Von H. G. Hegedo

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das russische Theater mit Stanislawski nahezu ein Ideal für die: europäische Bühne geworden. Von einem russischen. Filmschaffen jedoch hörte man lange nichts. Bis Lenin selbst den Augenblick gekommen hielt, den russischen Film zu kreieren; Lenin, der erste Volkskommissar im sozialistischen Sowjetstaat, Lenin, der Realist in allen Dingen, der niemals Pläne schmiedete, die utopisch waren. Wenn Lenin sich mit der Gründung einer Filmproduktion befaßte, so deshalb, weil er den Flimmerstreifen für die modernste und größte Macht im Gebiet der Kunst und für das primäre kulturelle und revolutionäre Propagandamittel der arbeitenden Klasse hielt. Als dann schließlich der erste russische Film den Weg über die Grenzen seines Entstehungslandes antrat, hatte sich das russische Theater durch Meijerhold und Tairoff bereits wieder große Erfolge im Ausland erringen können und so für den ersten russischen Film gute Vorarbeit geleistet. In der Tat erregte „Polikuschka“ durch seine neuartige, eigenwillige Gestaltung Aufsehen und Verwunderung; 1926 kam der „Panzerkreuzer Potemkin“ Sergei M. Eisensteins nach Deutschland; Dieser Film war es, der den Ruhm des russischen Films begründete. Offenbarte sich in ihm doch die ungeahnte Fähigkeit-neurussischen Filmschaffens.

Der Film hat seine eigenen Gesetze: das hatte! der russische Filmschaffende klar erkannt. Die bildhafte Wirkung der Photokunst wurde zum künstlerischen Grundelement. Durch Montage, durch optischen Symbolismus wurde die Bildepik über das Gewöhnliche, die Darstellung des alltäglichen Lebens, hinausgehoben und zum Gleichnis, zum allgemein Gültigen, geformt. In Pudowskins Film „Mutter“ treffen wir eine Szene, in der ein Gefangener die Nachricht erhielt, er würde entlassen werden. Der Mann lächelte dabei. Blitzschnell wurden in dieses Lächeln einige assoziativ. Bilder, eine blumenübersäte Wiese, ein glückstrahlendes Kind, ein hüpfendes Bächlein, eingeblendet. Durch diese Komposition, weit weg vom Theatralischen, wurde mehr gesagt als Worte aussagen können. Das ist das Typische im neurussischen Film gewesen: Alles in ihm gewann Leben, jeder tote Gegenstand begann zu erzählen. Ganz neu-, artig war auch die Ausnutzung der Wirkung des pars pre toto. Soll etwa eine Empörung der Massen, gestaltet werden, so erleben wir keinen menschen-, überladenen Platz, sondern einfach einen ausgestreckten Arm mit einer geballten Faust. Müssen junge Rekruten, durch heroisches. Gerede verführt, ins Feld ziehen, erscheint, ebenfalls blitzschnell eingeblendet, ein Ochse, der zur Schlachtbank geführt wird. Knappheit, Klarheit, Dramatik, die der zartesten Lyrik nicht entbehrte, sind die Charakteristika des damaligen russischen Films gewesen.

Es waren Pudowkin und Timoschenko, die diese Erfahrungen und Entdeckungen aufzeichneten. Und dieses theoretische Werk hat in Verbindung mit der Demonstration der Filme selbst in der ganzen Welt Schule gemacht. Nicht zuletzt in Deutschland, wo Fedor Ozep – mit Fritz Kortner in der Hauptrolle den „Mörder Dimitrij Karamaschoff“ drehte. Aber als der Tonfilm sich durchsetzte, war es mit dem Auslandserfolg des russischen Films vorbei. Bei den neuen technischen Schwierigkeiten vermochte Rußland nicht Schritt zu halten. Der russische Film verlor seine Weltgeltung, und trotz aller Bemühungen ist es ihm noch nicht wieder gelungen, sich seinen alten Platz erneut zu erobern.

