Von A.Han

Durzyn ist der Name, den die Bewohner des DP-Lagers Wildflecken in der Rhön ihrer Republik gegeben haben. Er ist von einem slawischen Stamm abgeleitet, der nach Ansicht der Polen früher hier gelebt hat. Durzyn ist bekannter in der Welt, als sich der deutsche Zeitungsleser träumen läßt. Sogar die Moskauer „Prawda“ hat diesen Staat im Staat schon eines Artikels gewürdigt, und wenn auch fünfzig Kilometer von Wildflecken entfernt kein Mensch sagen kann, wo Durzyn liegt – in Prag, in Haifa oder Brüssl, überall da, wo Displaced Persons und andere Leute mit toter Vergangenheit und ungewisser Zukunft hinkommen, ist Durzyn bekannt. Durzyn; die Stadt, wo mehr internationale Fäden zusammenlaufen als in mancher europäischen Hauptstadt.

„Wenn Sie unter die Räuber fallen wollen, dann fahren Sie hin“, sagt ein Mann, den wir um den Weg nach Wildflecken fragen. An der Endstation des Bähnles, das nach Wildflecken-Durzyn fährt, warnt eine Frau: „Die Polen lynchen Sie und verarbeiten Sie an Ort und Stelle zu Mus.“ – „Sie werden von denen für ein paar Wochen eingesperrt“, meint ein anderer und noch ein anderen ,,...oder es passiert Ihnen, daß Sie plötzlich nackt, im Walde stehen.“

Nun, das braucht man nicht so wörtlich zu nehmen, obwohl hinter diesen Bekundungen offenbar tatsächliche Erlebnisse der Bewohner dieser Gegend stehen. Es erweist sich nachher auch, daß Durzyn nicht ganz dem Wirtshaus im Spessart“ gleicht, das die Umwohnenden in ihm sehen. Aber ganz harmlos ist es auch wieder nicht.

Vor etwa zehn Jahren befand sich hier einer jener Rhönweiler, die im Sommer gelegentlich von Wanderern oder Leuten, die eine billige Sommerfrische brauchen, besucht wurden. Dann kam die Wehrmacht darauf, daß man hier eine jener Kasernenstädte errichten könnte, die dem Ausland nicht auffallen. durften. Ein Jahr später stand der erste Teil der Stadt mit modernsten Bauten, Straßen, Schwimmbecken und Versammlungsräumen, und in den nächsten Jahren kam hier einer der größten Truppenübungsplätze Deutschlands zustande, mit allem, was in dieser Zeit dazu gehörte, von den gekachelten Bädern bis zum Kino- und Theaterbau. Nach dem Kriege übernahm die UNRRA den Komplex und brachte zunächst einige zehntausend Russen und – nach deren Repatriierung – etwa ebenso viele Polen dort unter. Inzwischen ist ein großer Teil der Polen abgewandert, teils nach Polen, teils ins Ausland, aber es leben immer noch an zwölftausend Polen hier, Männer, Frauen und Kinder.

Das Betreten der Stadt ist den Deutschen verboten. Und uns, die wir uns auf einen dienstlichen Auftrag berufen, wird zunächst gesagt: „Holen Sie sich die Genehmigung im UNRRA-Hauptquartier in Heidelberg.“ Aber dann kommen wir auch ohne diese Genehmigung an der schwer bewaffneten polnischen Lagerpolizei vorbei ins Lager und gleich auf den Bazar. Es ist offizieller Schwarzer Markt für die Bedürfnisse des Lagers. In langer Reihe. stehen an einer Nebenstraße offene Koffer und Kisten, und hinter ihnen sitzen die Verkäufer. Es wird besichtigt, geprüft, gehandelt und gefeilscht. Kaffee, Fotoapparate, Eier, Schuhe, Speck, Radioapparate, Schokolade, Nähmaschinen, Zwiebeln, Stoffe, Rasierklingen. Ein Anzugstoff kostet 3000 bis 5000 Mark, ein paar Herrenstraßenschuhe 1000 Mark, eine kleine Tafel Schokolade 25 Mark, ein Ei 10 Mark, eine mittelgroße Zwiebel fünf Mark, Zucker je Kilo 150 Mark. Offenbar blüht das Geschäft. indes, woher kommen die Waren, die hier angeboten werden? Ein junger – Pole zuckt die Schultern. Zigaretten, Schokolade oder Kaffee kommen aus den UNRRA-Zuteilungen, aber nicht nur – daher. Es kommen fast täglich „private“ Lieferungen von außen. Die Großhändler des Lagers-sind ständig auf Geschäftsreisen.

Die Bevölkerung freilich schimpft, aber sie nimmt teil an den Geschäften von Wildflecken, soweit sie dazu in der Lage ist.-Die Eier, der Speck, die Zwiebeln können nur von den Bauern der Umgebung kommen, und wer an einem Sonntagnachmittag durch eins der Dörfer spaziert und aus jedem zweiten Haus vom Kaffeeduft angeweht wird, kann sich ausrechnen wieviel hier kompensiert wird.