Ueberraschend schnell, in knappen zwei Tagen, haben die Länder des britischen Empires in der Commonwealth-Konferenz in Canberra Sich über das Programm der vorbereitenden Friedenskonferenz für den Fernen Osten in Washington oder in Tokio geeinigt und damit den allgemeinen Eindruck verstärkt, daß dem Neubau Ostasiens, soweit er Japan betrifft, große Hindernisse nicht mehr im Wege stehen. Optimisten erwarten nunmehr, daß diese vorbereitende Friedenskonferenz, zu der die Vereinigten Staaten die Einladungen ausschickten, bereits im Oktober, spätestens aber Anfang. November zusammentreten kann. Sie glauben, daß endgültige Abmachungen oder wenigstens sichere Formulierungen über den neuen, fernöstlichen Frieden schon vorliegen können, wenn im späteren November die Beratungen über den Frieden mit Deutschland in London wieder aufgenommen werden.

Dieser Glaube, namentlich in Ostasien weit verbreitet, sieht’seine Kraft aus der Überlegung, daß eigentlich alle wichtigen Fragen durch die bedingungslose Kapitulation und die im Laufe einer zweijährigen Besetzung bereits getroffenen Entscheidungen der Siegermächte vorgeklärt sind. Die im Augenblick noch als provisorisch geltenden Zustände und Regelungen brauchen nur – so geht die Argumentation durch einen feierlichen Friedensvertrag sanktioniert in werden; das Gerüst des fernöstlichen Friedens, wie er den meisten am Pazifischen Krieg beteiligt gewesenen Ländern vorschwebt, sehen die Optimisten in dem Gesetzes und Verordnungswerk des Obersten Befehlshabers der alliierten Mächte im Pazifik, des Generals MacArthur, schon vorgezeichnet und gegeben. Dieser Auffassung, kann man auch als Pessimist kaum widersprechen, wenn man den fernöstlichen Frieden, der da kommen’soll, hauptsächlich oder gar ausschließlich als einen Frieden mit Japan betrachtet und wenn man territoriale und Reparationsfragen als seinen Hauptinhalt ansieht. Die Reparationsfragen namentlich sind, durch amerikanische Anstrengungen und durch amerikanische Initiative von MacArthur und dem Reparationssachverständigen Pauley mächtig vorangetrieben worden. Gerade um der japanischen Industrie einen Auftrieb, für den Frieden zu geben, hat MacArthur schon vor Monaten endgültig entschieden, welche industriellen Anlagen für die Demontage, in Frage kommen und welche, der-japanischen Wirtschaft auch nach dem Friedensschluß verbleiben sollen. Die Fernost-Kommission – in Washington, das höchste die Politik, in Japan bestimmende-Gremium der am Krieg beteiligt gewesenen Länder, hat diese Eintscheidungen nachträglich genehmigt, und mit der Verteilung der Anlagen ist. bereits begonnen worden. In territorialer Hinsicht, hinwieder zweifelt niemand mehr daran, daß Rußland die Südhälfte von Sachalin und die Kurilen bis zur Nordostspitze von Hokkaido endgültig übernommen hat, daß China ebenso endgültig wieder in Formosa Fuß gefaßt hat und nur im Hinblick auf die Mandschurei seinen de-jure-Anspruch einstweilen noch / nicht voll hat durchsetzen können. Schließlich ist auch daran nicht zu zweifeln, daß die Treuhänderschaft der Vereinigten Staaten über die Mandateinseln, die Boningruppe und die Okinawas nur noch durch freiwillig mit Australien und Neuseeland abzuschließende Verträge über gemeinsame Flottenstützpunkte eingeengt werden kann. Japans künftige Gestalt Jedenfalls liegt fest: außer den vier Hauptinseln Kyuschu, Schikoku, Honschu und Hokkaido werden nur noch die Unmittelbar im Küstengebiet dieser Hauptinseln liegenden kleinen Inseln zum neuen japanischen Reich gehören.

Das alles würde sehr günstige Perspektiven für einen baldigen Friedensschluß eröffnen, wenn nicht noch Korea vorhanden wäre, wo der 38. Breitengrad als Demarkationslinie zwischen dem amerikanischen und dem russischen Besatzungsgebiet allmählich die Rolle eines Eisernen Vorhangs angenommen hat, wie wir ihn in Deutschland von der Elbelinie und in Europa von der nordgriechischen Grenze her. kennen. Ein unabhängiges selbständiges Korea würde in seiner wirtschaftlichen Schwäche, natürlich zunächst reichen und gebefähigen Freunden zustreben, und die Nordgrenze eines solchen unabhängigen Koreas würde nur knappe hundert Kilometer von Wladiwostok entfernt verlaufen. Ein geeintes, kommunistischen Idealen anhängendes Korea aber würde nicht nur den südlichen Ausgang der Japansee für Rußland offenhalten; es würde ideologisch wie strategisch ein gutes Sprungbrett zum asiatischen Festland abgeben. Es wäre eine ungeheure Trumpfkarte im Spiel der kommenden Dezennien und im Spiel um den ganzen südlichen Kontinent.

Es ist deswegen, kaum zu verwundern, daß bisher alle Bemühungen der Amerikaner, die koreanische Frage durch direkte Verhandlungen der militärischen Befehlshaber an Ort und Stelle einer politischen Entscheidung entgegenzuführen, gescheitert sind, und es ist deswegen ebenso wenig erstaunlich, daß die russische. Antwort auf die amerikanische Einladung zur vorbereitenden Friedenskonferenz, inoffiziell wenigstens, kühl ablehnend ausgefallen ist. Die Russen halten den Zeitpunkt für eine regelrechte Konferenz aller. Beteiligten überhaupt noch nicht für gekommen; sie wollen bestenfalls zu fünft einen Entwurf aufarbeiten. Wenn demgegenüber aber heute schon in anglo-amerikanischen Kreisen davon gesprochen wird, daß man für die Annahme der Einzelbestim-"jungen des Friedensvertrages eine Zwei-Drittel-Mehrheit als ausreichend, ansehen müßte, so kommt darin eine Tendenz? zum Ausdruck, die in ihrer-extremsten Formulierung kaum vor Sonderfriedensmöglichkeiten unter Ausschluß Rußlands zurückschreckt. Ein Reuter-Kommentar aus Canberra, der einzige nebenbei, der auf Stimmungen unter den Konferenzteilnehmern eingeht, spricht das, anders herum aus, indem er betont, daß sich die Empirepolitik in Ostasien gegen jede Zunahme des’sowjetischen Einflusses im Pazifik richten werde.

Und hier: werden, die Dinge für uns in Deutschland nicht nur interessant, sondern auch lebenswichtig: Ob Rußland sich an der Konferenz beteiligen wird oder nicht, ob Beschlüsse mit Zwei" drittel-Mehrheit oder einstimmig gefaßt werden müssen und in welcher Form die russische Unzufriedenheit mit den in Jalta festgelegten Bestimmungen, auch territorialer Art, sich gegebenenfalls äußern wird, dürften schon bekannte Tatsachen sein, wenn in London die Mächte zur Fortsetzung der europäischen Friedensgespräche zusammentreten. Vorausgesetzt, daß wirklich die Konferenz von Washington oder Tokio schon im Oktober stattfinden kann, wie es die Amerikaner planen.