Von Wolfgang Drews

Wir armen Sterblichen, die an den Sitten der alten Zeiten hängen, haben es schwer mit unseren Verdüsterungen. Sie fallen über uns her wie ein Bienenvolk, das um sein Gehäuse schwärmt, sie stechen, und zwicken uns und dann schwillt unser seelischer Nacken an, bis der Kragen ihn nicht mehr faßt. Solch ein Tief kann sich aus dem klarsten Himmel lösen und uns die Sprache verschlagen, in schweren Fällen sogar die Lust am Leben. Die Melancholien der Jugend, die zumeist mit der Liebe zusammenhängen, lassen sich auch durch, die Liebe kurieren. Das reifere Alter möchte sich zu den starken Getränken halten, den würzigen Tabaken und an den Schlaf, der sich schwer über die Verstimmungen des Herzens und die Verdüsterungen des Geistes legt. Die heftigen Schnäpse und der kräftige Burgunder sind uns entrückt, der Schlaf allein bleibt reichlich zeitraubend. Und ist die Rauchware vorhanden, die unter der heimischen Sonne reifte, dann trägt sie ein Gewicht mit sich, das nur noch zu betäuben, nicht mehr zu erhellen vermag.

In dieser Stimmung lesen wir eine Zeitungsmeldung, die besagt, daß ein englischer Chemiker namens Stockings, ein Medikament gegen Gemütsverstimmung entdeckt hat, das in Tablettenform eingenommen werden kann. Mr. Stockings wird ein, großer Wohltäter der Menschheit werden, die zwischen ihren Aufschwüngen und Niederbrüchen torkelt. Gründet Fabriken, die seine Tabletten herstellen, und es wird keine mißglückten Prüfungsarbeiten, keine Ehescheidungen und Kriege, mehr geben! Die Welt wird wunderbar werden, und die Menschen werden sich lieben wie die .Katzen im Mai .und. die Paare in den Flitterwochen. Fünf Stockings-Tabletten zum Morgenkaffee sind besser als jeder Nichtangriffspakt. Der Wetterbericht unserer Seele vermeldet eitel Hochs, die keine Wolke stören kann, Hamlet, der schwermütige Dänenprinz, tritt an den Souffleurkasten, verschränkt die Arme zu seinem großen Monolog, aber sogleich unterbricht er sich, greift in die Tasche und zieht die Schachtel mit den Tabletten hervor. „Sein oder Nichtsein“, das ist nicht mehr die Frage, Prinz Hamlets umwölkte Mienen hellen sich auf und alles, was ihm einfällt, ist der Kalauer: „Per aspirina an astra“.

Ich fürchte, Hamlet und wir werden Magenschmerzen bekommen, wenn wir die Tabletten einnehmen. Es hat übermütige Ballistiker gegeben, die mit ihren Kanonen die Gewitterwolken wegschießen wollten; als sie ihre Versuche einstellten, .war die Luft mitnichten klar und rein. Die düsteren Wolken hatten sich verzogen, aber die Luft stank nach Pulver und nach Blut. Die Anti-Depressionstabletten haben einen bitteren Nachgeschmack, sie richten nur aus, daß sich unsere Verstimmungen verlagern. Was nützt die leichtesteSeele, wenn der Bauch schwer ist? So ist das Leben, so ist der Mensch. Darum sollte er das Tief, das ihm der Himmel sendet, ebenso tapfer trafen wie das Hoch, nach dem er sich sehnt. Wir sind nun einmal die Zwischenprodukte zwischen den Tieren und den Engeln,

Jeder Beklemmung folgt die Befreiung, and die Tage und Wochen der Bedrückung müssen tapfer überwunden werden. „Des Menschen Verdüsterungen und Erleuchtungen machen sein Schicksal“, sagt Goethe. Mr. Stockings mag ein großer Chemiker sein, ob aber der deutsche Dichter in seinem Bücherschrank steht, ist füglich zu bezweifeln.