Sonntags bin ich nie gern in die Stadt gefahren; Sie pflegte immer wie ein mißmutig aufgeräumtes Zimmer auszusehen, das vergebens auf den Besuch wartet. Jetzt; nachdem die Stadt zerstört ist, hat solche Sonntagsfahrt noch weniger Reiz, es sei denn, man wolle die bequeme Reise in der Straßenbahn genießen. Da ist kein Gedränge, kein Schelten ’mehr; es / geht friedlich zu, nur die Schaffner (oder Schaffnerinnen) knallen auch sonntags ihre hölzernen Täfelchen zusammen, wenn sie dem Gefach einen Fahrschein entnommen haben – und aus der Schärfe des Knalles kann man auf das Alter solch lärmfreudiger Person schließen und die Kinder lieben es. mit den Deckeln der Aschenbecher zu klappern, die an den Fensterrahmen angebracht sind. Zum. Lärm des elektrischen Gefährts, der schon beträchtlich genug ist, gesellt sich sö des Menschen eigene Lärmfreude: wo es überall klappert und knallt, da will er mit Lärmen nicht zurückstehen.

Und dazu die Sonntagsruinen. Sie schauen auf die leeren blanken Straßen, durch die wir rattern, die heiße Sonne glüht sie aus, und zu ihren Füßen, auf den aufgetürmter! Ziegelfeldern, blüht die Schuttflora: manchmal in rosaroten hohen Stauden, manchmal in gelben Sternen. Die Schaffnerin, die mit ihren Gesetzestafeln knallt, das Kind, das mit dem Deckel des Aschenbechers klappert, sehen sie diese Pracht? Die Schaffnerin hat jetzt keine Zeit dafür – aber bei dem Kind und den übrigen Reisegefährten’muß ich an den beklemmenden Vergleich denken, den, Sulpiz Boisserée in einem Brief an Goethe machte: „Die. Stadt mit ihren Bewohnern und Anstalten“, schrieb er 1814, „ist einer sonst blühenden verschütteten Kolonie’ zu vergleichen; die unter einem glücklich gewölbten Bergsturz ihr Leben in der Vergessenheit kümmerlich fortführet und mit der übrigen Welt höchstens durch tiefe Schächte noch einigen Zusammenhang behalten hat.“ Aber auch die Londoner können ihre Trümmerschönheit nicht sehen; „Londouers live so close to their city’s scars“, schreibt der – „Manchester Guardian „die Londoner leben so nahe bei den Narben ihrer Stadt, daß wir zweifeln müssen, ob viele von ihnen all das Schöne auch, nur beachtet haben, was in diesem Sommer in den Ruinen der bombardierten Viertel aufgeblüht ist... Da muß erst jemand aus Kanada kommen, der uns sagt; daß in Londons Erde noch viel Leben steckt, wobei er auf das liebliche Primelpolster (a crop of evening primroses) weist, das in der Nähe von Ludgate Hill blüht, irgendwo in ehemaligen Laden- und Bürokellern. Die Bombenkrater in der Stadt leuchten von zartem ‚herb robert’ (ich weiß nicht; was für ein Kräutlein das sein mag, aber es klingt hübsch, dieses ‚herb robert, und so wollen, wir’s denn stehen lassen), einige Schuttgruben in der Nähe des Temple sind so voller Farnkraut (der ‚Guardian‘ schreibt ‚braken‘, das alte dänische Wort, und nicht ,fern‘ sicher, aus Reverenz vor dieser mutigen species) wie nur irgendein Hügel im Moor...“

