Von Henry Hemmer

Sich erholen heißt: einen Ausgleich herstellen, sich in einen anderen, möglichst in den entgegengesetzten Zustand versetzen, als der augenblickliche es ist, oder der gewohnte es war. Wir hätten, so wie die Dinge liegen, zum Ausgleich alle dringend einen längeren Urlaub im Schlaraffenland nötig. Leider aber befinden sich alle üppigeren Gebiete außerhalb unserer Grenzen, und wozu soll man innerhalb derselben die Strapazen einer Reise auf sich nehmen, wenn man doch nicht besser lebt als zu Hause! So wenn die einen und bleiben lieber daheim. Die anderen aber reisen, ungeachtet aller Schwierigkeiten, wohin es nur immer geht, am liebsten aber dahin, wo es nicht geht.

Was die Reisegegner so sehr vermissen, ist der durchlaufende, uns sanft von unserem Heim zum Kurhotelbetrieb hinschaukelnde Reisekomfort, ist das verschwundene Bestreben öffentlicher und privater Institutionen, uns alles Schöne näherzubringen und alles Störende fernzuhalten. Das hatte Reisen erst zur Erholung, zum Selbstzweck gemacht. Wir sind heute in die Anfangsstadien des – Verkehrswesens zurückgesunken (hört man sie sagen), das Reisen ist wieder. nur Mittel zum Zweck (einem oft sehr fragwürdigen). und erholen kann man sich am besten da, wo man ohnehin ist. Man braucht nur seine -Gewohnheiten freiwillig so zu Verändern, wie man es auf Reisen gezwungen ist zu tun. Es ist die Kunst, zu reisen ohne zu verreisen, die von dieser Richtung geübt und propagiert wird. Eine zeitgemäße Verbesserung der von den Witzblättern so gerne verspotteten „Sommerfrische bei sich zu Hause“.

Gewiß ist es empfehlenswert, die Betten auf den Balkon zu stellen, falls sie nicht – den neuen Wohnverhältnissen zufolge – ohnedies sehr exponiert stehen, die Möbel umzustellen, mal andere als die gewohnten Wege zu gehen und mit dem Baedecker in der Hand sein Städtle daraufhin zu besehen, was davon noch übrig ist...

Auch tiefer greifende Urlaubsfreuden bieten sich in nächster Nähe des Heimatortes. Wieviel ländlicher. als auf dem Lande, ist es doch vor den Toren der Stadt, wo so viele Blumen und Mädchen am Wege blühen, sozusagen bewußt ländlich! Wer in die Natur hineinhorcht; spürt in dem nur immer notgedrungen aufgesuchten, oft üppig, manchmal exotisch sprießenden Stadtpark noch einen Hauch vom Geist der Idylle, den es auf dem Lande gar nicht mehr gibt: Die Wasserwege im Umkreis, machen sie uns nicht zum frei schweifenden Menschen, zum poetischen Wanderer? Bedarf es mehr, als des sanften Eintauchens eines Ruders, als des ruhigen Gleitens eines Segels am Horizont, um uns in Traumländer zu versetzen? Es ist köstliche Erholung, regungslos am Ufer in der Sonne zu liegen, bewußt passiv zu sein und die Vorgänge aufzunehmen wie eine Pflanze. Zu Hause, aber erwarten uns alle Bequemlich- oder Unbequemlichkeiten des gewohnten Heims, und die Ameisen und Stechmücken haben das, Nachsehen.

Gesellen wir uns jetzt der anderen Gruppe zu. Für diese Richtung ist Reisen immer noch etwas Unerhörtes, etwas Gewaltiges. Heute, wo die Verhältnisse So ortsbedingt, im engen Raum (Europa) so unterschiedlich sind wie nie seit dem Mittelalter, ist das Reisen eine Sensation. Wie ein Konquistador zieht man aus und ist ebenso stolz, wenn man statt Gold und Edelsteinen Kartoffeln und Kalorien nach Hause bringt. Unterwegs erlebt man mehr Abenteuer als einst auf einer Weltreise und kehrt als Held nach Hause zurück.

Was war doch Erholung vor dem Kriege für eine komplizierte problematische Angelegenheit ... bis die Bäuche zurückgegangen waren, bis die Bizepse funktionierten, bis das richtige Ausgleichtraining für katernde Muskeln durchgeführt, bis der Modesport gelernt war! Was quälte man sich mit stümperhaften Versuchen zum geistigen Nichtstun ab, um schließlich zu einer verzweifelten Tätigkeit zu greifen, Kreuzworträtsel zu lösen, Skat zu klopfen oder andere Kurgäste zu ärgern! Zur Überbrückung aller dieser Schwierigkeiten waren alle nur erdenklichen Gelegenheiten zum Amüsieren gegeben, was eine bloße Reizung und ebensowenig einen Ausgleich bedeutet, wie Biertrinker ein Körpertraining ist.

Und jetzt? Wie einfach ist es mit der Unfreiwilligen Gymnastik, die jeder zur Genüge kennt, (nach dem, was wir hinter uns haben, und nach der wahrhaft vielseitigen Inanspruchnahme unserer Körper- und Geisteskräfte, die wir noch nicht hinter uns haben) ... wie einfach ist es, Entspan nung herbeizuführen. Man legt sich in den Sand Alles was man braucht, ist Ruhe. Und man findet sie unschwer. Vom Amüsierbetrieb ist nichts mehr da (was der Rede wert ist). Vom Gesellschaftsbetrieb, vom vielfältigen Tagesprogramm, von aller den großartigen Unternehmungen, den feschen Abwechslungen kaum eine Spur. Die vielen herrlichen ewig zu wechselnden, kofferv eise mitgeschleppter Garderoben sind auch nicht vorhanden. Was ist geblieben? Natur, Natur, Natur. Man kann tun, was man will, man kann flirten, man kann bleiben, so wie man ist und – und man kann sich erhoben „Dennoch fällt es auf, daß das Wort Erholung heut zutage selten geworden ist. Es klingt offenbar zu harmlos für diese so wenig harmlose Zeit, in de wir gewöhnt sind, nicht nur unsere Leiden, sondem auch unsere Freuden zu tarnen und zu verschweigen. Sei es darum! Dann brauchen wir uns hinterher nicht erst noch von der Erholung zu erholen...