Von Walther Kiaulohn

Der Rowohlt-Verlag, Stuttgart und Hamburg, bereitet eine Auswahl der Feuilletons von Walther Kiaulehn vor, die unter dem Titel „Nachtwache im Morgenlicht“ erscheinen wird.

Nervöse sollen abseits bleiben. Ein Zappelphilipp soll keine Angelrute in die Hand nehmen; Der Fisch ist ein nervöses Tier, Er schwimmt nicht nur besser als der Mensch, er ist auch feinnerviger als jeder Nervöse. Ein nervöser Mensch wird nie einen nervösen Fisch fangen. Der echte Angler ist kühl bis ans Herz. Er will-sich mit Angeln nicht beruhigen. Angeln ist aufregend. Die besten Angler sind die Briten und die Chinesen. Beide Völker sind kühl und besonnen, Die Chinesen angeln noch besser als die Engländer, weil sie mehr Phantasie haben. Dafür haben die Engländer mehr Sportgeist. Ihr Sinn für das Königliche in der Kreatur hat sie zu Meistern der Forellenangelei gemacht. Die Forelle ist ein königliches Tier, sie ist tänzerisch, scheu, mißtrauisch und verwegen zugleich.

Die Forelle kann man fangen/und die Forelle kann man angeln. Die Dorfbuben und die Wilderer fangen sie mit einem Stachelring. Der Stachel sitzt dabei in der Innenfläche der Hand. Die Forelle verliert ihre Scheu nur im prallen Sonnenlicht. Sie liebt es, unter den überhängenden Ufern still gegen den – Strom zu stehen und sich zu sonnen. Dabei verfällt das Tier in eine Art von Trauer. Man kann die Hand mit dem Stachelring ganz leicht unter die Forelle schieben; sie bewegt sich nicht, das leichte Streicheln scheint ihr sogar wohl zu tun. Dann aber erwacht sie aus ihrer Sonnenverzauberung und will entfliehen. Da packt die Menschenhand zu, und der Stachel bohrt sich in den Leib des Fisches. Das ist gemein und widerlich.

Man kann mit Pistolen nach Forellen schießen. Wenn man einen guten Hund dabei hat, kann diese Art von Jagd sehr einträglich sein. Der Gentleman wird sie nicht ausüben. Der richtige Angler vorführt die Forelle mit der künstlichen Fliege.

Man kann natürlich auch richtige Fliegen auf den Angelhaken spießen oder auch Würmer. Aber man tut es nicht. Ich kannte nur einen, der es tat. Es war ein sächsischer Medizinalrat, den ich an den Forellenbächen des Spessarts, traf. Er war der beste Forellenkenner, den ich je gesprochen habe. Er war ein Kenner, aber kein Jäger. Er selber sagte von sich, daß er nur solche Fische fange, die sichere Anzeichen von Lebensüberdruß erkennen ließen. Es war phantastisch und etwas gruselig, zu sehen, wie dieser weißbärtige Mann Fische f ing. Nicht wie der echte Forellenangler, schlich er sich gegen den Wind und die Sonne an den Fluß heran, um nicht durch Witterung und den Schatten der Hüte das Mißtrauen der Fische zu erregen. Er stand in seinem schwarzen Lüsterjackett Wie ein Melancholiker still am Brückengeländer der Forellenbäche und hatte die seidene Schnur mit dem Haken um seinen Finger gewickelt. Er starrte lange in den Strom und brummelte irgend etwas vor sich hin; Es war so, als ob er alle Forellen beim Namen kannte. „Die. Ella“, brummelte er, „scheint mir lebensmüde zu sein.“ Dann ließ er die Schnur von seinem Finger abrollen, und es dauerte nicht lange, bis sich der Fisch in den Haken verbissen hatte. Sicher hat dieser makabre Fischfänger mehr Beute gemacht als mancher königliche Forellenjäger. Ein Angler wird ihn nie darum beneiden.

Wie die wilden Schießer die schlechtesten Jäger sind, so sind auch die beutereichen Fischer nicht immer die besten Angler. Der echte Angler will ja nicht den Fisch erlegen, um ihn zu verkaufen oder zu verzehren. Er will nichts, als sich die Natur Untertan machen nach seinem Sinne.