Von Paul Fechter

Der Sommer ist auf der Höhe, die reifen Apfel fallen von den Bäumen: da tritt das Theater wieder in seine Rechte. Und staunend stellt man fest, daß bereits die dritte Spielzeit nach der Katastrophe beginnt, daß das neue deutsche Theater Jahresringe ansetzt, eine Geschichte bekommt.

Hat es auch schon ein Gesicht bekommen? Es hat sein Gesicht sogar bereits gewechselt, hat eine Entwicklung durchlebt, die den heutigen, den gestrigen Zustand schon zur zweiten Nachkriegsphase macht. – Als im Sommer 1945 die ersten Aufführungen oft in den seltsamsten Räumen Wirklichkeit wurden, lag über ihnen die ganze nervöse Lebendigkeit neuen Beginns, das Funkelnde, beinahe der Improvisation. Das Theater stand noch einmal mitten im Leben, war Leben und sprach zu den Lebendigen, die ihm zujubelten. Fehlings „Urfaust“ in Berlin-Zehlendorf und seine großartige Inszenierung von Raynals „Grabmal des Unbekannten Soldaten“, Thornton Wilders „Kleine Stadt“ im Rathaussal von Schöneberg mit der traumhaft natürlichen Unwirklichkeit des Überwirklichen, Martins „Macbeth“ mit Walter Franck und Hilde Körber, der „Hamlet“ Horst Caspars: das waren in Berlin Dokumente des neuen Beginns, die im Gedächtnis fortleben, weil in ihnen etwas vom Innersten der Zeit fühlbar wurde, von dem Befreitsein und der angstvollen Hoffnung, von dem neuen Emporschnellen der belasteten Seelen trotz allem Grauen, das sie durchlebt hatten und das vor ihnen lag. So also war’s in Berlin; in anderen Großstädten war es ähnlich.

Diese erste Phase des neuen Theaters mußte rasch verwehen; sie konnte nicht dauern. Sie dankte ihr Dasein den Menschen der Kunst und ihrem erlösten Elan – und dieser Elan blieb allein. Es gab wohl Zuschauer, Menschen, die etwas sehen wollten es gab aber kein Publikum. Was Berlin betrifft – Fehlings Arbeit zerbrach am leeren Raum, nicht am Fehlen der Leistung, sondern am Fehlen des gesellschaftlichen Trägers jeder künstlerischen Tat. Der Impuls war da, aber nicht die Menschen, die ihn aufnahmen. Die kamen wohl zu Beginn zu ihm nach Zehlendorf; dann blieben sie fort – und andere gab es nicht. Es waren Reste, nicht eine Neubildung. Die schuf sich Barlog, der Direktor des kleinen Steglitzer Hauses. Er traf mit Stück und Spiel den Ton der Welt, in deren verhältnismäßig großen Resten er und sein Haus lebten; er spielte einen amerikanischen Schwank, einfach, völlig unbeschwert – und die Leute kamen und lachten und wurden sein Publikum. Er konnte ihnen sogar Shakespeare vorsetzen, der vor zwanzig Jahren in Steglitz in demselben Haus nie ging: sie kamen. Er hatte den Raumstil des Berliner Südwestens getroffen, die Atmosphäre für die besondere Menschengattung dort; sie trug ihn und trägt ihn weiter. Er hat das Hinterland, das Fehling fehlte; so blüht sein Theater und vor allem sein Publikum. Dies Publikum zu schaffen, ist heute allgemein im deutschen – Theaterleben ebenso schwer wie die Bildung eines Spielplans, Er wurde das Problem der zweiten Spielzeit, wird es auch in der dritten bleiben. Verhältnismäßig leicht hat es in Berlin Herr von Biel, der Direktor der Komödie und des noch im Aufbau befindlichen Theaters am Kurfürstendamm. Er hat das „Laufpublikum“ und den Westen Berlins, vor allem den neuen, der sich inzwischen gebildet hat und auf allerhand abenteuerlichen Grundlagen weiterbildet. Das Renaissancetheater, die Tribüne Herrn de. Kowas sind in der gleichen Lage: bei ihnen ist schon heute das Publikum eher da als der Spielplan. Es bestimmt ihn in weitem Ausmaß, wie früher nach der gesellschaftlichen Seite, mit Besatzungseinschlag. Jemand nannte das heutige Berlin mit seiner Fünfsprachenbevölkerung einmal das europäische Shanghai; der Westen der Stadt ist das Zentrum dieser neuen Internationalität. – Sie liefert den Großteil des Publikums; sie bestimmt die Spielpläne, die im wesentlichen zwischen Unterhaltung und Schau mit bescheidenen Literaturausflügen angesiedelt sind.

Seit der zweiten Spielzeit also stehen – und dies nicht nur in Berlin – die Spielpläne mit im Vordergrund. Die erste trug die Improvisation; heute, da mehr und mehr das Geschäft Hauptsache geworden ~~~~~ die Planung ihre Ansprüche an. Sie ist ~~~~~ schwere Aufgabe: Stücke, vor allem moderne deutsche, sind Mangelware; was gibt es statt dessen? Klassiker? Süß und ehrenvoll ist es... aber wo sind die Stücke, die die Kassen füllen? Wo sind klassische Stücke, die heute über die Rampe hinweg wirken? Man hat die „Räuber“ gespielt, hielt sie wohl für zeitnah: es blieb beim Experiment. Man brachte Komödien Shakespeares, mit ungleichem Erfolg, spielte Sophokles neben Anouilh, machte Versuche. Und stand immer wieder vor der Frage: Was soll man spielen? Die Forderung, daß das Aufgeführte Bezug auf die Gegenwart und ihre Schicksale haben müßte-, ist nicht unberechtigt, der Ruf nach Zeitnähe begreiflich: wo gibt es aber Stücke, in denen sie lebt?

