Von Egon Vietta

Lucie! Au secours! Je ue veux pas mourir ici, pas dans cette mit! Henri, j’ai quinze ans, laisse moi vivre!

(Sartre: ,,Monts sans sépulture“)

Wer wollte bezweifeln, daß die christliche Ethik bis in unsere Gegenwart – sogar dort, wo das Christentum selbst negiert wurde – der Leitstern des abendländischen Denkens war. Diese Ethik ist freilich seit langem oft nur noch das ungeschriebene Gesetz, das wegen der kirchlichen Verengung der Begriffe nicht selten auch bekämpft wurde. Seit einiger Zeit aber, und zwar zuerst wohl in gewissen revolutionären Gebrauchsanweisungen, macht sich neben dieser Ethik – wie Werner Haftmann dies bereits in der „Zeit“ nachgewiesen hat – eine Gebrauchsmoral breit, die mit der christlichen Ethik unvereinbar ist und doch offenbar für den politischen Kampf nicht entbehrt werden kann. Dabei ist es auffallend, daß diese Gebrauchsmoral auch von idealistischen Aktivistengruppen und zu idealistischen Zwecken in Anspruch genommen wird, Uni so stärker muß diese neue „Moral“, die eine vom christlichen Persönlichkeitsglauben völlig abweichende Idee vom Menschen vertritt, das Christentum überhaupt und damit auch die säkularisierte Form des Christentums bedrohen, nämlich das, Humanitätsideal. Dabei geschiebt die Bedrohung nicht etwa aus irgendeinem Amoralismus, sondern aus einem weit strengeren und härteren Moralismus, als ihn heute Humanität und Christentum vertreten! Deshalb ermöglicht es der neue: Moralismus sogar, den christlichen Gewissenskonflikt niederzuschlagen und den – Mord zu rechtfertigen, wenigstens den politischen. Es ist dies jedoch keineswegs nur der Moralismus totalitären Glaubenszwangs, der so wertet, sondern auch der Moralismus der Resistence, der Widerstandsbewegung. Daher auch wird der Gegner dieses Moralismus nicht im Lager irgendeiner vielleicht gegnerischen – Ideologie zu suchen sein, sondern allein im Lager der beispielhaften Duldsamkeit, der Versöhnung, der Demut und des Respekts vor der menschlichen Person um jeden Preis. – Doch vertiefen wir uns in den Tatbestand, wie ihn Sartre – den viele mehr als Dichter und Dramatiker, denn als Philosophen schätzen – in seinem Stück „Mörts sans sépulture“ („Tote, die nicht begraben werden“), aufgezeichnet hat!

I.

Der Tatbestand ist folgender: Die Mitglieder der französischen Widerstandsbewegung. Canoris, Sorbier, François, Lucie und Henri, sind in einem Dachraum eingeriegelt und warten auf ihr Verhör durch die französische Geheimpolizei, die mit der deutschen Besatzungsmacht arbeitet. Das Gespräch dreht sich um die bevorstehende Folterung: die Polizei will mit allen Mitteln den Anführer herausbekommen. Aber der darf nicht verraten werden. Daran hängt das Leben der Kämpfer vom Maquis. Der 15jährige François. Bruder der jungen Lucie, verliert bei dem Gespräch die Nerven. Er wird die Wahrheit herausschreien, und das wird um so bedrohlicher, als Jean, der Führer, zu den Verhafteten stößt. Die Polizei hat ihn nicht eikannt. Sorbier wird als erster von der Miliz abgeholt. Sein Geschrei dringt zu den Verhafteten. Er kehrt zurück, zerschlagen, aber er hat nicht gesprochen. Und nun Henri. Seine Handgelenke werden langsam zermalmt, der Todesschweiß bricht ihm aus. Aber auch er schweigt. Das Ende der Tortur wird verschoben – Gruppe steht gegen Gruppe, Maquis gegen Miliz. Der schwache Punkt im Verteidigungssystem der Maquis-Leute ist François. Denn während Lucie Notzucht und alle Greuel übersteht, „dreht Francois durch“. Er ist in seiner Todesangst zur Denunziation bereit, noch ehe er von der Miliz abgeholt wird. Da greift die Gruppe zu einem ungeheuerlichen Mittel: Henri, dem die Gelenke gebrochen sind, erwürgt den verzweifelt kreischenden Jungen. Die übrigen greifen zu einer List und erklären sich zum Verrat an einem falschen Jean bereit. Aber der mißtrauische Anführer der Miliz läßt sie alle erschießen. Auch der Mord an François war umsonst; – Die Pariser Uraufführung des Stückes hat allein schon wegen des Jungenmordes auf offener Szene Aufsehen, Entsetzen, erregte Debatten hervorgerufen. Doch viel bezeichnender und aufschlußreicher ist die Szene nach dem Mord.

II.