Die wirtschaftliche und politische Macht der großen Konzerne, besonders in der Schwerindustrie, soll gebrochen; werden; diesem Ziel soll die sogenannte Entflechtung dienen, die zur Zeit im Gange ist. Nun hat man es schon des öfteren erlebt, daß wirtschaftspolitische Maßnahmen im Zuge ihrer Durchführung zu ganz anderen Resultaten führen, als man sie sich ursprünglich zum Ziel gesetzt hatte. Es scheint Gefahr zu bestehen, daß auch die Entflechtung der rheinisch-westfälischen Konzerne auf eine solche Bahn gerät, und zwar in mehr als einer Hinsicht; Zerreißung. produktions- und betriebswirtschaftlicher Zusammenhänge, Schädigung von politisch und wirtschaftspolitisch Unschuldigen. Vorwegnahme von grundsätzlichen Entscheidungen über die Eigentumsverhältnisse, schließlich das Entstehen neuer Machtpositionen – das sind die Gefahren, die die Entflechtung, so wie sie jetzt betrieben wird, hervorzubringen scheint, wobei es in der Wirkung gleichgültig ist, ob diese zu befürchtenden Resultate gewollt sind oder nicht.

Niemand verteidigt Wesen und Konstruktion der „Überkonzerne“, für die die rheinisch-westfälische Großindustrie ein Beispiel bot in Gestalt der Vereinigten Stahlwerke. Dieses. Mammutgebilde befand sich ohnehin schon seit Jahren im Zustand fortschreitender Auflockerung; die Oberspannung des Konzentrationsgedankens in der Horizontale mußte sich sozusagen von selbst korrigieren. Aber das wesentliche Kennzeichen der schwerindustriellen Konzernbildung war ein durchaus nicht ungesunder Vertikalismus, dessen technisch-wirtschaftlicher Gewinn vor allem in wärme- und energiewirtschaftlichen Vorteilen liegt, daneben in der organisatorischen und unternehmerischen Verflechtung von Stahlproduktion und Weiterverarbeitung, soweit die beiden Zweige sich unmittelbar gegenseitig angehen, d. h. soweit ihre Erzeugung nach Gesichtspunkten der Quantität und Qualität voneinander abhängig ist. Man nehme, als Beispiel die Fertigung von Maschinen für die Hütten- und Walzwerkseinrichtung: ein solcher-Betrieb als Glied eines Zechen-, Stahl- und Walzwerkskonzerns hat gute Chancen, bessere als ein „alleinstehender“, und der Gesamtkonzern ist mit diesem Annex im klaren Vorteil gegenüber Gebilden, denen dieser Zweig der Verarbeitung fehlt – eine solche Verkoppelung (ein Beispiel nur für viele) ist in der Tat „organisch“. Die Entflechtung löst solche Zusammenhänge auf, zum Schaden der entflochtenen Bestandteile; die Effizienz der Teile und des Ganzen sinkt. Das ist keine sinnvolle Wirtschaftspolitik; aber das Resultat hätte voraussehbar sein sollen – sollten hier Motive hineinspielen, die an sich mit der „Dekartellisierung“ nichts zu tun haben? Im Laufe einer jahrzehntelangen Entwicklung hat sich als zweckmäßigster Typ des Eisenkonzerns jene Unternehmungsform herausgebildet, die, vor der Steinkohlenzeche samt Kokerei über Hochofen-, Stahl- und Walzwerk in die Verfeinerung und Verarbeitung hineinreichend, mit rund 1 Million Tonnen Stahlkapazität ein universelles und doch überschaubares Ganzes darstellt, die Vielfalt und Koordinationsfähigkeit in sich vereint und deren Zerschneidung. zweifellos eine wirtschaftliche und technische Rückwärtsentwicklung darstellt; das aber kann nicht der Sinn der Entflechtung. sein.

Nicht alle Konzernauflösungen stehen im Zeichen dieses Rückschritts; wohl aber ist allen eine weitere Ungereimtheit gemeinsam, die die Ansprüche der Aktionäre und Gläubiger betrifft. Wir Sprechen dabei nicht von den Leuten, die als Nutznießer oder sonstwie als Verantwortliche für die deutsche Katastrophe zu gelten haben. Sie sind längst entmachtet und blockiert. Es geht um die Kleinen, für die sich noch, kein Anwalt gemeldet hat; an die 200 000 Kleinaktionäre sind an den Eisenkonzernen beteiligt; bei den größten Gruppen beträgt der Durchschnitt des Aktienbesitzes nur rund 6000 RM. Wieviel eine Mannesmann- oder eine Hoesch-Aktie heute wert sein mag, ist schwer zu sagen; alle Eigentümer haben das effektiv gewordene Risiko mitzutragen. Aber man braucht den Verlust nicht noch dadurch zu vergrößern, daß man Aktiva der Werke unterbewertet. Das geschieht bei der jetzigen Form der Entflechtung, und zwar auf folgende Weise: Die Treuhandverwaltung, die die ganze Operation im Auftrag der Property Control durchführt, gründet Pachtgesellschaften, die von den Konzernen. nur die Vorräte, nicht aber das Anlageneigentum übernehmen. Die Vorräte gehen zum Inventurwert auf die Pachtgesellschaften über, d. h. diese bezahlen mit schlechter Mark einen Wertansatz, der stille Reserven enthält, welche also gegenwärtig den Besitzer wechseln; die Pachtgesellschaften machen dabei im Hinblick auf die doch wohl bald kommende Eisenpreiserhöhung ein glänzendes Geschäft, dessen Kosten letztlich die Masse der kleinen Aktionäre zu tragen hat. Man hat der Treuhandverwaltung vorgeschlagen, den korrekten Weg zu gehen und die neuen, entflochtenen Gesellschaften Werkseigentum und Vorräte sofort gegen Hingabe eigener Aktien übernehmen zu lassen, diese neuen Papiere entweder in treuhänderische Verwaltung zu nehmen oder an die alten Konzernaktionäre auszuschütten und ihre Bewertung dem Markt zu überlassen; aber die Treuhandverwaltung ist bei der alten Methode geblieben.

