Von Tami Oelfken

Wir sitzen in der Mittagssonne auf einer Bank in Konstanz am Hafen. Im Hafenbassin tummeln sich die Schwäne Sie schwimmen. – wenn es, mir. erlaubt ist, von Schwänen so wenig respektierlich zu reden – jedem Vorübergehenden bettelnd nach! Sie sind daran gewöhnt, daß ihrer Schönheit, ihren geschmeidig geschwungenen Hälsen nicht nur Komplimente, sondern manch nahrhafter Brocken gezollt wird. Und da kommt ein etwa achtjähriger Junge, kramt in seiner Hosentasche und fördert einen ansehnlichen harten Knust Brot zutage. Er brockt den Schwänen davon hin. Und sie kommen eilig herangerudert, neigen in eleganten Schwüngen die langen Hälse, tauchen gierig nach den Brocken, die kleine dunkle Flecken auf dem unbeweglichen Wasserspiegel bilden. Der Junge geht Schritt um Schritt rückwärts. Es beginnt ein Spiel, wie weit er es fertigbringt, durch seine Verführungskünste den Schwan zu verlocken, seine Schönheit aufzugeben und sich der Trivialität anheimfallen zu lassen. Das alles um einen Brocken hartes Brot!

Der junge lockt mit weit vorgereckter Hand,-bis die beiden ersten Schwäne aus dem Wasser steigen und wackelig die Schräge der Ufersteine hinaufklimmen. Den Hals halten sie, diesmal vorgeredet; den Schnabel öffnen und schließen sie. So sind sie von jeder verführerischen Schwanenschönheit ganzund gar verlassen. Sie, gaben ihr eigentliches Element auf. Ihre majestätische Würde; die Gelassenheit, der breitausgelegten Flügel: alles ist dahin, und es bleibt auf dem Lande nur ein kümmerlicher Behelf, was im Wasser von nicht zu übertreffender Grazie war. Hilflose Beine halten einen unverhältnismäßig großen Körper nur mühselig im Gleichgewicht.

So wagen sich die beiden, gierig nach den vorgehaltenen Brotbissen zielend, immer weiter durch die Anlagen bis fast auf die Straße. Der kleine Junge, hingerissen von seinem Tun, sieht seine Bemühung von Erfolg gekrönt. Er hat den letzten Schwan – der Mitläufer hat kehrtgemacht – bis an den Saumstein der Straße gelockt.

Aber hier macht das Tier plötzlich hält. Es ist, als sei ihm zum Bewußtsein gekommen, daß es sich hat irgendwohin ziehen lassen, wohin es durchaus nicht gehört. Der Schwan starrt ratlos und betreten vor sich auf das Pflaster, dreht sich, und nun wankt er eilig mit wackelndem Körper zurück, kein Locken hält ihn davon ab. Er geht die Schräge der Steine abwärts, er läßt sich in das trübe Wasser des Hafenbeckens zurückgleiten, und dort ist er wieder ein Schwan. Breit liegt er auf dem Wasser in seiner gewohnten stolzen Haltung. Der kleine Junge prügelt sich am Straßenrande mit seiner Schwester.

Beim Anblick des Schwans,’ der sich verführen ließ, aus seinem Element um den Preis eines hingeworfenen Brockens herauszukommen, fühle ich mich bedrückt. Aber die Natur selbst hält schön für mich die befreiende Antwort bereit. Denn in diesem Augenblick überquert ein Schwarm von Schwänen das Hafenbecken: sie steigen zum Himmel auf, bis zur Höhe des Münsters fliegen sie mit vorgeredeten Hälsen: so schwärmen sie mit wilden Flügelschlägen rauschend dahin und senken sich vor uns auf das Wasser.

Draußen vor der Mole bedecken sie wie weiße-Flocken den Spiegel des Sees.

Ich, lehne mich behaglich in die Mulde der Bank zurück, das seelische Gleichgewicht ist wiederhergestellt. Nichts ist so quälend wie Mißbrauch. Nichts meinem Gemüte so wohltuend wie der Beweis, daß dieser Mißbrauch immer wieder aufgehoben wird durch die Vollkommenheit der Natur.