Der Patient, der das blitzende und scharf geschliffene Werkzeug des Chirurgen oder des Zahnarztes mit Hoffnung oder Sorge betrachtet, pflegt nicht darüber nachzudenken, wieviel an Forschung und Erfahrung, Erfindungsreichtum und Kunstfertigkeit in diesen vielfältigen Instrumenten Gestalt gewonnen hat. Die chirurgischen Instrumente, die ihnen nahe verwandten Geräte der Veterinärmedizin und die zahnärztlichen Instrumente, umfassen dieverschiedensten Spielarten von Messern (Skalpellen), Zangen, Scheren und Pinzetten, daneben Nadeln und Spateln, Bohrer und Sägen, Nadelhalter und Klammern und unzählige andere Dinge, oft innerhalb der einzelnen Gruppe in unterschiedenen, nach ihrem Urheber benannten Formen: Kugelzangen nach Tiemann, Hohlmeißel nach Luer, Kropfsonden nach Kocher und viele andere.

Die deutsche Industrie der chirurgischen Instrumente, die vor dem Kriege etwa 4000 Beschäftigte in der eigentlichen Chirurgie und 2000 Beschäftigte in der Dentalindustrie zählte, ist, neben Betrieben in Hamburg, Hannover, Bielefeld und anderen Städten, vor allem in Solingen und in Tuttlingen (Württemberg) konzentriert. Daß Solingen neben seinerWeltbedeutung auf dem Gebiet der Schneidwaren auch in der Herstellung chirurgischer Instrumente eine führende Stellung erringen konnte, ist in der Lage der Dinge begründet: beide Industrien beruhen zum Teil auf der Leistung derselben Facharbeitergruppen, der Schleifer, Härter und Nagler; ein Teil ihrer Erzeugnisse ist nahe verwandt – Verbandscheren mit Haushaltscheren, Irisscheren mit Hautscheren –, und nicht wenige gemischte Betriebe befassen sich gleichzeitig mit der Herstellung von chirurgischen Instrumenten und von Schneidwaren. Übrigens wird von den Solinger Gesenkschmieden auch ein erheblicher Teil der Rohware geschlagen, die von der Tuttlinger Industrie weiterverarbeitet wird.

Es ist eine Industrie, die keine Großbetriebe kennt. Nur wenige Unternehmungen zählen mehr als 100 Beschäftigte. Die meisten Betriebe haben weniger als 25 Arbeitskräfte einschließlich der Heimarbeiter, die in dieser Industrie eine wichtige Rolle spielen und von den meisten Betrieben beschäftigt werden.

Es spricht für die Qualität handwerklicher Präzisionsarbeit, daß eine Industrie, dieallein in der britischen Zone auf rund 100 überwiegend kleine Betriebe sich, verteilt, sich nicht nur auf den inländischen Markt beschränkte, sondern sich auch im Ausland durchzusetzen wußte. Die gesamte Medizinmechanik, zu der neben den erwähnten Instrumenten vor allem noch medizinische Spritzen, Operations-, Krankenhaus und Zahnarzteinrichtungen sowie die Herstellung von Bandagen und orthopädischen Erzeugnissen. gehört, erzielte vor dem Kriege jährliche Exporterlöse von 14 bis 16 Mill. RM; etwa 35 v. H. der gesamten Erzeugung wurden ausgeführt; Die chirurgische, veterinärmedizinische und zahnärztliche Industrie war jedoch innerhalb dieser Gruppe mit einem Exportanteil von fast 50 v. H. besonders ausfuhrintensiv; auf sie einfielen rund 45 v. H. der Produktion, aber mehrals 60 v. H. der Ausfuhr der Medizinmechanik.