Diese alte Methode hat indessen ihre Nachteile nicht nur für die Konzernaktionäre, Sondern ebenso auch für die neuen Gesellschaften. Sie bewirtschaften Werke im Wert von jeweils Dutzenden von Millionen, arbeiten aber mit Aktienkapitalien von nur je 100 000 RM, sind also aus eigener Kraft nicht kreditfähig. Sie stehen nicht auf eigenen Füßen, sondern leben als Unterhaltsberechtigte der Treuhandverwaltung. Schon fängt die Subventionswirtschaft an; sie ist unvermeidlich in einer Zeit, in der die Tonne Walzstahl 50 RM oder noch mehr Verlust verursacht. Wird aber die Treuhandverwaltung zum finanziellen Ernährer „der entflochtenen Gesellschaften, so ist damit der erste Schritt getan zur Schaffung eines neuen Horizontalkonzerns, dessen, Dimensionen alles bisher. Dagewesene in den Schatten stellen werden. Bis zur Stunde sind zwölf Werke entflochten, die schon mehr als die Hälfte der Stahlerzeugung auf sich vereinigen; drei Dutzend neue Gesellschaften sind im ganzen geplant, so daß am Ende des Umformungsprozesses eine Organisation stehen würde, innerhalb deren das einzelne Werk sich zwar auf eine rein formale Selbständigkeit berufen könnte, die aber in Wahrheit doch jene Allmacht verkörpern würde, welche durch Entflechtung paralysiert werden sollte.

Daran kann auch die Tatsache nichts ändern, daß die Beteiligten bei jeder Gelegenheit den provisorischen Charakter der Konstruktion betonen, die alle, späteren Möglichkeiten offenlasse. Angesichts des-Mangels an geeigneten, Kräften für die Leitung der Werke, bei der schon jetzt notwendig werdenden zentralen Bearbeitung gewisser Aufgaben auf finanziellem, betriebswirtschaftlichem und steuerlichem Gebiet ist unschwer vorauszusehen, daß die Befehlsgewalt sich mehr und mehr konzentrieren wird und muß. Am Ende der Konzernauflösung wird ein neuer Überkonzern stehen – diese Gefahr – wird allzu deutlich. Die Entwicklung hat ihre besonderen Reiten angesichts der personellen und politischen Begleitmusik. In den Vorständen und Aufsichtsräten der entflochtenen Gesellschaften spielen Gewerkschaftsfunktionäre eine sehr betrachtliche Rolle, ein Personenkreis, dessen Denkweise von vornherein dafür sorgt, daß ein Team, ein Kollektiv entsteht – womit Elemente der Sozialisierung vorweggenommen werden, obgleich man doch nach außen hin betont, daß der Entscheidung über die Eigentumsfrage in keiner Weise vorgegriffen zu werden brauche. Aber die Form des Provisoriums ist mit allen diesen Konstruktionen so gewählt, daß schon heute eine Quasi-Sozialisierung zur Tatsache wird, wobei die Patron nanz, der Besatzungsmacht stimmungsmäßig den Hintergrund bildet und wobei schwer zu entscheiden ist, ob die Gewerkschaften ihrerseits die treibende Kraft oder die ermunterten Mitstreiter sind.

Wie dem auch sei, die Entflechtung der Eisenkonzerne ist jedenfalls auf einen Weg geraten, der offensichtlich keine zweckmäßige Lösung, des schwierigen Problems erkennen läßt. Die Entflechtung löst Zusammenhänge auf, die nicht am Machthunger, sondern aus technisch-betriebswirtschaftlichen Gründen geknüpft worden waren und die zudem kein besonderes Kennzeichen der deutschen schwerindustriellen Entwicklung; sind, sondern in allen großen. Industriestaaten zu beobachten waren. Die Entflechtung wird auf dem Rücken der Kleinaktionärsmassen durchgeführt, die keine Schuld an allem trifft, was man der Schwerindustrie, ob zu Recht oder zu Unrecht, vorwirft. Die Entflechtung schafft künstlich neue Unternehmen, deren Lebensfähigkeit in produktionswirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht keineswegs zweifelsfrei ist und deren Subvention nierung sich schon heute in Formen, vollzieht, die eine zentrale Führung der Werke notwendig machen werden.

Die Entflechtung führt also im Gegensatz zu ihrem plakatierten Zweck zu neuer Konzernierung, und zwar in der dubiosen Richtung der Horizontale, indem sich eine Gleichschaltung von Werken der gleichen Produktionsstufen ergibt, aneinandergekettet durch politische Fäden, verkörpert durch Kräfte, deren wirtschaftspolitische Betrachtungsweise allgemein bekannt ist und denen die Gelegenheit zugespielt wird, ein fait accompli zu schaffen, das eine künftige Sozialisierung zum mindesten sehr erleichtern könnte. Die Eisenindustrie, ist in die treuen Hände derer gekommen, die an die Stelle privater Konzernmacht das Industrier kollektiv setzen wollen, zunächst als Provisorium, aber im Grunde doch schon mit den Insignien des Quasi-Staatskapitals. Welch ein Geflecht – durch „Entflechtung“. V. M.