Er sei in Berlin gewesen, so raunen es sich die politisch Informierten in der Stadt zu, die alles erfährt, und der sich so vieles verbirgt. Zum zweiten Male, seit 1945, sei er in Berlin gewesen. Damals hätte ihn kaum Marschall Sokolowski gesehen und diesmal wieder nicht der hohe General, bei dem er damals, geheimnisvoll verborgen, abgestiegen sei. Es gibt keine offiziellen Communiqués über Reisen und Empfange von Lawrenti Beria. Es gibt nur Vermutungen und Informationen über seine vielschichtige Aktivität. Und es ist nicht Brauch, sie öffentlich auszusprechen.

Viel offizielle politische Tätigkeit vollzieht sich Im-sowjetischen Rußland still, sehr still. Und die Ämter des Ministers für die staatliche Sicherheit verlangen besondere Diskretion. Beria, der Chef der NKWD oder MWD, wie sie heute wohl heißt, ist seit Jahren der unumstrittene Leiter dieser Organisation, deren Umfang, deren Personen- und Verbreitungsgebiet niemand kennt. Bilder kennt man von ihm – Sie zeigen ein intellektuelles strenges Profil, mit einem randlosen Kneifer über der Nase; einen Menschen, der gewohnt scheint, forschend, prüfend, skeptisch seine Augen in die Dinge der Welt zu senken. Und diese Augen sind überall. Wohl hat er nur das Ministeramt für Staatliche Sicherheit, während er das Innenministerium seit einem Jahr an einen anderen abgegeben hat, doch das Auge seiner amtlichen Beobachtung und Einflußnahme wacht über allen Ministerien, Behörden und Verbänden, sogar über den kleinsten und höchsten Kaders der Roten Armee. Denn mit dem Heer der NKWD, das eine Art Überstaat im sowjetischen bildet, ist er, geachtet und gefürchtet, in jeder amtlichen und unamtlichen Bewegung des Sowjetstaates gegenwärtig,

Vor Beria hören hohe und höchste Zuständigkeiten der Sowjetbehörden auf. So geht von ihm, wo immer, er auftaucht, nicht auf. Grund bürokratischer Maßnahmen, sondern zufolge der Selbstverständlichkeit seiner Weisungen und Äußerungen, jeweils- eine Welle anderer, neuer Aktion aus. Der heute 47jährige ist nicht „nur Studienrat und Architekt, und die Jahre seiner kleindörflichen Kindheit sind lange, vorbei. Rußland ist sein Feld. Der Weg nach Deutschland, den er inzwischen zweimal angetreten haben soll, ist von niemandem registriert, von niemandem bestätigt. Und auf jede Frage, die deshalb nach Karlshorst geht, heben sich nur die Schultern zu einem unwissenden Achselzucken. Der Georgier Beta steht im Schatten des Georgiers, der die Völker der Sowjetunion lenkt. Mag sein, daß die georgische Erde die enge Verbundenheit der beiden, Männer besonders geprägt hat. Mag sein, daß es die Verdienste Berias als Chef der transkaukasischen Tscheka um die Säuberung des Kaukasus waren, die ihn zu seiner außerordentlichen Position innerhalb der sowjetischen Weltmacht prädestinierten. Er ist die stille, aber massive Garantie dafür, daß überall in der SU and heute auch an manchen wichtigen Orten der Welt die Linie des Kreml jeweilig bedingungslos verfolgt wird: die jeweilige Linie – so liegen. Elastizität-Rad Konsequenz in diesem Mann vereint. –e.