Von Peter O’Neill

Dichtbevölkerte Großstädte im Polarkreis, die am Rande großer Industriezentren und inmitten weiter Kornfelder liegen, waren von jeher der Traum der Wissenschaftler. Im russischen Sibirien ist dieser Traum heute Wirklichkeit geworden, doch fehlte es bisher an einer Kleinigkeit – dem Tee für den Samowar! Und da die russische Doktrin der Autarkie in gleicher Weise für den einzelnen Ort wie füs das ganze Land gilt und daher auf die öden Gebiete des Nordens ebenso angewandt wird wie auf die übrige Sowjetunion, befahl Moskau seinen Spezialisten, ihr Werk zu vollenden.

So haben sie einen Teestrauch hervorgebracht, der 28 Grad Frost widersteht und die Sibirier können nunmehr ihre Samowars mit eigenem Gewächs füllen so wie sie Weizen, Tomaten, Salat und Pfirsiche essen, die auf dem gefrorenen bienen Boden eines Landes gewachsen sind, das einst als eines der gastlichsten und hoffnungslosesten der Welt galt. In etwas südlicheren Gegenden haben Rußlands Agrarwissenschaftler sogar eine neue Baumwollart gezüchtet, deren starke, dünne Faser eine Woche früher“ reift als irgendeine andere Sorte und recht beträchtlichen Kältegraden Trotz bietet. –

Das heutige Sibirien ist die Heimat von Millionen von Menschen, mit denen die Wissenschaft gleichzeitig vorgedrungen ist. Großstädte mit modernen Bauten, die eine in die Hunderttausende gehende Bevölkerung beherberget), sind hier entstanden. Sie beziehen ihren Reichtum aus ergiebigen Kohlengruben, Stahlwerken und den vielleicht größten Erzvorkommen der Erde.

Geographisch reicht Sibirien vom Ural bis zum äußersten Kamtschatka. Es erstreckt sich bis Alaska und liegt zwischen dem Polarkreis- im Norden und dem mächtigen Amurstrom im Süden. In seiner – nördlichsten Gegend ist nur während der Monate Juni und Juli Sommer, aber während dieser Monate scheint die Sonne vierundzwanzig Stunden am Tag und schimmert durch die dicken, kühlen Nebel über den Zehntausenden von Teichen und kleinen Seen, die das schmähende Eis bilden. Eben diese Mitternachtssonne verhalf den Russen dazu, die sagenhaften Reichtümer auszubeuten die in dem grau-, weißen Grab des zehn Monate währenden Winters verborgen lagen. Seit fünfzehn Jahren führen-Wissenschaftler, Geologen, Bauern, Männer, Frauen und Kinder den Kampf gegen die sowjetische Ark-, tis. Den ersten Vorauskomrnandos wurde alles Erdenkliche mitgegeben, was Moskau an Ausrüstungen, Geld und Ratschlägen bieten konnte. Dennoch machten sie nur geringe Fortschritte. Fünf Jahre lang mühten sie sich, ihren Lebensunterhalt einem Lande abzuringen, dem die Natur nichts als Renntierherden mitgegeben hatte. Da aber diese Menschen aus wärmeren südlichen und westlichen Gebieten Rußlands nicht von Renntierherden allein leben konnten; -wurden sie krank und starben. Riesige Mengen- von Gemüse wurden eingeführt, die man aber im eisigen- Norden nicht einmal genießbar halten, konnte. Alles wurde darauf auf den Anbau von Gemüse und Salat an Ort und Stelle konzentriert. Solche Versuche können natürlich nicht im Freien unternommen werden, Die ersten Treibhäuser, die gebaut werden, gaben 90 v. H. ihrer Wärme an die kalte Luft ab und waren dadurch sinnlos. Die sowjetischen Ingenieure gruben, sie darauf tief in die Erde ein, wärmten sie mit ultra-violetten Strahlen und warteten ab, was geschehen würde, jetzt erwärmten sich die Gewächshäuser zwar ordnungsgemäß, aber der Untergrund schmolz und sie stürzten, ein. Nunmehr wurden große Mengen von Isolierstoffen vom Westen des Urals herangeschafft, die damit geschätzten Glashäuser wurden wieder aufgebaut und diesmal mit Erfolg, jetzt aber machte sich der Bremstoffmangel bemerkbar, denn die Kohlengruben konnten nicht in Betrieb genommen werden, bevor die Bevölkerung dort war, und diese wiederum konnte nicht kommen, ehe Nahrungsmittel gewachsen waren. Da bändigte man die eisigen Winde, um Wärme zu erzeugen. Windmühlen lieferten elektischen Strom für die unterirdischen Gärten, in denen heute sogar tropische Pflanzen mit Hilfe ultra-violetter Strahlen gezogen werden. Etwas südlicher werden auch Kühe ultra-violett bestrahlt, um den Milchertrag zu steigern. Während der kurzen Sommermonate werden widerstandsfähiger Weizen, Kartoffeln, Mohrrüben, Zwiebeln und Kohl mit Erfolg angebaut. Ihren Samen weicht man vor der Aussaat in Wasser ein, so daß sein Wachstum sofort einsetzt. Die Sonne, die Tag und Nacht scheint, läßt ihn auf diese Weise doppelt schnell reifen.

Nachdem die Ernährung einmal sichergestellt wer, drangen die Ingenieure in die öden Hochebenen des Nordens vor, in die dichten Wälder Zentralsibiriens, die genügend Holz haben, um den gegenwärtigen Bedarf der ganzen Welt zudecken, und in die reichen prärieartigen Gebiete, des südlichsten Teils von Sibirien. Jede neue Stadt wurde geplant, jewels mit einem eigenen Flugplatz, so daß dieses nördliche Gebiet heute über ein weitverzweigtes Netz von Fluglinien verfügt.

Im „Waffenschmiedebecken“ der Geschichte, wo Dschingis Khan Halt machte –, um die Waffen herzustellen, mit denen er einen großen Teil der westlichen Welt eroberte, erzeugten sowjetische Arbeiter während des zweiten Weltkrieges. Waffen für die Rote Armee. Das Kusbas-Becken – wie es heute, heißt – umfaßt Großstädte, mit einer halben Million Einwohner. Es ist fünfmal so groß wie England und wurde nach dem Prinzip der Autarkie geplant, da man in Moskau auf dem Standpunkt“ stand, es sei sinnlos große Industriezentren in Sibirien zu haben; wenn die dazu gehörigen Rohstoffe und Lebensnotwendigkeiten aus riesigen Entfernungen herangeschafft werden müssen.

Autorisiert durch Reuter, London