Heute hat sich gegenüber dem Jahre 1938 vieles geändert. Zahlreiche Betriebe haben Kriegsschulden erlitten; in die Kapazität anderer wurde durch Demontags von Maschinen eingegriffen. Auf manchem Fertigungsgebiet vermag nicht, einmal der Inlandsbedarf gedeckt zu werden. Auf die vielfältigen allgemeinen Schwierigkeiten, der deutschen Industrie braucht an dieser Stelle nicht eingegangen zu werden. Aber es liegt auf der Hand, daß eine sosehr auf manuelle Geschicklichkeit, die durch Maschinen nie ganz zu ersetzen ist, angewiesene Industrie mit ihrem Facharbeiterstande steht und fällt: chirurgische -Instrumente fordern Präzisionsarbeit; einwandfreie Oberflächenbearbeitung, Schnittfähigkeit, sorgfältiges Zusammensetzen sind von ausschlaggebender Bedeutung. Die Ausfälle durch Krieg und Kriegsgefangenschaft und die allgemeinen Verhältnisse machen es heute fast ungemeinen ausreichenden Nachwuchs für die Berufe der Instrumentenmacher und Instrumentenschleifer zu finden.

Andere Sorgen gelten der Materialfrage. Vor allem werden Eisen und Stahl, meist legiert, undNichteisenmetalle, vor allem Messing, verwendet. Nickelanoden und Chromsalze sind für die Oberflächenbearbeitung besonders wichtig. Dat chirurgische Instrumente nur aus bestem Material gefertigt werden können, versteht sich. Die Instrumente müssen korrosionsbeständig und unter Verwendung der erforderlichenHilfsstoffe sorgfältig bearbeitet sein. Heute reicht die Eisenzuteilung nicht für den Inlandsbedarf. Die Versorgung mit Nichteisenmetallen bisher ganz unzureichend und steht vor dem Erliegen. Wegen Phenohmangels fehlt es an Perlonborste zum Schleifen und Polieren. Es fehlt an Papier für die Verpackung.

Eine so arbeitsintensive Industrie würde durch Ausfuhr wertvolle Devisenerlöse erzielen, können. Die Industrie würde von sich aus alles daransetzen, die Ausfuhr wiederaufzunehmen. Voraussetzung ist, daß sie in die Lage versetzt wird, ihre Erzeugnisse wieder in der alten Qualität herzustellen. Voraussetzung ist neben einer allgemeinen Gesundung der deutschen Wirtschaft die Zuteilung der erforderlichen Rohstoffe und Hilfsstoffe und des Verpackungsmaterials, ausreichende Ernährung des Arbeiters, elastisches Exportverfahren.

Gewiß, auch die Industrie des Auslandes ist nicht untätig. Sheffield hat die Ausfuhr chirurgischer Instrumente im Jahr 1946 gegenüber 1938 auf das Vierfache gesteigert und ist um weitere Fortschritte bemüht. Andere Länder, vor allem auch über See, wie Kanada, Australien, Südamerika, suchen eigene Industrien zu errichten oder auszudehnen und sich von englischen oder deutschen Lieferungen unabhängig zu machen. Die deutsche Industrie auf der anderen Seite wird noch von Demontageplänen bedroht, obwohl man sie kaum als eine Rüstungsindustrie bezeichnen kann –hoffen wir, daß die Entscheidung noch nicht gefallen ist und nicht von kurzsichtigen Konkurrenzerwägungen beeinflußt wird. Es ist hier auch zu bedenken, daß unsere Industrie wegen ihrer Kapazitätseinbußen und des außerordentlich hohen kriegsbedingten Nachholbedarfs der größte! Anstrengungen bedürfte, um nur den Inlandsbedarf zu befriedigen. Trotzdem würden wir gerne, soweit sich eine Einschränkung der Inlandsversorgung mit Rücksicht auf die Volksgesundheit verantworten läßt, nach besten Kräften, dazu beitragen, daß die finanzielle Last der deutschen Nahrungsmitteleinfuhr von dem amerikanischen und britischen Steuerzahler auf deutsche Schultern übergeht. M. N.