Wie kommt es, daß in einer weltweiten Störung der politischen und wirtschaftlichen Stabilität auch bei den am stärksten davon betroffenen Völkern das Interesse für scheinbar überflüssige Dinge, wie Mode, Kunst Theater, Schmuck – in dergleichen, unentwegt lebendig ist? Warum hat das deutsche Volk, trotz desjähen Sturzes, immer noch Zeit und Muße, sich mit Dingen zu befassen, die außerhalb der täglichen Notdurft liegen? Wie ist es möglich, nachdem man seit 1933 die Kunst in den Dienst einer einseitigen Propaganda gestellt hat, daß wir heute mit gesteigerter Inbrunst auf die neuen Erscheinungen eben dieser Kunst warten? – Ist der Geschichte der Völker läßt sich diese Entwicklung oft beobachten und immer wieder zu der Feststellung verdichten, daß gerade in Zeiten bitterster Not; der Mensch im gleichen Maß eines seelischen Auftriebs bedarf, wie er der Erhaltung seiner körperlichen Substanz einen Großteil seiner Energie zuwenden muß.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist es nicht sonderlich verwunderlich, wenn das Kunsthandwerk der Gold- und Silberschmiede heute eingereiht wird in die Berufe, deren Bestimmung oben angedeutet ist Jedoch ergibt sich eine Einschränkung. die ihre Ursache hat in der Grenzstellung zwischen Kunst und Handwerk. Es ist fast unmöglich, hier eine klare Trennungslinie zu ziehen, und man kann ebensowenig jeden Gold- und – Silberschmied als Künstler ansprechen, wie als Handwerker abtun. Auf keinen Fall jedoch darf eine Auffassung bestehen bleiben oder erhalten werden, die, nationalsozialistischen Ursprungs, unseren Beruf als überflüssigen Luxusberuf dis-Krimierte und 1943 zu einer Schließung der Geschäfte führte. – Wenn auch das Volk hierzu eine gesunde Einstellung hat, so beweisen doch manche Behörden ihre Geringschätzung mit aller Deutlichkeit. Ebenso wie die Begründung der Schließung. als „im Interesse der Reichsverteidigung“ liegend; umaufrichtigwar, und infolgedessen sich als Fehlschlag auswirken mußte, ebenso wird me heute fortgesetzte Diskrimierung sich eines Tages als höchst kurzsichtigerweisen, wenn Deutschland sich sein tägliches Brot selbst verdienen muß. Man hat dann vielleicht einen Aktivposten zerstört, der für weiter gesteckte Ziele Völlig unentbehrlich ist

Neben diesem praktischen Gesichtspunkt steht auch noch der kulturelle. Der Drang zum Theater Und zur Kunst beweist den ungebrochenen Kulturwillen. Die äußeren Erscheinungen unseres Lebens zeigen alle Merkmale der Armut. Wir können und Wir werden diese Erscheinungen überwinden. Anders liegen die Verhältnisse, wenn wir einer kulturellen Armut verfallen. Die Auswirkungen sind ungleich ernsterer Natur. Mit dem Aufhören unserer kulturellen Ansprüche sinken wir auf das Niveau eines Steppenvolkes zurück, und erst dann haben wir den Anschluß an eine Wiederauferstehung verpaßt, und sind nun wirklich, äußerlich und innerlich, arm geworden. – Deshalb richtet sich unser Bemühen auch gegen mangelnde Einsicht, da. wir an eine böswillige Einstellung nicht zu glauben vermögen. Wir Gold- und Silberschmiede betrachten uns als einen Teil der Kräfte, die zur Fortführung der zukünftigen deutschen kulturellen Aufgaben berufen, sind. Es ist nicht notwendig, in diesem Zusammenhang auf die ruhmreiche Traditionder Goldschmiede zu verweisen. Aber eines scheint mir notwendig, der Hinweis auf die Zukunftsaufgaben unseres Berufes. Deutschland, dessen kommende wirtschaftliche Betätigung auf dem Weltmarkt. einer dauernden und fühlbaren Beschränkung unterliegt, wird nach wie vor die Möglichkeit behalten, seine kulturellen Schöpfungen mit denen anderer Völker in Wettbewerb zu stellen. Diese Verlagerung ins Geistige kann für uns erfolgreich sein, wenn wir nur imstande sind, unseren zukünftigen Weg zu erkennen und die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Wollen wir hier erfolgreich bestehen, dann dürfen wir nicht auf das Stichwort warten, sondern wir müssen mit einem fertigen Programm hervortreten, sobald der „richtige Zeitpunkt gekommen ist. Und dieses Programm darf nur aus Spitzenleistungen bestehen, um den Vorsprung anderer Länder auszugleiten. Auch für uns Goldschmiede gilt es, dafür die Voraussetzung zu schaffen, das heißt, alle Hindernisse, die einer organischen Entwicklung entgegenstehen, zu überwinden, und vorausschauend zu planen, zurErhaltung und Steigerungunseres Leistungsniveaus. Daß der Export organisiert wird, ist eine Lebensnotwendigkeit für den Beruf und ein nicht zu unterschätzender Aktivposten in unserer zukünftigen Wirtschaft, Für den Export sprechen neben den erwähnen ethischen, auch schwerwiegende praktische Gründe, z. B. der hohe Ertrag einer kunsthandwerklichenSchöpfung einerseits, die geringe Belastung der deutschen Volkswirtschaft andererseits. Denn wir können wohl von uns sagen, daß wir mit dem geringsten Aufwand an Strom, Heizung und Raum eine große Leistungschaffen. Hier beginnt die Aufgabe einer zielbewußten Lenkung, um das Kunsthandwerk zu einem brauchbaren Instrument künftiger Wirtschaftsplanung zu machen.

