Laßt uns einmal für einen Augenblick träumen, wir hätten genug Waren für den Export. Laßt uns noch ausschweifender werden und sogar träumen, es gäbe auf unserer Seite der Grenzen keinerlei einschränkende Bestimmungen für die Ausfuhr, die Hindernisse für den Absatz begännen erst jenseits der deutschen Schlagbäume. Wohin würde sich dann, jenseits der Grenzen allerdings ohne verschönernden Traumflor betrachtet, die deutsche Ausfuhr wenden können?

Es hat keinen Sinn, an der Tatsache vorbeizugehen, daß sich die Aussichten für deutsche Exporte nicht nun durch den Krieg wesentlich – verändert haben, sondern daß auch seit der Kapitulation eine Reihe weiterer Verschlechterungen eingetreten sind. Die Verkündung neuer und teilweise sehr drastischer Einfuhrbeschränkungen während des letzten halben Jahres durch Länder mit so unterschiedlicher Wirtschaftsstruktur wie Schweden, Dänemark und Uruguay ist nicht zufällig, sondern vielmehr Symptom für die ersten beiden allgemeinen Feststellungen von insgesamt fünf betrüblichen Momenten, die sich gegenwärtig ungünstig von der Weltwirtschaft her auf den deutschen Export auswirken.

Der Verkäufer hat am Weltmarkt die Oberhand verloren, die ihm die Warenknappheit der Nachkriegszeit und den Warenhunger nach den Entbehrungen des Krieges bis vor: wenigen Monaten gegeben hatte. Es besteht zwar noch nicht in allen, ja noch nicht einmal in sehr vielen Artikeln wieder ein normales oder ein Überangebot. Nur in den Vereinigten Staaten scheint der frühere Zustand wieder erreicht zu sein, daß der Kunde König, sein Wunsch Befehl ist und ihm der diensteifrige Verkäufer auch dann Recht geben muß, wenn der Kunde den größten Unsinn redet und schier Unmögliches verlangt. Aber obwohl der Verkäufer sich noch keineswegs durch den reichhaltigen Inhalt seiner Musterkoffer wieder aus dem langersehnten, allzuseltenen Besucher in den Reisenden zurückverwandelt hat, der sich durch zu häufiges Erscheinen und zu eindringliches Anpreisen seiner Schätze unbeliebt machen könnte, hat sich die Wandlung aus einem anderen Anlaß vollzogen.

Nicht sosehr die Übersättigung mit Waren als die Knappheit an Devisen bedingt eine sehr viel zurückhaltende Aufnahme des Verkäufers als noch vor wenigen Monaten. In einem Rückblick auf die brasilianische Wirtschaft im Jahre 1946 fand sich noch der lapidare Satz: „Die brasilianische Einfuhr 1946 richtete sich nach dem, Angebot.“ Dieser, für den Exporteur paradiesisch wirkende Zustand ist ntweder schon völlig verschwunden oder doch in schnellem Schwinden. Es verspricht dabei wenig Erfolg, wenn selbst ein wirtschaftlich so starkes Land wie die Vereinigten Staaten heftige Proteste gegen Einfuhrbeschränkungen erhebt, wie sie etwa Schweden im Frühjahr plötzlich; in erschreckendem Erwachen aus dem übermäßigen Konsum ausländischer Luxusartikel, erlassen mußte, aus der grausamen Erkenntnis, andernfalls das im kurzen Verkäuferglück des Krieges und der ersten Nachkriegszeit angesammelte Devisenpolster, völlig zu verlieren.

SS kommt es zu der Verschärfung der Konkurrenzverhältnisse, die sich allenthalben beobachten läßt. Heute ist es in Brasilien in einigen gängigen Verbrauchsartikeln bereits so weit, daß ein heftiger, sich in gegenseitigen Preisunterbietungen abspielender Wettbewerb zwischen brasilianischen Produzenten und amerikanischen Importeuren im Gange ist Dabei ist häufig der brasilianische Produzent nur der vorgeschobene Exponent nordamerikanischer Geldgeber, die überall in Südamerika bestrebt sind, Zweigfabriken zu errichten, um künftigen Einfuhrbeschränkungen zuvorzukommen. Oder, um ein anderes Beispiel zu wählen, so errichten USA-Warenhäuser Zweiggeschäfte in Mexiko und bieten dort amerikanische, Rundfunkgeräte und andere Artikel um ein Viertel oder gar ein Drittel billiger an als der mexikanische Einzelhandel, der die gleichen Waren wenige Monate früher noch zu den heutigen Einzelhandelspreisen der USA-Warenhausfilialen in Mexiko aus den Vereinigten Staaten bezogen hatte. Bereits in der nächsten Zukunft wird man mit einer allgemeinen Verschärfung der Wettbewerbsverhältnisse an den Weltmärkten rechnen müssen, die sich bisher nur erst in Einzelfällen beobachten läßt. Die Erhaltung der amerikanischen Vollbeschäftigung für eine Industrie, deren Vitalität eine Produktions- und Kapazitätsverdoppelung in weniger als zwei Jahrzehnten gelungen ist, wird nach der Befriedigung des aufgestauten Inlandbedarfes weitgehend von der Steigerung der Ausfuhr abhängen. Und die englischen Anstrengungen zur Verminderung des gewaltigen Defizits in der Zahlungsbilanz, die jetzt von Regierung, Unternehmern und Arbeiterschaft sehr viel energischer betrieben werden sollen als bisher, werden England mit noch größerem Nachdruck auf die Verwirklichung der Absicht hinarbeiten lassen, die Exporte auf 175 v. H. der Ausfuhrmengen von 1938 zu-steigern.

Auf die Industrialisierung in Ländern, die früher bedeutende Mengen deutscher Gebrauchsartikel bedeutende haben, muß hier gleichfalls hingewiesen werden. Aus der Erfahrung nach dem ersten, Weltkrieg ergibt sich allerdings der Trost, daß der Aufbau neuer Industrien nicht unbedingt einfuhrfeindlich wirken muß. Vorausgesetzt, daß sich Absatzmöglichkeiten für die Exportartikel eines solchen Landes finden, daß also Devisen für die Einfuhr vorhanden sind, bedingt eine derartige Industrialisierung zwar Wandlungen in der Art der eingeführten Güter, jedoch nicht unbedingt Senkung des Importvolumens.

Sehr viel ernster ist die Gefahr, daß einige früher für den deutschen Export sehr wesentliche Märkte vollständig oder doch weitgehend ausfallen könnten. Diese Gefahr besteht für zwei Marktgebiete. In Ostasien breitet sich der Wunsch, vom weißen Mann unabhängig zu werden, noch ständig weiter aus. Wenn auch später sicherlich damit zu rechnen ist, daß Indien, Burma, China, Indonesien. zu einem immer vielseitiger werdenden Warenaustausch mit Europa und Amerika auf der Basis der Gleichberechtigung bereit sein werden, so ist für eine Übergangsfrist wen unbestimmter – Dauer damit zu rechnen, daß der politische Unabhängig- – keitsdrang stärker sein wird als das wirtschaftliche Interesse an den Erzeugnissen des weißen Mannes.