Seit der Traum ausgeträumt ist, daß die Welt am deutschen Wesen genesen“ werde, ist bei uns eine beträchtliche innere Unsicherheit zu beobachten, An der deutschen Form Nationaler Überheblichkeit war immer ein überkompensiertes Minderwertigkeitsgefühl stark beteiligt, ein krampfhaftes und lautes „Nun erst recht!“ Jetzt, da deutsche politische Weltmissionen völlig unwirklich geworden sind, da jedes „Wir werden es ihnen schön zeigen“, jedes „Viel’ Feind, viel Ehr:“ nur noch albern wäre, sind die Inferioritätskomplexe bewußter und dadurch nicht weniger peinlich geworden. Vielfach wird nach Haftungen und nach. Haltung getastet, aber wie beim Blindekuhspiel wird oft ins Leere oder daneben gegriffen.

Da sind die wohlbekannten Mitbürger, die nun umgekehrt am „de istschen Wesen“ kein gutes Haar mehr lassen wollen, seltsame Antigermanisten, die ein für allemal von Deutschland genug haben und den deutschen Staub gar nicht schnell genug von ihren Schuhen schütteln können.Man weiß nicht recht, wo eigentlich der „archimedische Punkt“ liegt, von dem aus sie berechtigt wären, auf das eigene. Volk herabzublicken. Da sind die Bußprediger, deren Lieblingsthema die Kollektivschuld ist. Sie pflegen zwar mit besonderer Betonung sich selbst in die Anklage einzubeziehen, aber gerade die Geringfügigkeit dessen, was sie gegen sich vorzubringen haben, wirkt schon wieder; als unbescheidene. Bescheidenheit angesichts der massiven Vorwürfe, die sie gegen die Allgemeinheit schleudern. Oder aber sie kommen zu überspitzten Formulierungen wie der von der Schuld des Überlebthabens die nur dann überzeugen könnte, wenn die Forderung „Jedermann. ein Held!“ einleuchtend wäre Da sind ferner die Flagellanten, die sich mit ihrer Geißel auf die deutsche Geschichte stürzen. Am laufenden Bandeentdecken sie Lesebuchschurken, auf die sie mit schwer begreiflicher Wollust einschlagen. Und schließlich gibt es blinde Bewunderer ausländischer Mächte, um so blindere. je mehr es sich. um Zonenmächte handelt,

In alledem offenbart sich ein Mangel an Maß und Würde Man fällt von einem Extrem ins andere, womit man einer gesunden Mitte nicht näher kommt. Vor allem aber zeigt sich bei den neuem Fehlwertungen, daß wir das Grundübel der Kollektivurteile keineswegs überwunden haben. Die Vorzeichen werden geändert statt der Methode. Immer noch geht man von Serien,-Gruppen, Kategorien aus. Immer noch ist der Mensch Exemplar und nicht Person. Solange wir bei diesem schauerlichen Massendenken verharren, sind wir noch nicht „entnazifiziert“. Und deshalb ist ja gerade das, was bei uns Entnazifizierung heißt, nur eine verlängerte Krankheit. Hier wird mit solchem Übereifer schablonisiert und schematisiert, daß der einzelne Mensch unsichtbar geworden ist. Er gehört zur Serie „Pg vor 1933“ oder „Pg nach 1937“. er wird eingestuft und kategorisiert als Mitläufer, Aktivist oder Militarist. Der einzelne ist nichts und die Rubrik ist alles, ganz wie ehedem. Geändert hat sich nur, daß aus jedem Pius ein Minus, aus jedem Minus ein Plus geworden ist. Waren früher die Pgs ganz oben und die Kaler ganz unten so soll es jetzt umgekehrt sein. Wir werden abermals mit einer etikettierten Elite beglückt, mit Menschenserien; die einen vorgedruckten Ausweis vorzeigen können. Aber es gibt nur den einen überzeugenden „Ausweis“ der persönlichen Leistung. Warum wollen wir es denn nicht wahrhaben, daß es in – vielen Fällen ganz einfach Pech war, wenn man in die Partei, und ebenso, wenn man ins Kz geriet? Und deshalb ist es natürlich durchaus möglich, daß dieser oder jener Pg mehr taugt als dieser oder jener Kzler. Solange ganze Menschengruppen entweder vorberechtigt oder entrechtet sind, ist gar nichts besser geworden. Wem kein persönliches Verschulden nachzuweisen ist, dem darf sein Recht nicht abgewertet werden, und wer kein persönliches Verdienst vorzuzeigen hat, dem darf sein Recht nicht aufgewertet werden. Was ist gewonnen, wenn den heute Privilegierten nichts Besseres einfällt, als die gestern Privilegierten ins Lager zu stecken? Lagermenschen sind Massenmenschen. Wer sich das Lager als Strafmittel nicht abgewöhnen kann, der hat sich auch die Masse noch nicht abgewöhnt. Es gilt, die Lager schnellstens zu entleeren und sie dann ganz und gar zu vergessen. Vorläufig hat man nur das Drinnen und das Draußen und ganz allgemein das Unten und das Oben nach Kategorien ausgewechselt. Die persönliche Menschenwürde ist dabei notleidend geblieben.