In einem unterscheidet sich der russische Film noch immer grundsätzlich von dem Filmschaffen anderer Länder: er züchtet keine „Stars“, er zeigt den Menschen als Masse, er befaßt sich, nicht mit Einzelschicksalen, es sei denn nur als Gleichnis. Erfolge aber hat neuerdings nur der Partisanenfilm „Tschapajew“ errungen; Zumal der deutsche Kinobesucher, der immer sehr kritisch war, findet, daß das gegenwärtige Niveau des russischen Films nicht hoch genug und die filmisch-künstlerischen Mittel alt and abgeschmackt seien. Doch hat die sowjetische Filmproduktion noch auf einem Gebiet besonderen Erfolg: auf dem Gebiet des Kinderfilms. Wir erinnern uns zwar an Walt Disneys Filmschöpfangen, an seine wunderbaren Trickfilme. Aber diese amerikanischen Filme waren nicht direkt auf die Welt des Kindes zugeschnitten. Die Themen waren zu „erwachsen“. Bis auf den heutigen Tag steht Rußland mit seinen Kinderfilmschöpfungen unerreicht da. Nebenbei: in Moskau spielen allein fünf Theater nur für kleine Besucher und Erwachsenen ist der Zutritt dort nur gestattet, wenn sie in Begleitung eines Kindes sind.

Immerhin ist es bedeutsam, daß der Rat der Volkskommissare beschloß, das Filmwesen zu verbessern. Ob dabei allein angestrebt wird, mehr Filme herzustellen als bisher, oder ob es sich um den Versuch handelt, die künstlerische Leistung so zu steigern; wie dies dem Ruhm der ersten sowjetischen Filmproduktion entspricht, werden wir, ab-, warten müssen. Der Anfang “ist immerhin mit dem bereits 1938 unter der Regie Donskoys gedrehten Film „Gorki“ gemacht, in einer Lebensdarstellung, die weit mehr als diese umfaßt; in der Schilderung, die jene Loslösung von der Form der theatralischen Komposition wieder aufnimmt, welche für das russische Filmschaffen Von 1926 so typisch wurde. Da ist die Weite des Landes, da sind die seltsam skurrilen Menschen mit ihren so auffälligen Widersprüchen, mit Eigenschaften, in denen Grausamkeit und Güte, abgründige Bosheit und tänzerische Freude so eigen gemischt sind. Wie die Großmutter tanzt zum Gitarrenspiel eines Onkels, eines von denen, die den Knecht umbringen und ihm das Grabkreuz aufbürden, indes Babuschka vor den Ikonen betet!

Der Film erzählt in leichter, etwas humoristischer Form von der neuen sowjetischen Moral“ – Heißt es im Programmheft über den Streifen: „Meine Liebe“ (Capitol, Hamburg). Statt etwas „leichten“ zeigte er eine seichte, staft der ‚,etwas humoristischein“ eine zum Stöhnen langweilige Form. Und die „neue sowjetische Moral“? Worin sollen wir sie finden? In der Fabel von dem Mädchen mit den fesch ondulierten Wasserwellen und den ondulierten Gefühlchen? – Dies junge Mädchen hat den kleinen Sohn ihrer verstorbenen Schwester an Kindes Statt angenommen; sie wählt dies Geheimnis sogar vor ihren verlichten Freunden, die sie auf ebenso einfältige wie Billig eigennützige und gefühlsverlogene Art gegeneinander ausspielt. De neue sowjetische Moral sagt dabei, daß man ein Junges Mädchen auch dann heiraten darf, wenn sie bereits ein fremdes Kind hat – zumal, wenn ein „etwas humoristisch“ herausstellt, daß das Kind Wirklich ein fremdes ist. – Welch liebe Unschuld in der sowjetischen Praxis des – Films! Kurz, was man als schöne Naivität bewundern möchte, wirk: peinlich. Und spricht ein Film Gefühle aus, die anderswo selbstverständlich and nicht der Rede Wert sind, so wirkt dies ohnedies wie Verlogenheit Film-,,Aufmachung“ und musikalische Untermalung (euch dies kläglich genug) können da nichts helfen – – Man hört von neuem Streben im Sowjet-Film. Warum zeigt man uns, die wir diesseits des Eisernen Vorhangs leben, immer mir ?? ,,Klamotte“?

A. Nowakowski