Ist Hauptmann zeitnah? Der junge sicher nicht; der ist seit langem Geschichte, so sehr, daß ein Berliner Theater im letzten Winter selbst die „Weber“ expressionistisch spielen zu müssen glaubte. Der alte Hauptmann, und seine finstere Antike? Er hat manches von heute in seiner beginnenden Verzweiflung am Leben: glücklich macht er nicht, und wer wagt sich an die „Iphigenie“, über der in Berlin die Erinnerung an die grandiose Aufführung bei Gründgens mit Maria Koppenhöfer und Hermine Körner schwebt? Sudermann? Vielleicht, wenn man ihn so doppelbödig gespenstisch spielt, wie Fehling es mit dem „Johannisfeuer“ unternahm; im übrigen ist et ebenfalls längst Geschichte. Wedekind? Der „Marquis von Keith“ zeigte trotz Gründgens, daß er heute in der Zone des Schweigens steht: bei den Lulutragödien ist das noch viel mehr der Fall. Ein Drama aber ist beängstigend zeitnah, der „König Nicolo“. Die Hamburger haben ihn auf ihren Spielplan gesetzt, und man kann ihnen dazu nur gratulieren: die Elendenkirchweih ist die Litanei unserer sonnigen Tage. Ibsen? Seine Saga vom Untergang der Bürgerzeit liegt fern wie ihr Urbild Augier, und gegen sein einziges zeitnahes Stück, den, Volksfeind“, dürften die Vorkämpfer der Demokratie schon um der verfluchten kompakten Majorität willen einiges einzuwenden haben. Vielleicht sollte man es einmal mit der ,,Wildente“ versuchen: Hjalmar Ekdal ist auch 1945 nicht gestorben und ist innerhalb wie außerhalb der Politik immer noch eine der aktuellsten Figuren, Strindberg? -Aus seinem Frauenhaß ist heute beinah Männerhaß geworden; aber das „Traumspiel“ – auf las – „Die Zeit“ früher schon verwies – klingt immer noch, und die Formel „Es ist schade um die Menschen“ hat auch heute noch eine gewisse Aktualität.

Am schwersten ist das Problem bei den Lebenden. Sie wurzeln in ihrer Zeit zwischen 1918 und 1933; dann kam der Bruch, und nun fehlt das neue Zeitgefühl, das sie und ihre Werke ebenso tragend aufnehmen müßte wie die Werke der Klassk. Auch ihnen fehlt das unmittelbare Reagens, der soziologische Widerhall, der sich erst langsam wieder ergeben kann: ihre Stücke und die Aufführungen hängen ebenso in der Luft wie die Werke der expressionistischen Maler (dem Impressionismus, geht – es freilich auch nicht viel besser). Die Quaverbindungen zwischen den Menschen, welche die Welt dieser noch lebenden Kunst trugen, sind zerrissen; das Dasein und die Menschen sind atomisert. Erst ganz allmählich kann wieder der Partner erwachsen, den jede Kunst braucht, kann das Publikum entstehen, von dessen stummer Mitarbeit zuletzt ebenso die Werke der Didier wie der Malet und sogar die neuen Stücke, die wir brauchen, abhängig sind.

Daß das nicht von heute auf morgen geht, hat schon Lessing gesehen: „Alles kann nicht auf einmal geschehen.“ Wir werden mit den Spielplänen und mit dem Publikum Geduld haben müssen – um so mehr, als für die Genesis eines neuen lebendigen Theaters ein dritter. Faktor wesentlich ist, der Schauspieler. Und zwar werden die Spielpläne nicht nur der Berliner Theater für die kommende Saison in weitem Ausmaß von der Tatsache bestimmt werden, daß auf unseren Bühnen ein ausgesprochener Mangel an männlichen Schauspielern herrscht. Weibliche Kräfte, auch begabte, sind, vorhanden: was fehlt, sind Männer. Auch in Berlin ist ein großer Teil der älteren Generation ausgefallen, hat Spielverbot, ist gestorben oder überaltert: viele der Jüngeren der Berliner Elite sind nach dem Westen abgewandert, einige der neuen aufsteigenden Begabungen sind ebenfalls kaltgestellt. Ein entscheidender Faktor für die Spielplanbildung Berlins in der nächsten Spielzeit ist die Tatsache dieser Lücke: für viele Theater ist es schlechterdings unmöglich, auch interessante geplante Stücke heraus-, zubringen, weil sie die männlichen Rollen nicht mit dem notwendigen Niveau besetzen können. Dieselben Klagen hört man von vielen Orten. So fällt eine Menge Stücke, die für den kommenden Spielplan durchaus in Betracht kämen, von vornherein aus; auch hier gilt es abzuwarten und zu suchen, ob nicht unter dem Nachwuchs sich allmählich so viel an Begabung hervortut, daß wenigstens die empfindlichen Lücken nach und nach geschlossen werden könnten.