Und so ist es auf der ganzen Linie. Das Ressentiment. der Geschädigten, der Eifer der Restaurierten und der Übereifer der Neubekehrten, das alles zusammen ergibt ein Unsicherheitsgemenge von betrüblichem Ausmaß. Plötzlich wimmelt es von Deutschen, die ein in lauter Einzelstaaten aufgesplittertes Deutschland für das Ziel ihrer Wünsche erklären. Und die deutschen Paneuropäer können gar nicht laut genug sein. Sie bieten sich an und sie bieten Deutschland aus wie sauer Bier. Wie? Frankreich soll als Frankreich Mitglied werden, Holland als Holland und Schweden als Schweden, bei uns aber keineswegs Deutschland als Deutschland sondern nur Bayern, Niedersachsen und sonstige Teilgebilde? Aber bitte sehr: das schadet ja gar nichts. Wenn Ihr uns nur überhaupt aufnehmt. Wir sind zu allem bereit, mit allem einverstanden. So schießt man auch mit der deutschen Initiative zu Paneuropa über das Ziel hinaus. Etwas mehr Zurückhaltung, etwas mehr Geduld- wären hier sehr am Platze gewesen. Es ist ja noch gar nicht so weit. Die Marshallplan-Staaten tagen ohne uns. Bei ihnen steht es, ob es zu einer westeuropäischen Zollunion, zu einem Westeuropäischen Staatenbund kommen wird. Unsere vorzeitige Geschäftigkeit und Betriebsamkeit in dieser Richtung ist reichlich irreal und könnte allzu leicht mißdeutet werden.

Die Weisheit des Maßes und der Würde ist selten geworden in Deutschland. Das freie und sichere Urteil über das, was uns zukommt oder nicht zukommt, hat schwer gelitten. Die einfachsten Dinge werden da zu Doktorfragen. Jetzt läßt sich wieder eifrig und unsicher darüber diskutieren, wie man sich in Deutschland bei einer Landung der Exodus-Juden in Hamburg zu verhalten hat. Wäre es nicht „eine ganz große Geste“, wenn deutsche Instanzen diesen jüdischen Flüchtlingen Deutschland als eine Heimstätte anbieten würden? Man denke sich: eine deutsche Delegation spricht schön im Hamburger Hafen diese „großzügige Einladung“ aus. Welche Wirkung in der ganzen Welt, die Deutschland unentwegt für antisemitisch hält! Welche Beschämung für England! Eine Sympathiewerbung ganz großen Stils, bei der außerdem noch der Besatzungmacht eins ausgewischt werden könnte! Oder sollten wir nicht wenigstens irgendwelche spontane Kundgebung organisieren? „Spontane“ Kundgebungen werden seit dem Reichskristalltag immer organisiert, man muß nur die Vorzeichen ändern, dann ist es schon gut. Ist es nicht politisch klug, in der deutschen Öffentlichkeit das Mitgefühl mit den jüdischen Flüchtlingen zu unterstreichen? Denn, wenn man das unterläßt, wirkt man dann nicht vielleicht antisemitisch oder besatzungshörig oder nazifreundlich?

Alle diese Fragen sind solange möglich, als man von der Wirkung ausgeht, von dem was „die anderen“ sagen oder sagen könnten. Tat man das nicht, ist man wirklich spontan und nicht mit schlauer Kalkulation im voraus reaktiv auf eine erhoffte Reaktion, so versteht sich ganz von selbst, wie wir uns im Exodusfalle zu verhalten haben. Wir haben nämlich ganz schlicht zu schweigen. Der zeitliche und der seelische Abstand zu dem Furchtbaren, das von Deutschland aus den Juden ganz Europas geschehen ist, ist noch längst nicht groß genug, um uns zu Kritik und Belehrung zu berechtigen, wenn irgend ein anderes Land irgendwelche Maßnahmen in bezug auf Juden ergreift. Es kommt hierbei gar nicht darauf an, wie stark der einzelne Deutsche an der nazistischen Judenvernichtung unmittelbar oder mittelbar beteiligt war, ob er etwas von Auschwitz gewußt hat oder nicht. Der radikale Antisemitismus stand schon im Parteiprogramm der NSDAP. In „Mein Kampf“ findet sich genug Material zum gleichen Thema. Die „Nürnberger Gesetze“ waren keine Geheimanweisung. Und schließlich hat Hitler das Ende des Judentums in öffentlicher Rede als Kriegsziel verkündet. Jeder hatte Gelegenheit, die Judensterne zu sehen, jeder konnte feststellen, wie die Juden aus Deutschland verschwänden. Also längst, bevor die Millionenausrottung bekannt wurde, ist genug anderes bekannt gewesen. Es steht dem einzelnen Deutschen durchaus frei, sich zu entschuldigen, nachzuweisen, daß erhier oder dort Juden geholfen, Juden verbergen hat, daß er persönlich niemals antisemitisch war. Der Antisemitismus kann und soll sogar bei uns diskutiert werden. Aber bevor Deutschland nicht ganz und gar von dieser Krankheit genesen ist, haben wir genug vor der eigenen Tür zu kehren, mehr als genug. Es ist daher ein Gebot des Maßes und der Würde, daß wir uns um fremde Türen in dieser Frage nicht zu kümmern haben. Da sind schon Artikelüberschriften, in deutschen Zeitungen wie „Wasserschläuche und Tränengas“ zuviel. Unsere Zivilcourage gegenüber der Besatzungsmacht können wir bei so mancher Gelegenheit bekunden, bei dieser nicht.Hoffen wir, daß der Fall Exodus ohne eigene, – Taktlosigkeiten an uns vorübergeht. Jeder

Kommentar, jede Demonstration wäre peinlich. Wir sind dazu einfach nicht berufen, wie wir auch nicht berufen sind, Juden nach Deutschland einzuladen, die nicht im entferntesten ein Verlangen geäußerst haben, zu uns. zu kommen und bei uns zu bleiben. Wir haben zu schweigen, wenn die Flüchtlingsschiffe nach Hamburg kommen, und wir haben zu schweigen, wenn sie nicht nach Hamburg, kommen sollten. Reden wäre hier kein Silber, sondern ein weit unedleres Metall. Und die Hoffnungen auf ein günstiges Echo in der Welt könnten zudem nur trügerisch sein.