhr zum Ausdruck kommt. Es muß berücksichtigt werden, daß Erzeugnisse der chemischen Industrie dazu dienen, Güter anderer Industriezweige zu veredeln und Qualitätssteigerungen zu erzielen, die diese Waren zu begehrten Artikeln des deutschen Ausfuhrsortiments machen. So sei an die Erzeugnisseder-deutschen Textilindustrie gedacht, die vielfach durch Verwendung höchstwertiger Teerfarben eineFarbenechtheit und Leuchtkraft erhielten, die sie, besonders begehrenswert machten. Die Verwendung keramischer Farben, insbesondere der keramischen Edelmetallpräparate wie Glanzgold, Mattgold usw. verliehen den Erzeugnissen der deutschen Porzellan- und Glasindustrie eine besondere: Note, die den Weltruf dieser Erzeugnisse mitbegründet hat. Durch Verwendung von Kunststoffen, Metall- und Farbüberzügen konnte der Weltmarkt mit bemerkenswerten Neuheiten in Schmuck- und Gebrauchsgegenständen versorgt werden.

Die chemische Industrie stellte vor allem in Krisenzeiten einen, beachtlichen Faktor des deutschen Außenhandels dar, da sie sich auch bei rückläufiger Aufnahmefähigkeit des Weltmarktes durch ihre Qualität, ihre Anpassung an die speziellen technischen und modischen Anforderungen des ausländischen Abnehmers und durch die Vielzahl ihrer Exporterzeugnisse stets als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen hat. Dies ist auch dadurch zum Ausdruck gekommen, daß, abgesehen von volumenmäßig nicht sonderlich stark ins Gewicht fallenden Warengruppen, die Chemieausfuhr eine relativ große Preisstabilität gezeigt hat, die auch unter erschwerten Absatzbedingungen die Erzielung einigermaßen ausreichender Erlöse gestattete.

Wenn auch die Wettbewerbslage im Ausland fegenüber der Vorkriegszeit zweifellos beachtliche Verschiebungen erlitten hat und durch die starke Exportaktivität der ausländischen Konkurrenz, vor. allem.der USA und Großbritanniens, durch Autarkiebestrebungen in den verschiedenen Ländern und durch die kriegsbedingten Maßnahmen auf dem Gebiet des Patent- und Warenzeichenrechtes die Absatzmöglichkeiten für deutsche Erzeugnisse gewisse Einbußen erlitten haben, kann doch wohl unterstellt werden, daß zu gegebener Zeit auch die chemische Industrie Deutschlands ihren Beitrag dazu leisten wird, durch ihre Exporterlöse die Unterhaltungskosten der alliierten Militärbehörden für das Zweizonengebiet zu ermäßigen und durch die auf ihre Exportleistung zurückgehenden Importe die Depression der deutschen Wirtschaft zu überwinden. Das Interesse, das im Ausland für deutsche Waren vorhanden ist, geht aus den zahlreichen Anfragen und Bestellungen hervor, die täglich bei den deutschen Firmen einlaufen und, unbeschadet, des vielfach noch vorhandenen Warenmangels, belegen, daß ein besonderes Interesse für das seit Jahren geschätzte deutsche Erzeugnis vorhanden ist.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die deutsche chemische Industrie nur zu gern bereit sein würde, diese Chance auszunutzen und der ihr gestellten Aufgabe gerecht zu werden. Wenn die bisherigen Ergebnisse nur einem ganz geringen Bruchteil des früheren Ausfuhrvolumens entsprechen, so muß dafür die Tatsache verantwortlich gemacht werden, daß wesentliche Voraussetzungen fehlen, die für einen Erfolg jeglicher Exportbemühungen unerläßlich sind. Als wichtigste Voraussetzung sind hierbei; die zusätzliche Zuteilung von Kohle, Roh- und Hilfsstoffen sowie von Arbeitskräften zu nennen, da aus der derzeitigen. Produktion praktisch keine Ware für die Ausfuhr abgezweigt werden kann. Es muß ferner das für die Abwicklung des Exportes vorgesehene Verfahren, vor allem für die Kleingeschäfte zu 500 bis 1000 Dollar je Abschluß, die auch bei der chemischen Industrie einen sehr bedeutenden Anteil haben, wesentlich vereinfacht werden.“ Eine direkte Fühlungnahme, mit den ausländischen Märkten, sei es über Vertretungen oder durch Bereisung der Länder, zur Klärung aller mit dem Verkauf zusammenhängenden Fragen ist eines der wichtigsten Erfordernisse für eine Erhöhung des Exportumsatzes. Von wesentlicher Bedeutung für die chemische Industrie ist ferner eine Klärung auf dem Gebiete des gewerblichen Rechtsschutzes, insbesondere hinsichtlich der Verwendung von Handelsmarken und Warenzeichen, die die Absatzmöglichkeiten, vor allem von pharmazeutischen, photochemischen Erzeugnissen, Teerfarben usw., wesentlich beeinflußt haben.vbd.