Man ist zunächst überrascht, wenn man erfährt, daß es in unserem sachlichen Zeitalter noch wandernde, Märchenerzähler gibt – doch geht dies aus einer Notiz, der „Neuen Zeitung“ eindeutig hervor. Es wird dort nämlich berichtet, daß eine solche Märchenerzählerin bei der hannoverschen Schulbehörde den Antrag gestellt habe, eine Probe ihrer Kunst vor den Schulkindern Hannovers zum besten zu geben. Insofern also unterscheiden sich die späten Nachfahren der fahrenden Sänger von ihren großen Vorbildern: sie können nicht mehr, wie es ihnen beliebt, von Hof zu Hof und von Land zu Land ziehen, den Ruhm und die Taten ihrer Helden preisend sondern sie müssen zuvor – ganz abgesehen von dem obligaten Fragebogen – angeben, wovon sie singen und’sagen wollen. Und so kam es denn, daß eben jener Märchenerzählerin von der zuständigen Regierungsbehörde mitgeteilt wurde, daß eine Reihe deutscher Märchen, wie Aschenbrödel, Schneewittchen, Gevatter Tod und die Geschichte vom Hasen und dem lgel aus dem Repertoire zu streichen seien, weil die darin enthaltenen Grausamkeiten undBetrügereien geeignet wären-, den Charakter der deutschen Kinder nachteilig zu beeinflussen.

Die Überlegungen, auf denen dieser: Bescheid beruht, sind natürlich durchaus ernst zu nehmen. Es ist zweifellos ein verwunderlicher Tatbestand, daß in vielen Märchen, die immerhin die erste geistige Nahrung der Kinder darstellen, allerlei Grausames vor sich geht. Für denjenigen, der sich die Um er ziehung des deutschen Volkes zur Aufgabe gesetzt hat, mag darum die Frage naheliegen, ob man nicht zweckmäßigerweise bereits in jenem Vorbewußtseinsstadium damit beginnen müßte. Ob es allerdings tatsächlich möglich ist, Märchen und Legenden, die schließlich eine Art Urstoff aus dem Bereich der Magie und des Mythos darstellen, nach den jeweiligen Erfordernissen der Zeitläufte zu bereinigen und umzuformen, sei einmal dahingestellt! die wesentlichere Frage ist die nach der Stichhaltigkeit solcher Erziehungsprinzipien, Und da fragt man sich, wieweit Ideale glaubhaft bleiben, die, anstatt in der Wirklichkeit gelebt zu werden, aus pädagogischen Gesichtspunkten gewissermaßen in der Retorte und nur für die Kinderstube gezüchtet werden.

Auch das Christentum, dessen Lehre einstmals das Leben der Menschen und die Konzeptionganzer Geschichtsepochen bestimmte, verlor im liberalen Zeitalter, den Charakter der Realität und mußte in dem Moment zu einer bürgerlichen Moraltheologie werden, in dem man es nicht mehr als letzte Verbindlichkeit anerkannte. Daran änderte auch der Tatbestand nichts, daß es seinen Platz in der Kinderstube weiterhin behauptete. Es gibt eben nicht eine Moral für Kinder, und eine andere für Erwachsene. Die Wirklichkeit ist ungeteilt und die Welt der Kinder nur das Spiegelbild der Erwachsenenwelt. Darum ist eine „Entbrutalisierung“ der Märchen müßig, solange die Wirklichkeit erfüllt ist von einem Übermaß an vorsätzlichen oder fahrlässigen Grausamkeiten und Greueltaten.

Das, Kennzeichen der heutigen Jugend ist ein bis zur nackten Ehrlichkeit geschärfter Sinn für Realitäten. Diese Jugend läßt sich nicht in eine Scheinwelt hineinmanöverieren. sie hat die grausame Wirklichkeit is. zahllosen Bombennächten und auf den endlosen Straßen des Ostens erfahren. Sie weiß, was ihren Müttern und Schwestern geschehen ist, sie liest die Briefe der Verwandten aus den Ostgebieten, in denen noch immer von Konzentrationslagern, Hungertod und Erschießungen die-Rede ist. und sie hört die Berichte der heimkehrenden Väter und Brüder aus den russischen Gefangenenlagern. Diese Jugend, bis hinunter zu den jüngsten Schulkindern, kennt aus eigener Anschauung die Misere des heutigen Daseins mit aller Korruption, den Schwarzmarktgeschäften, und Kohlendiebstählen.

Wahrhaftig, es ist unerläßlich, darüber nachzudenken, was aus denen werden soll, die in einer solchen Umwelt heranwachsen. Es gibt genügend ehrliches, Bemühen, bessere Maßstäbe und neue Ordnungen zu setzen, aber man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß - dabei irgend etwas Wesentliches fehlt, denn nirgends ist ein Erfolg zu sehen. Wie viele Maßnahmen zur Wiederherstellung des Rechts führen abseits der Wirklichkeit ein unglaubwürdiges Scheindasein! Vielleicht liegt es eben daran, daß bei der Fülle der Gesetze und Theorien über die Humanität der Mangel an echter Menschlichkeit so besonders deutlich wird. Dff