Die Nachwuchsschulung hat damit heute eine Bedeutung erlangt, wie nie zuvor. Aber viele Werkstätten sind ausgebombt, Werkzeugesind Mangelware, und leider hat auch der Tod empfindliche Lücken unter den Könnern und guten Meistern hinterlassen. Hier einen Weg zu finden, der hinausführt ins Neuland, ist schon einiger Mühe und des Nachdenkens wert. Es zeugt vonWeitsicht und Vertrauen in die eigene Kraft, wenn die Hamburger Goldschmiede-Innung die Nachwuchspflege in eine mustergültige Form gebracht – hat, durch Gründung der Goldschmiedeschule im Juni letzten Jahres. – Es ist Hier die Möglichkeit gegeben,“ die fehlende Meisterlehre zu ersetzen, angereichert mit rein künstlerischen Impulsen. Eine Synthese zwischen Kunst und Handwerk zu schaffen, ist Aufgabe der Schule und steht als Leitmotiv über unserer ganzen Nachwuchsförderung. Wir setzen uns ab vom sogenannten „Kunsthandwerk“, das aus einem Stück Abfallblech eine Brosche macht, und diese primitive Arbeit gerne noch als Kunsterzeugnis deklarieren möchte. Echtes Können zu. schaffen und echte Kunst zu fördern, ist die Voraussetzung für die Spitzenleistung, die allein uns die Möglichkeit gibt, mitzuhelfen, unseren guten deutschen Namen wieder in Achtung zu bringen.

Die Resonnanz, die diese Schule gefunden hat, ist die schönste Anerkennung und Belohnung. Auf einer Tagung der Landesinnungsmeister der britischen, Zone wurde dieser Anfang als vorbildlich bezeichnet; außerdem wurde der Vorschlag gemacht, sie als Meisterschule auszubauen. Die Gründung eines Förderrings für die Goldschmiedeschule ergab einen solchen Widerhall, daß die finanziellen Voraussetzungen als gesichert zu betrachten sind. Daß wir Goldschmiede unseren Beruf lieben, hat seinen Grund in der unerhörten Vielseitigkeit. Wir lieben ihn, weil wir edles Material verarbeiten, weil wir diesem Material eine edle Form geben müssen und weil wir mit unserem Geist und unserer Hände Arbeit vielen Menschen eine Freude machen können. Wir leisten keine Arbeit, die nach rein mechanischer Zweckmäßigkeit bewertet wird, sondern nur nach Gefühlswerten, und man soll es uns nicht verargen, wenn wir darauf stolz sind. Die Freude, die der Gold- oder Silberschmied bei der Schöpfung eines schönen Stückes empfindet, will er auf dessen Erwerber übertragen. Genau wie ein Künstler seine Seele in seinem Vortrag, seinganzes inneres Sehen und Schauen in seinem Gemälde oder Bildwerk offenbart, so soll der Goldschmied von seiner Arbeit gefangen sein vom ersten Augenblick an bis zur Vollendung. So schafft er eine Meisterarbeit, die Begeisterung erzeugt und unserer Leistung die, rechte Tiefenwirkung gibt. Obermeister Lebeda (Hamburg-Blankenese)