Oft wirkt der Zeitenlauf wie ein Papierkorb, und manchmal gleichen die Historiker Leuten, die gerne in Papierkörben wühlen. Mehr als hundertKomödien Lope de Vegas sind schon im Zeitenschoß untergegangen, aber ein halbes Dutzend haben die Historiker wieder aus dem Papierkorb herausgeholt (und es ist möglich, daß weitere Kramerei Erfolg hätte) Eine Komödie de Vegas – die seit langem erfolgreichste – heißt: „Was kam denn da ins Haus?“ Und man spürt die 300 Jahre nicht, die dieses, von spanischem Feuer erfüllte Spiel alt ist. Wer- aber kam ins Haus, das Edward Suhl, der Bühnenbildner, erbaute, der eine schöne Begabung für alles Verspielte und spielerisch Lustige hat? Ein Tausendsassa, ein Herzensbrecher, ein Schwindler, dem man verzeiht, weil er die Liebe noch höher schätzt als Geld und Gut, Hans Tügel ist der Regisseur, der – hätte er ein Ensemble gehabt – zweifellos dem Dichter und nicht nur dem Komödienschreiber Lope de Vega ’gerecht geworden wäre. Aber er hatte das Ensemble nicht. (Wie auch? Denn immer noch steht das Staatliche Schauspielhaus Hamburg, das nun die neue Saison, eröffnete. am Beginn seiner künstkriechen Arbeit.) Immerhin hatte das Spiel frischen Impuls, reizende Einfälle,“ die alle von der Regie herkamen, versprach in aller Unverbindlichkeit viel für die kommende Theaterzeit und wurdeein großer Erfolg. – Josef Marein

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Es ist, als sei man als Lauscher ungebeten dabei und werde Zufallszeuge eines Vorganges, dem man gewöhnlich nur im Theater zu begegnen pflegt; eines „Familiendramas“, das sich in überzeugend, festen vier Wänden einer Hamburger Wohnung abspielt, wo alte Ölbilder hängen, Porträts von rührend nett aussehenden Leuten über den -guten braven Möbelstücken, die sie überlebten, und den Gebrauchsgegenstände. die den gepflegten Wohlstand eines geachteten Bürgerhauses verraten. Die Türen des Zimmers sind. rechte, feste Türen, und wenn sie ins Schloß. fallen, beben die Wände nicht. Der Eintretende weiß noch nicht, was sich hier begeben soll, kein Plakat und kein Programm, kündet es an, und wenn er Glück hat, bekommt er nach all dem das er in diesem Zimmer miterlebt hat, ein winziges, mit Bleistift geschriebenes Zettelchen in die Hand mit des Namen derer, die eben noch Helene Alving. OswaldAlving Regine und Carl Engstrand und Pastor Manders hießen, die Namen derer, die in Hendrik Ibsens Familiendrama „Die Gespenster“ auftreten

Dieses Auftreten in dem Zimmer ohne theatermäßige Voraussetzungen ist fast spukhaft. Ejn älterer Mann in der Tracht eines geistlichen Herrn kommt herein. Er blickt sich um, als sähe er es nach langen Jahren zum ersten Male wieder, und nirgendwo scheint ein Spiel so wenig Spiel, wie jenes, das sich hier entwickelt. Helmuth Gmelin (der Bruder des 1940 verstorbenen Dichters Otto Gmelin) kam auf den Gedanken, geeignete Theaterstücke in einem Wohnzimmer spielen zu lassen. Dieses Zimmer ist gleichzeitig das Studio, des Schauspiel-Lehrers Gmelin, aus dem zwei junge und recht begabte Kräfte hervorgingen (Elisabeth Seifert und Boy Gobert) und überzeugend neben den bewährten und bekannten Darstellern (Magda Stephani und Adolph Hansen) ihre Rollen entwickelten. – Ein aparter Einfall in der Tat, dies „Theater im Zimmer“, und ein für Stadt und Land anregender Beweis dafür, daß ernsthaftes Kunst- – bemühen ohne alles Drum und Dran auskommen, ja, daß hierin sogar eine Pointe verborgen sein kann, mehr noch: eine Idee, mehr noch: ein Stil.

A. Nowakowski