Von Hanns Braun

Wen Not oder Neigung veranlassen, gelegentlich bei Freunden, Bekannten oder gar nur bei Bekannten von Bekannten zu übernachten, den erwartet, während er das Abschiedsbrötchen kaut und bereits anfängt, Dank und Rührung zu stammeln, immer mal wieder der bewußte kleine freundschaftliche Überfall. "Heimine", sagt der Gastgeber zu seiner Herzallerliebsten, "hast du eigentlich Herrn Braun schon unser Gästebuch gegeben?" Worauf Frau Hermine mit einem kleinen Schrei, der wie ein Juchzer klingt, den Himmel um Verzeihung bittet, daß sie es beinah vergessen hätte, und es vom Schreibtisch nimmt, wo es griffbereit gelegen hat.

Dem Gast, dem sie es schmeichelnd neben die Tasse spreitet, ist schon vorher, beim Worte Gästebuch, verschiedenes erloschen und abgestorben; denn er weiß, daß man von ihm erwartet, er solle, was er soeben noch ganz herzhaft und ehrlich empfunden hat, nunmehr in gemessene Worte, oh! womöglich nicht bloß in Worte, sondern in Reime fassen – und diese Vorstellung genügt, das eben noch übervolle Gefäß seiner Seele jäh auslaufen zu lassen: Dank und Rührung sind mit eins im Bodenlosen verschwunden.

Wenn er ein kalter, zynischer Mensch ist, dann zückt er seinen Federhalter oder bittet sich einen aus unter Hinweis auf die Tatsache, daß man ja eigentlich weder Federhalter noch Frauen verleihen dürfe, und schreibt Namen und Datum hinein und sonst gar nichts. Wenn er aber unter Gefälligkeitsskrupeln leidet (weil man ja schließlich auch zu ihm gefällig gewesen ist), dann schwirren ihm, seit das Stichwort fiel, Rhythmen- und Reime bruchstückweise wie zertrümmerte Atomkerne durch den Schädel, und mit der schlicht behaglichen Verdauung des letzten Nährhefebrötchens ist es vorbei. Leise stöhnend stellt der Gast vom Verdauungstrakt auf Innerlichkeit um und entpreßt sich einen Vierzeiler, der auch ihm selber, dem Autor, wie eine Erdbeere schmeckt, auf der eine Baumwanze gesessen hat. Solchergestalt, in letzter Minute husch, husch einer Dankespflicht genügend, hat er sie versäumt, er spürt es selber; das Tröpflein Ironie, mit dem er sich gegen die kleine Nötigung zu salvieren gedachte, hat ihm den ganzen schuldigen Dank verätzt, und vorwurfsvoll schauen ihn die über zwei Seiten hin aufmarschierten Reimkolonnen seines geehrten Bettvorgängers an, der offenbar zu jenen wundervollen Menschen gehört, die bei solchen Gelegenheiten der aufhorchenden Mitwelt den Beweis nicht schuldig bleiben, daß sie in Wahrheit Dichter sind –, während sie Kompensationsgeschäfte nur aus leidiger Notdurft tätigen.

Zerknirscht nimmt es der Gast, wahr. Ohne das dumme Zeug, das er geschrieben, auch nur eines Blickes zu würdigen, klappt er das Gästebuch zu und sucht, mit einem Anflug von Pfiffigkeit den Bescheidenen spielend, seine lieben Gastgeber zu bewegen, es doch ja erst nachher zu lesen. Allein Frau Hermine weiß, was sich gehört, und läßt es sich nicht nehmen: mit vorgeschobenen Lippen liest sie halblaut, was er verbrochen, und wenn sie an einem schlecht geschriebenen Buchstaben hängenbleibt, muß er ihr gar noch einhelfen; ein bißchen Strafe hat er ja schließlich verdient, ‚Wie gut‘, denkt er in halber Verzweiflung, ‚daß ich nicht auch noch zeichnen kann!‘ Und er preist insgeheim den Schöpfer dafür, daß er in seinem Falle mit, der Austeilung gästebuchwürdiger Talente sparsam umgegangen. Derlei will aber Frau Hermine durchaus nicht wahrhaben. Und obgleich es ihr durch den Sinn zieht, daß letzthin Herr Flossenhauer es doch bedeutend poetischer und feuriger zustande gebracht habe, sagt sie laut, daß sie es "so eigen", finde – "nich, Heinrich?" –, und nun tut sie, was dem Gaste angestanden hätte und schiefgegangen ist: sie bedankt sich, bedankt sich herzlich...

Doch möchte ich gern einen Vorschlag zur Güte, wenn auch nur in Prosa, ausbrüten. (Hier ist er.) Wie wäre es, sagt sich der Beschämte, wie wäre es – wenn schon Gästebuch – mit einer neuen Art Gästebuch?

Etwa von der Art, die ein alter Admiral unsrer Freundschaft über seine Gäste, ohne sie reimlichschleimlich, zu behelligen, geführt hat, indem er jeweils genau verzeichnete, mit wem er die "Forster Jesuitengarten-Auslesen" seines Weinkellers getrunken –, wobei er hinter Namen und Datum zwei Zeichen, je nachdem, anmerkte. Eines, das den Gast als würdigen Schwiecker und Mittrinker kennzeichnete, was dem Ahnungslosen bei nächster Wiederkehr die Aussicht auf gewisse noch verstaubtere Herrlichkeiten des weiland admiralischen Kellers eröffnete. Und ein anderes, einem Grabkreuz nicht unähnlich, das dem achtlosen Nipper oder gaumenlosen Hinunterstürzer die Verlegenheit, vor des Bacchus erlesensten Gaben zu versagen, ein für allemal abnahm. –