Aber ich wollte ja eigentlich von Pierre Besuchow sprechen. „Gestern abend noch las ich von ihm, und seitdem geht er mir nicht aus dem Kopf. Ich möchte jedem raten, seine Bekanntschaft zu machen; er wird diesen gutmütigen, dicken Menschen nie vergessen. Wer ihn schon kennt, der weiß, daß Pierre in Gefangenschaft geraten war und schreckliche Dinge erlebt hatte; allerdings auch schöne, obwohl auch diese mit etwas Schrecklichem verbunden waren, wie etwa das Zusammenleben mit dem armen Katajew und Katajews Tod. Gestern abend nun hatte ich, das Kapitel seiner Rückkehr nach Moskau gelesen. Da habe ich doch: sehr gestaunt. Es fängt mit der Schilderung eines zerstörten Ameisenhaufens an: genau so, wie die Ameisen sich bei diesem zerstörten Haufen stoßen: überholen, gegenseitig schlagen, ohne daß man weiß warum und wozu: genau so wenig kann man es verstehen, warum die Russen sich nach dem Abzug der Franzosen an der Stelle herumdrängten, die vordem Moskau genannt, worden war. Aber wie man beim Ameisenhaufen an der Ausdauer, Energie und Menge der wimmelnden Ameisen sehen könne, daß doch etwas Unzerstörbares, Immaterielles erhalten geblieben sei, worauf die eigentliche Kraft; des Ameisenhaufens beruhe... so sei eben in Moskau alles zerstört gewesen, außer jenem immateriellen, aber mächtigen und unzerstörbaren Bestandteil seines Wesens...

Ja, das ist es, genau aus diesem Grunde fährt, die klappernde Straßenbahn durch die Trümmerstraßen Kölns, sonst hätte es sich kaum gelohnt, hier wieder anzufangen. Die Straße ist menschenleer. Die Schuttberge, soweit sie nicht bewachsen sind, glitzern in der heißen Sonne. Aber da ist eben, das Immaterielle, der ‚unzerstörbare Bestandteil des Wesens dieser alten, alten Stadt. Sie wird neu werden, vielleicht sogar häßlicher, aber sie wirf immer etwas Altes, Heiliges bleiben.

Und nun dieser Vergleich mit Moskau, der sich mir aufdrängt. Tolstoj ist 1817 geboren, er hat -bestimmt nichts mehr von den Ruinen Moskaus gesehen, aber wie wahr ist das alles, was er da sagt, wie unheimlich wahr! Er erzählt, wie Moskau geplündert würde, zuerst von den Franzosen, dann, als die Franzosen abgezogen waren, von den Kosaken des Wintzingerodeschen Korps, dann von den Bauern aus der Umgebung. Dann kamen die Hausbesitzer zurück, holten sich Möbel von der Straße oder aus anderen Häusern „unter dem Vorwand, es sei ihr Eigentum“, dann kamen die Geistlichen, die Behörden, die Polizei. Der Facettenpalast im Kreml wurde zur Sammlung, herrenlosen Gutes eingerichtet; aber viele wollten „ihr“ herrenloses. Gut nicht herausgeben; man schimpfte auf die Polizei, man bestach sie... Wirklich, gibt es denn etwas Neues unter der Sonne?

Um aber auf Pierre Besuchow zurückzukommen: er hatte Natascha wiedergesehen, und nun, am nächsten Tag, fuhr Pierre zum Mittagessen zur Prinzessin Marja. Und da steht nun der Satz: „Während er zwischen den Brandstätten der Häuser durch die Straßen fuhr, war er erstaunt über die Schönheit der Ruinen. Die Schornsteine der Häuser, und die trümmerhaften Mauern, die in ihrem pittoresken Aussehen an den Rhein und an das Kolosseum erinnerten, zogen sich in langen Reihen, einander bald so, bald anders, verdeckend, durch die eingeäscherten Stadtteile hin.“ Ist. das nicht merkwürdig? An den Rhein fühlte sich Pierre erinnert, mitten im verbrannten Moskau, im Januar 1813, und er fand die Ruinen plötzlich schön.

Nun, er fuhr eben zu Prinzessin Marja, und dort würde er Natascha sehen, und deshalb schien ihm – alles freundlich, deshalb waren die Ruinen schön. Und es ist wahr, manchmal sieht man hier in Köln durch die Trümmerstraßen junge Menschen gehen, ein Mädchen und einen jungen Mann etwa, und es ist, als wären da gar keine Trümmer mehr: wie ein Traumgespinst scheinen rings um die Verzauberten die Häuser der Zukunft zu wachsen, mit blanken Fenstern, festen hellen Wänden, grauen Schieferdächern und – eichenen – Türen. Und das wächst und wächst und klingt dabei wie eine Musik...