Die Abteilung Ein- und Ausfuhr des bayerischen Wirtschaftsministeriums hat vor wenigen Tagen einen Brief des Leiters der Export-Import-Section der Militärregierung erhalten, der sich wesentlich von der zwischen beiden Dienststellen üblichen Korrespondenz unterscheidet. Er stellt fest, daß de Gesamtsumme der neun für Bayern genehmigten Exportprogramme 20 Mill. Dollar beträgt, denen für die beiden anderen Länder der amerikanischen Zone ein Exportwert von 3,4 Mill. Dollar gegenübersteht. Er bezeichnet diesen bayerischen „Rekord“ als bemerkenswert und spricht der Ministerialabteilung seine Anerkennung aus. – Gemessen an der Sparsamkeit, mit der die amerikanischen Behörden ihre Lobsprüche verteilen, und der Schärfe, mit der der stellvertretende Direktor der Militärregierung in Bayern, Mr. Kenneth Dayton, bei der Wiedereröffnung der Münchener Exportschau den Mangel an deutscher Initiative kritisierte, stellt dieser Brief eine erfreuliche Rechtfertigung des deutschen Strebens nach Exportbelebung dar.

Die eigentliche Bedeutung des bayerischen. „Rekordes“ wird erkennbar, wenn der Dollarwert der neun Exportprogramme im Rahmen des Gesamtplanes für den Außenhandel des amerikanisch-britischen Besatzungsgebietes gesehen wird. Wenn die Gesamtausfuhr der Doppelzone im laufenden Jahr 3,50 Mill. Dollar betragen soll, an denen die US-Zone mit 100 Mill. Dollar und Bayern allein mit 50 Mill. Dollar beteiligt ist, so lassen die 20 Mill. Dollar der neun Programme erkennen, daß sich das Schwergewicht der Ausfuhr Von den Rohstoffen nun doch auf Halbzeug und Fertigwaren verlagert hat oder aber in absehbarer Zeit verlagern wird. Denn die nunmehr gutgeheißenen Exportprogramme, umfassen ausschließlich Fertigfabrikate und leiten eine Entwicklung ein; die der Veredlungswirtschaft wieder mehr Atemraum schafft und ihr, wenn auch zunächst noch vorsichtig und durch viele Mängel gehemmt, ihren alten angestammten Platz im Außenhandel sichern, möchte.

Die Planungsziffern stehen auf dem Papier. Sie kennen auch annähernd nur erreicht werden, wenn Absatzmärkte erschlossen und Rohstoffe nachgeliefert werden. Aber allein die Tatsache, daß die Amerikaner sich mit dem Export von Fertigwaren im Wert von 20 Mill. Dollar einverstanden erklärt haben, gibt den Bemühungen, um die Ausfuhr und ihre Struktur ein gesunderes Gesicht – gleichgültig ob die Sollzahlen erreicht werden oder nicht. Darüber hinaus aber führt sie vor Augen, daß die bayerischen Exportindustrien arbeitsfähig und arbeitsbereit sind, wenn ihnen nur die notwendiger Hilfestellungen geleistet werden. Noch das Jahr 1946 sah Rohstoffe wie Schnittholz, Hopfen oder Schrott mit dem erdrückenden und die gesante übrige Fertigung lähmenden Satz von 93 v. H. am Export beteiligt. Jetzt bahnt sich die entscheidende Änderung an. Auf welche Industriezweige kann sie sich stützen? Welche Produktionsgruppen stehen der bayerischen Wirtschaft zur Verfügung?

Die Kriegsereignisse haben es mit sich gebracht, das die alteingesessenen Industrien durch zahlreiche neue, in Bayern bisher nicht vertretene Fertigungen ergänzt worden sind, Vor allem die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei hat zur Neuansiedlung ganzer Industriezweige geführt. Zwar steht ihre Fabrikation häufig noch in den Anfängen, und der Verlust des Maschinenparks stellt die Organisatoren des Neuaufbaus häufig vor kaum lösbare Probleme – aber es zeigt sich schon jetzt, daß die neuen Gruppen den Export maßgeblich beeinflussen werden und daß sie manche Lücke ausfüllen können, die durch Kriegseinwirkung und Demontage entstanden sind.

An der Spitze der bayerischen Exportartikel stander bisher Spielzeug und Porzellan. Beide Industrien haben seit langem. eine feste Heimat: der „Tand“ in Nürnberg, das Gebrauchsgeschirr im Gebiet von Selb. Nur die hochwertigen Erzeugnisse der Nymphenburger Manufaktur besitzen im Münchener Stadtgebiet einen eigenen Standort. In weitem Bogen vom Norden bis zum Osten Bayerns, häufig ohne Zusammenhang und gegenseitige Einwirkung, gruppiert sich die Glasindustrie. Sie ist Sowohl in der Oberpfalz als auch auf den Höhen des Bayerischen Waldes zu finden. Neben dem Spielzeug haben sich die Bleistifte in Nürnberg gehalten.

Während die MAN-Werke sich überwiegend mit der Fertigung von Druckmaschinen und Dieselmotoren befassen und ihre Erfahrungen im Bau von Lastwagenchassis bisher nur bei einem griechischen Auftrag verwenden konnten, unternimmt die elektromedizinische Industrie, an der Spitze die Siemens-Reisiger AG. in Erlangen, ernste Versuche, ihr früheres Produktionsprogramm Wenigstens in den wichtigsten Zweigen wiederaufzunehmen. Auch die weniger spezialisierte Elektroindustrie – Siemens-Halske, Siemens-Schuckert und AEG – macht große Anstrengungen; um Motoren, Installationsartikel und elektrische Haushaltgeräte auf den Markt zu bringen.

Die feinmechanische Industrie des Allgäus und Frankens hat sich darauf: eingestellt, die starke Nachfrage nach Reißzeugen zu befriedigen, stößt jedoch auf die gleichen Materialschwierigkeiten, wie die in und um München konzentrierte Photo-Industrie. Durch den Mangel an Spindeln in ihrer Kapazität sehr beeinträchtigt; schaltet sich die vornehm? lich in Augsburg ansässige Textilindustrie in das Exportgeschäft ein. Sie hat die Erfahrung machen müssen, daß die bayerischen Trachten bei weitem nicht den erwarteten Anteil an der Ausfuhr haben, da sie wohl als Einzelstücke die Angehörigen der Besatzungstruppen, nicht aber in großen Partien die Vertreter, der ausländischen Geschäftswelt interessieren.