Gerüchte können so hartnäckig, so bösartig und lästig sein, wie Mücken abends im Schlafzimmer. Eines der übelsten Gerüchte,das die Beziehungen zwischen der britischen Besatzungsmacht und der deutschen Bevölkerung geradezu vergiftet, ist die Erzählung von angeblichen Lebensmittellieferungen aus unserer Zone nach England und von fälschlich als Auslandsware umdeklarierten deutschen Lebensmitteltransporten.

Verhältnismäßig harmlos, weil leicht zu widerlegen, ist noch die berühmte Weizengeschichte, die sich in Oldesloe zugetragen haben soll, oder in Vechta, in Barsinghausen, in Soest – oder sonst immer.„DerSchauplatz wechselt; der Schwindel bleibt der gleiche. Da haben, so wird erzählt, Bauern einen Waggon Weizen eingeladen, und als einer von ihnen nach einer guten Stunde zum Bahnhof zurückkehrte, um seine dort vergessene Jacke zu holen, fand er zu seiner Überraschung auf dem Waggon angeschrieben: „Amerikanischer Weizen“. – Tendenz also mit den überseeischen Getreidelieferungen stimmt es gar nicht; was uns als Zuschuß präsentiert wird, das ist, ganz oder doch teilweise, in Wirklichkeit deutsches Produkt... Aber wie naiv ist dieAnnahme, daß der Eisenbahner, der ja aus dem Klebezettel genau ersieht, wo der betreffende Waggon wirklich herkommt, durch eine „Beschriftung“ irregeführtwerden könnte, die die deutsche Ware als Auslandsgut deklariert! Genau so töricht, wäre die Annahme, daß der Arbeiter in der Mühle durch eine solche „Beschriftung“ düpiert werden könnte, der ja nun wirklich deutsches Getreide von amerikanischer Ware zu unterscheiden weiß. Wer aber, außer Eisenbahnern und Mühlenarbeitern, bekommt sonst noch den so merkwürdig plakatierten Waggon zu sehen – wer, sonst noch könnte irregeführt werden?

Weit gefährlicher, weil mit vernunftgemäßen Überlegungen nicht zu treffen, ist das überaus zählebige Gerücht, wonach deutsche Butter in beträchtlichen Mengen nach England gehen soll. Einmal heißt es, daß eine Frau in Bersenbrück einen Brief von ihrer Schwester Elly aus Nottingham bekommen haben soll, in dem geschrieben steht, daßSelfridge „deutsche Butter“ verkauft, und ein andermal, daß ein Bekannter aus Nienburg in einer englischen Zeitung selber das entsprechende Inserat eines Warenhauses gelesen hat. Dritte Fassung: in Wellingholzhausen ist eine Frau von den britischen Behörden festgesetzt worden, als sie dort vorsprach, mit dem Brief ihrer Cousine Mary aus Cardiff in derHand, und Aufklärung erbat, ob denn die ungeheuerliche Nachricht dieses Briefes – diebewußte „Butterlegende“also – zutreffen könne...

Man sieht: diese Gerüchte sind viel zu sehrmit konkreten (freilich niemals nachprüfbaren!) Angaben verquickt, als daß sie mit allgemein gehaltenen Dementis aus der Welt geschafft werden könnten. Einsolches generelles Dementi hat Mr. Stokes, M. P., vor kurzem wieder auf Grund einer Anfrage im Unterhaus von Minister Bevin erhalten: „Es würden oder werden keine deutschen Lebensmittel nach England ausgeführt ... es ist den Angehörigen der britischen Kontrollkommissionund den britischen Streitkräften in Deutschland streng verboten, irgendwelche Nahrungsmittel aus der deutschen Erzeugung für den eigenen Gebrauch zu entnehmen

Mr. Stokes ist offensichtlich daran gelegen, dies üble und vergiftende Gerücht mit allen Wurzeln auszureißen und den Feststellungen des britischen Außenministers auch im deutschen Publikum Anerkennung zu verschaffen.

Mit Polizeimaßnahmen ist gegen Gerüchte, wie bekannt, nicht anzukommen. Wie aber wäre es, wenn man, um die Quelle aufzuspüren – oder vielmehr: um darzutun, daß ihnen jede reale Grundlage fehlt! – eine gewisse „sportliche Note“ in diese Jagd nach der Nachricht hineinbringen würde, mit der Auslobung einer Prämie für denjenigen, der als Erster effektive und beweiskräftige Unterlagen für das Vorliegen deutscher Lebensmitteltransporte nach England herbeischafft? Die Zusicherung der Straffreiheit, die Benennung eines wahrhaft unparteiischen Schiedsgerichtes, das die Unterlagen prüft und über den Tatbestand entscheidet, die Bereitstellung einer Prämie von, sagen wir, fünf Pfund Butter (aus dem families shop natürlich!) – all das sollte keine unüberwindlichen Schwierigkeiten – machen. Und alle Menschen in der britischen Zone würden für ein paar Wochen lang, mit Spannung an jenem eigenartigen Wettkampf teilnehmen, wobei es darum geht, ob Mrs. Elly aus Nottingham undMiss Mary aus Cardiff recht gesehen, gehört, gelesen und geschrieben haben, oder ob sie irrten, und Mr. Bevin also doch richtig informiert war. n. f.