Auch offizielle Mitteilungen zentraler Wirtschaftsinstanzen können heute nicht mehr als unbedingt zuverlässig gelten. Das wird dadurch bewiesen, daß der Verwaltungsrat für Ernährung und Landwirtschaft in Stuttgart mit Schreiben vom 15. Juli 1947 – III B2 – 1478/47 – „neue Schwundsätze für den Lebensmittelhandel“ der westlichen Doppelzone festlegte, während vier Wochen später gelegentlich einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft des Lebensmitteleinzelhandels der Doppelzone seitens des Vertreters eines norddeutschen Landwirtschaftsminister erklärt wurde, jene Entscheidung des Landwirtschaftsrats, die auf einen Beschluß aller Landesernährungsämter der Doppelzone zurückging, sei Infolge Einspruchs verschiedener Fachabteilungen des Zentralen Ernährungsamtes vom Verwaltungsrat für Ernährung und Landwirtschaft noch nicht in Kraft gesetzt worden! Es sei auch nicht ausgeschlossen, daß einzelne der vom Landwirtschaftsrat in seinem Schreiben angeführten Schwundsätze noch revidiert werden würden. Insbesondere sei zweifelhaft, ob für Butter ein Schwundsatz von 2 v. H. anerkannt werden würde. Der Lebensmittelkaufmann, der durch Veröffentlichungen in der Presse, in offiziellen Nachrichtenorganen oder durch Rundschreibendienste zu der Ansicht gekommen war, die Schwundfrage sei endlich einigermaßen zufriedenstellend gelöst worden, muß nun erfahren, daß St. Bürokratius sich doch noch gewisse Hintertüren aufgehalten hatte, durch die er nun schnell zu entschlüpfen trachtet, weil das was sämtlichen Landesernährungsämtern und

einem Ernährungs- und Landwirtschaftsrat recht war, verschiedenen Fachabteilungen des gleichen Ernährungs- und Landwirtschaftsrates durchaus noch nicht billig ist. Er wird sich ferner darüber belehrt fühlen, daß eine Behörde, die immerhin ministeriellen Charakter für sich in Anspruch nimmt, durchaus in der Lage ist, vollkommen unverbindliche Briefe zu schreiben –. unverbindlich jedenfalls insofern, als man einige Wochen später von ganz anderer Stelle sich sagen lassen muß, die ausdrücklich als solche bezeichnete „vorläufige Festsetzung“ sei beileibe nicht etwa rechtswirksam, sondern müsse überhaupt erst „in Kraft gesetzt“ werden. Man wird es jenem Kaufmann gewiß nicht verübeln können, wenn er darob seinen Kopf schüttelt und sich seine eigenen Gedanken macht.

Die Angelegenheit hat aber auch insofern praktische Folgen, als in jenem Schreiben nicht nur die Höhe der Schwundsätze, sondern auch das Verfahren ausdrücklich „festgelegt“ wurde, wonach nämlich „in der Regel nach einem Zeitraum von drei Zuteilungsperioden, beginnend mit dem Ende der 104. Zuteilungsperiode, die Ernährungsämter Bezugsscheine auf Grund der vorstehenden Tabelle ausstellen.“ sollten. Mittlerweile hat die 105. Zuteilungsperiode längst begonnen. Der Kaufmann, der sich nach jenem amtlichen Schreiben richtete, kann nun zusehen, wie er fertig wird. Aber das

ist etwas, was Behörden, die unverbindliche Briefe schreiben, möglicherweise nicht einmal besonders stark interessieren wird. pf.