Auf russischen Befehl wurden im Frühjahr 1945 aus einem südosteuropäischen Staat 80 000 Männer undFrauen als Zwangsarbeiter in die Ukraine abtransportiert. Dem Prinzip des geringsten Widerstandes gemäß, waren dafür außer innerpolitischen Gegnern der beauftragten Regierung vor allem Angehörige der deutschen Volksgruppe„geliefert“ worden. Nach zweijährigemAufenthalt in der Sowjetunion sind jetzt einige der verschleppten Deutschen wegen Arbeitsunfähigkeit entlassen worden, nicht in die Heimat, sondern der Volkszugehörigkeit entsprechend nach Deutschland. Aus den Erzählungen von 15 Heimkehrern ist dieser Bericht entstanden, dessen einzelne Angaben jeweils von mindestens drei Personen bestätigt worden sind. Nicht ihr eigenes Schicksal, sondern der russische Alltag, das Leben des russischen Arbeiters, war das Thema der Gespräche. Es ist hier also nicht von den Strafarbeitslagern die Rede, von deren 14 000 000 Insassen Max Eastman in seinem bei Yale University Press erschienenen Buch „Nothing but their chains“ ein erschütterndesBild entwirft. Die ausländischen Zwangsarbeiter,zu denen unsere Heimkehrer gehörten, sind in Arbeit und Lohn den „freien“ russischen Arbeitern gleichgestellt, von denen sie sich nur darin unterscheiden, daß sie in bewachten Lagern leben und unter Bewachung zum Arbeitsplatz geführt werden. (Bewachung und Geleit wurden nicht selten den Verschleppten selbst übertragen; auch kam es häufig vor, daß die Frauen ohne Bewachung mit der Straßen- oder Eisenbahn zur Arbeit fuhren.)

Seit die bolschewistische Revolution die Klassengegner des Proletariats liquidiert hat; seit es also keine unterworfenen Klassen mehr gibt, hätte nach marxistischer Lehre„der Staat absterben“ sollen. Das Gegenteil aber ist in der UdSSR der Fall: allesbeherrschend und alles durchdringend regelt der Staat nicht nur das öffentliche, sondern den größten Teil des „privaten“ Lebens. Seit einigen Jahrengibt es ein besonderes Ministerium für Arbeitseinsatz, dessen Bildung der Freizügigkeit ein Ende setzte. Die Brotkarte ist das Leitseil, das jedem übergeworfen ist. Wer nicht arbeitet, erhält keine Brotkarte. Die „Arbeitspflicht“ beginnt mit 13, in manchen Gegenden „erst“ mit 14 Jahren und reicht bis zum 60. oder 65. Lebensjahr. Auf die Frage an die russischen Arbeitskameraden, was denn mit den Arbeitsunfähigen geschähe, war verblüfftes Staunen die Antwort: solchen seien sie nicht begegnet. Die Jugendlichen sind zu drei Jahren Arbeitsdienst verpflichtet, der in Arbeitslagern, oft viele hundert Kilometer von der Heimat entlernt, abgeleistet wird.

Die Gleichberechtigung der Frau äußert sich in unterschiedslosem Einsatz von männlichen und weiblichen Arbeitskräften. In der Landwirtschaft stellen die Frauen weit über die Hälfte, manchmal mehr als drei Viertel der Arbeiter, in der Schwerindustrie 30–45 v. H. Schwangere werdenerst vom sechsten Monat an aus der schweren Arbeit, aus der Hitze des Walzwerkes oder Enge des Kohlenschachtech entlassen und müssen drei Monate nach der Geburt ihren alten Arbeitsplatz wieder einnehmen. In der Zwischenzeit werden sie mit leichteren Arbeiten beschäftigt. Mit allen Mitteln der Propaganda wird für Kinderreichtum geworben: der Staat braucht immer mehr Menschen, Arbeiterund Soldaten, denn neben der Weite des Raumes ist die Masse der Bewohner seine Stärke, die es ihm zugleich auch erlaubt, Menschenkräfterücksichtslos zu verschleißen. Empfängnisverhütende Mittel herzustellen oder zu vertreiben ist verboten; Abtreibung, die in den ersten Jahren der Revolution als besondere „Errungenschaft“ freigegeben war, wird heute mit drakonischen Strafen verfolgt. Fruchtbarkeit aber wird prämiiert – vom vierten Kinde an mit Geld, vom fünften Kinde an außerdem mit Medaillen. Am 1. Januar 1947 war an 1,6 Millionen Mütter die Medaille „Ruhm der Mutter“ in ihren verschiedenen Klassen für sechs, und mehr Kinder ausgegeben worden.

Liebe und Ehe

Wenn eine Schweizer Wochenschrift unlängst feststellte, „die Entwicklung in der Sowjetunion hat dazu geführt, daß im Grunde genommen die Bürger Leibeigene des Staates sind“, so wird dies durch die Beobachtungen der Heimkehrer bestätigt. Es beginnt damit, daß der Staat danach trachtet, die Kinder vom frühesten Alter an in seine Obhut und Erziehungzu nehmen. Da die Frauen ohne Rücksicht darauf, ob sie Kinder zu Hause haben, zur Arbeit herangezogen werden, und da die Lasten der Ausbildung vom einzelnen nicht leicht zu tragen sind, wird dem staatlichen „Anerbieten“immer mehr nachgegeben. Heiraten und Scheidungen werden rasch vorgenommen; beides ist eine Geldfrage, und wenn der Staat ein Interesse daran zu haben glaubt, läßt er auch Bigamie zu, wovonnoch zu reden sein wird. Man darf aus diesen Zuständen keine falschen Schlüsse auf die Geschlechtsmoral der Russinnen ziehen, die ja auch die deutschen Soldaten mit Staunen erfüllte; deutsche Soldatenkinder werden auch heute „Fritz“ genannt, und „eto Fritz!“ (Dies ist ein Fritz) hat einen verächtlichen Unterton.

Wahl des Arbeitsplatzes oder der Beschäftigungsind in der Regel nicht frei. Wer sich von seinem Wohnort oder Arbeitsplatz mehr als drei Kilometer entfernen will, bedarf dazu eines Erlaubnisscheines; von tausend Anträgen wird im Durchschnitt einer bewilligt. Auf Beruf und Berufsausbildung, soweit sie vorhanden ist, wird wenig Rücksicht genommen: dazu ist das System der Arbeitslenkung zu grob. Im Schacht und Walzwerk haben die Heimkehrer häufig mit Handwerkern zusammen gearbeitet. Streiks gibt es selbstverständlich nicht; da Produktion und Produktionsgüter verstaatlicht sind, der Staat aber – in der Theorie – ein Staat der Werktätigen ist, wären sie ein Widerspruch in sich.

In Industrie und Bergbau mangelt es an selbst primitiven Schutzeinrichtungen; weder gab es in den Gießereien Schutzbrillen, noch wurden die Stollen gegen Einsturz und Wassereinbrurch gesichert. Wie hätte man sonst die riesigen Industriekombinate aus dem Boden stampfen können? Das Walzwerk, in dem einige der Heimkehrer gearbeitet hatten, gehört zu einem Industriekomplex von 50 km Länge und 30 km Breite, der voneinergroßen Mauer. umgeben ist, die auf je ein Kilometer ein Tor hat. Der Bahnhof dieser Anlage hat die Größe des Dresdener Hauptbahnhofes. Von einem Hydrierwerk in Sibirien erfuhr man unlängst, daß es zehnmal so groß ist wie das größte frühere deutsche Werk in Heydebrek in Oberschlesien.