Von Levis H. Lorenz

Bei den anziehenden Nachhilfestunden, die uns heute, die Theater geben, damit wir den Anschluß an die Oberstufe Europa-Amerika wiedergewinnen, war diesmal Jean Cocteau dran. Wir haben die dialektische Poesie, den surrealistischen Märchenzauber eines Jean Giraudoux genossen und haben uns willig von der starken theatralischen Kraft eines Anouilh mitreißen lassen und mit dem Autor seine Helden überlebt, die ihrerseits den Tod vorzogen. Wir sehnen uns danach, die Zeitungsmeldung, daß des Philosophen und Dramatikers Sartre Stammcafé wegen nächtlichen Diskussionskrachs behördlicherseits geschlossen wurde, wichtiger nehmen zu dürfen als die, in der von der Schließung von Schwarzhandelsgeschäften die Rede ist. Daß Cocteau zu den Namen gehört, die heute Frankreichs Ruhm ausmachen, wird unterstellt. Während und nach der Aufführung seines dreiaktigen Stücks „Die Schreibmaschine“ in der – „Jungen Bühne“ zu Hamburg wird nun gefragt: warum?

Um dies vorwegzunehmen: die Klasse hat leicht aufgefaßt und flott gearbeitet, ihr Urteil („Kriminalreißer eines Literaten“) bietet keine Überraschung. Nur werden weitere Begegnungen mit Cocteau einige heilsame Verwirrung anrichten, und die allzu glatte Rechnung von damals wird sich ziemlich komisch ausnehmen. Gegen die „Schreibmaschine“ läßt sich vielerlei einwenden. Für Kriminalreißer gibt es geeignetere Spezialisten. Die Fragwürdigkeit und das Eigenrecht der Jugend, ihr Widerstand gegen die Welt der Erwachsenen – eines der Leitmotive in Cocteaus Stück – ist von André Gide gründlicher und bedeutender gestaltet worden. Der Mief und die tödliche Banalität einer französischen, Kleinstadt haben in Julien Green einen weitaus packenderen Chronisten gefunden. Schließlich könnte man sagen, daß das Thema überhaupt vieux jeu sei: Aufruhr und drohender Skandal, verursacht durch, recht peinliche anonyme Briefe. Das Stück wurde 1941 beendet; es ist anzunehmen, daß auch im Provinzkaff der Familientratsch und die Flecke auf der Weste verblaßt sind vor den blutigen Auseinandersetzungen zwi- – schen resistente und collaboration, fürs erste jedenfalls Dennoch sollte man spüren, daß diese Beanstandungen der Persönlichkeit des Autors keinen wesentlichen Abbruch tun, daß ein nicht zu übersehender Mann bestehen bleibt, auch wenn man ihm nachweisen sollte, daß sein ganzes Stück nicht tauge. (Was übrigens falsch wäre! Zum mindesten sind großartige Rollen darin.) Daß hier eine bezaubernd rücksichtslose Art am Werk ist, Menschen und Situationen dicht auf den Leib zu rücken, eine Art, die Brillen nicht minder haßt wie Bretter vor dem Kopf. Cocteau hat eine verblüffende Selbstverständlichkeit ohne viel Umstände die Phänomene dieser Welt anzusprechen, ob es sich nun um das unmittelbare Nebeneinander von größer Liebe und schäbigem Verbrechen oder um die seltsamen Abschweifungen jugendlichen Lebensdranges handelt. In dieser Unbefangenheit ist er. „modern“, auch ohne „die Handlung nach Athen oder in die Familie Agamemnons zu verlegen“, was Francois Mauriac nicht für so unbedingt erforderlich hält, um modern zu sein. –

Man hat vermutlich schon verstanden, daß Cocteau nichts für eine einmalige Bekanntschaft und Begegnung ist, sondern zur ständigen Speise einer Kultur gehört; daß man ihm nur gerecht und seiner Fruchtbarkeit teilhaftig wird, wenn man in kontinuierlicher Berührung und Auseinandersetzung mit ihm steht. Das tut das ganze geistige Frankreich und der mit ihm verbundene Kreis seit dem ersten Weltkrieg. So lange schön und immer wieder von neuem ist der heute Sechsundfünfzigjährige der Mann des Tages. Auch wir Deutschen haben schon einmal viel von ihm gewußt – ehe nämlich 1933 an unseren Grenzen die raffinierten Filter niedergingen, die dies Mißliebige und „Gefährliche“ fernhielten. Der Zeichner Cocteau, der Prophet der Surrealisten, der Freund Strawinskys. und anderer, die die „kühle, frische Stelle auf dem Kopfkissen“ suchten, der charmante Dichter von „Le boeuf sur le toit“ – er reizte unsere Kritik, und Phantasie, bis der hiesige Ochse im Porzellanladen der überstaatlichen Befruchtung ein Ende setzte.. Als Dichter, Dramatiker, Musiker, Zeichner und Filmmann hat Cocteau einem nimmermüden Schöpfungstrieb Gestalt und Wirkung verliehen. Dabei ist er nirgendwo Amateur. Man betrachte nur sein graphisches Werk, das vermutlich aus dem bildhaften Weiterspinnen und Weiterschnörkeln des Dichterischen entstand und dennoch ganz eigenständig und von origineller Eindringlichkeit ist. Die Begabung platzt diesem Mann aus allen Nähten. Er kann die Tinte so wenig halten wie den Mund, wofür es ein rührendes Selbstzeugnis gibt. In einer „Erinnerung an Jean Giraudoux“, den gerade verstorbenen Freund, spielt Cocteau mit dem Gedanken eines Wiedersehens, und der letzte Satz lautet: „Den Schalk in den Augen, wird er uns entgegenkommen und uns endlich sagen, ob es eine Welt gibt, wo Leute wie wir den Mund halten und keine Zeile mehr schreiben.“

Begabungen dieser vielseitigen Fülle, mit ihrem Einschlag von Krakehl und Prophetie, gleich stark als Schöpfer wie als Anreger, ziehen kräftige Fäden und Muster in den Teppich der Zeit. Ja, an ihrer nicht zu bagatellisierenden, beunruhigenden Geschäftigkeit wird besonders spürbar, daß der Teppich noch vorhanden – und der an ihm wirkende Geist. Leider sind sie selten. –

Die deutsche Erstaufführung der „Schreibmaschine“ ist, wie gesagt, der Jungen Bühne in Hamburg zu danken. Paul Smolny gab in seiner Regie dem kriminalistisch reißerischen Element, was ihm gebührt, ohne der menschlichen Fülle und Würde dabei Abbruch zu tun. Den Part der Erwachsenen spielten Gerhard Ritter und Katharina Brauren, beide, vorzüglich konturiert und reich an Ausdruck. Die verwirrte Jugend stellten Walter Bison und Jo Wegener dar, auch – sie eindringliche Interpreten einer westlichen Welt.