Diese Oper, zur Export-Messe in Hannover uraufgeführt,ist – sagen wir es offen – keine Messe wert, und es steht auch nicht dafür, daß sie an andere Bühnen exportiert werde. Es handelt sich offensichtlich um das Werk eines Lokal-Komponisten, der als Prophet in seinem Lande etwas gilt. Seine Prophezeiungen deuten dafür auch, keineswegs in die Zukunft; man hörte eine Musik, deren Formsprache – um nicht Phraseologie zu sagen – demjenigen tief vertraut ist, der Wagner und Verdi kennt: ja, diese beiden Antipoden haben in schöner Eintracht beim Werke des hannoverschen Komponisten. Max Peters Paten gestanden; dort aber, wo lyrische Register gezogen wurden, und dort, wo in der mit sakralen Akkorden reich ausstaffierten Sphäre des mittelalterlichen Vatikans weltliche Töne laut wurden, lugte von ferne und durch opernmäßig-würdige Rhythmik getarnt unter anderen Meistern der musikalischen Vergangenheit soger der Meister der Operette Franz Lehár aus der Partitur. War es Zufall, daß in einer gedruckten Beilage zum Programm der Komponist; Max Peters selbst an die neuere Tanz- und Unterhaltungsmusik erinnerte, deren Klangfreude „auf die hohe Kunst“ übergegangen sei? Ist es hohe Kunst, oder sollte man’s nicht einfach Banalität nennen, wenn das Auftreten der Geliebten des Kardinals prompt von der Sologeige begleitet wird, die man so oft schon schluchzen hörte, sobald auf musikalischen Bühnen ein Mädchen in die Knie sank? Derlei Banalitäten gab es mehr zu hören, und sie verrieten allesamt, daß Herr Peters über einige, Belesenheit, über einige Opern- und einige Orchester-, erfahrungen verfügt, diefür eine dickflüssige, schwerfällige Instrumentierung ausreichten, in der das sinnliche Timbre und Waldhorn-Gurren vorherrscht, ganz abgesehen (oder abgehört) von der Verwendung heldischer, geradezu nachthungriger Trompeten, die jedoch öfters zu tief angesetzt waren, wodurch ihre sieghafte Stimmung etwas Gedrücktes erhielten.

MitRecht übrigens! Denn schon die Zustände im Vatikan um 1300, die Ingo Kraus unter des Komponisten textlicher Assistenz heraufbeschwor, sind nicht dazu angetan, fröhlich zu stimmen. Schildert doch dieses mit Recht „tragisch“ genannte Musikdrama, wie der Kardinal Benedetto den Papst Coclestinus ganz einfach durch ein Wunder, veranlaßt, zu seinen – des großen Machthungrigen Gunsten – abzudanken. Das „Wunder“ aber sieht so aus: Die Freundin Maria des teuflischen Kardials, die sowieso ein engelhaftes Nachtgewand anhat, tritt als Engel – Zustände sind das im Vatikan! – vor das Bett des schlafenden Papstes und sagt ihm, was er zu tun habe. Abdankung zugunsten Benedettos. Der Papst, der zum Unterschied von seinem unheiligen Kardinal ein Heiliger ist, fällt prompt auf diesen Schwindel herein und veranlaßt alles Nötige. Aber glaubt man, daß Benedetto und Maria, die nicht nur unter Männern und kirchlichen Roben die einzige Frau beziehungsweise der einzige weibliche Page ist, auf die Dauer Nutzen davon hätten? Schon die ersten Klänge des höchst langweiligen Orchestervorspiels ließen in ihrer romantischen Düsterheit darauf schließen, daß die Oper kein gutes Ende fände. Sie fand statt dessen herzlichen Beifall, der sich an den bunten Wänden der ehrwürdigen Galerie im Schlosse Herrenhausen freundlich brach.

Seltsam! Hannover besitzt einen ausgezeichneten, wenn nicht sogar bedeutenden Dirigenten – Franz Konwitschny –, und siehe: er dirigierte dieses Ganze, als glaube er daran: (Glaubt er?) Sag ich dies von ihm, so muß ich dasselbe von dem tadellosen, vorbildlichen Regisseur Reinhard Lehmann und vom Bühnenbildner KurtSöhnlein sagen, der die Verlogenheit dieses Vatikanbildes, das in Textbuch und Partitur aufgerichtet worden war, in schönen Bauten leibhaftig und glaubhaft machte. Glaubten sie daran? Hannover besitzt ein von hohem künstlerischen Ehrgeiz erfülltes Ensemble, aus dem Hermann Uhde (Kardinal) obendrein groß hervorragte, Hannover besitzt ein ausgezeichnetes Orchester: und alle gaben ihr Bestes her ... nun, was wollten sie auch machen? Es fehlte nichts als ein Komponist. Josef Marein