Der Plan für die industrielle Abrüstung Deutschlands, der im April 1946 unter der euphemistischen Bezeichnung „Industrieplan“ herauskam, war im Moment seiner Veröffentlichung, wie ein Urteil von kompetenter, britischer Seite lautete, bereits reif für die Ablage im Archiv. Dennoch hat er ein zähes Leben gehabt. Als im August 1946 endlich Mr. Hyndim Unterhause erklärte, daß man zu einer Revision des Planes kommen müsse – die „Zeit“ veröffentlichte diese Nachricht damals unter der Überschrift „Ein Begräbnis dritter Klasse“ –, hat wohl niemand glauben können, daß bis zur endgültigen Beschlußfassung ein weiteres Jahr vergehen Würde. Aber nun ist die Revision der Planzahlen Tatsache geworden – die erste Revision. Vivant sequentes...

Im großen Rahmen gesehen, soll der Produktionsstand von 1936 künftig maßgebend sein, und nicht mehr der Katastrophen-Standard von 1932, auf den man Anfang 1946 noch die deutsche Wirtschaft zurückschrauben zu sollen meinte. Irgendwelche gleitenden Klauseln, die ein dynamisches Moment in die starren Begrenzungen bringen könnten, fehlen auch diesmal. Anderseits ist die Generalklausel, wonach der deutsche Lebensstandard dem europäischen Durchschnittsstand (ohne Großbritannien und die Sowjetunion) anzupassen sei, gefallen. Da der neue Plan, wie bekannt, nur für das Gebiet der vereinigten Westzonen gilt, deren Bevölkerungsstand erheblich zugenommen hat, bedeutet die Übernahme der Produktionshöhe von 1936 noch nicht etwa, daß der damalige Standard erreicht werden könnte; auf den Kopf der Bevölkerung bezogen, wird die Erzeugung nur etwa 75 v. H. der damaligen Ziffern ausmachen. Ob die industrielle Fertigung damit groß genug sein wird, um die Ausfuhrwerte zu schaffen, die notwendig sind, um eine Lebensmitteleinfuhr von 1 bis 1,25 Milliarden Dollar und einen Rohstoffimport in Höhe von einer weiteren Milliarde Dollar (beides jährlich) abzudecken, bleibt dabei eine ebenso offene Frage wie die weitere, ob das Ausland nun auch Exporte in solcher Höhe aufnehmen wird.

Aber halten wir uns zunächst einmal an die positiven Seiten der Neuregelung. Da ist zunächst die markante Stahlziffer von 10,7 Mill. t jährlich, gegenüber einem für Gesamtdeutschland bisher geltenden Limit von 5,8 Mill. t und einer vorgesehenen Kapazität von 7,5 Mill. t. Da ist die Feststellung, daß die heutige Kapazität der Automobilindustrie erhalten bleiben soll, was eine Jahresproduktion von 160 000 (gegen bisher 40 000) Personenwagen und . 61 500 (gegen bisher 38 000) Lastwagen für später zuläßt. Analoges gilt für den Traktorenbau. Da ist die Einstellung weiterer Demontagen auf dem Gebiet der Feinmechanik, Optik und Phototechnik – freilich mit der Klausel daß Werke der Präzisionsmechanik, die für Kriegsaufgaben errichtet worden sind oder dafür gearbeitet haben, doch noch der Demontage verfallen. Betriebe des Werkzeugmaschinenbaus werden zu einem guten Drittel des heutigen Bestandes noch für Reparationen freigestellt: ein Limit, das verhängnisvoll hoch zu sein scheint. Die gleiche Zahl gilt für „schwere“ Maschinen; während bei „leichten“ immerhin noch ein knappes Viertel der vorhandenen Kapazität weggenommen werden. soll. Die Elektroindustrie verliert noch drei in der Kriegszeit neu geschaffene Werke, bleibt aber sonst in vollem Umfange erhalten. Bei der diemischen Industrie, soll der Stand von 1936 annähernd bleiben, was eine Demontage oder Zerstörung von etwa 40 bis 50 v. H. der heutigen Kapazität entspricht. Die pharmazeutische Industrie soll noch ein Werk zur Herstellung von Atebrin verlieren, im ganzen aber 87 v. H. der heutigen Kapazitäten behalten. Im übrigen wird die chemische Industrie, ebenso wie die Erzeugung von Zement von Kraftstrom und von NE-Metallen, unterdem neuen, Plan erheblich günstiger gestellt sein, als bisher.

In der Schwebe bleibt die Frageder Leichtmetallherstellung; bis eine endgültige Klärung erfolgt ist, finden keine weiteren Demontagen statt. Die Verbote für die Herstellung von Kugellagern und synthetischen Erzeugnissen – Buna. Treibstoff, Ammoniak – bleiben wie bisher bestehen. Damit fällt u. a. die Hoffnung, durch ein Mehr an Kunstdünger in der Lebensmittelerzeugung schnell voranzukommen.

Welche Bedeutung der Tatsache beizumessen ist; daß der neue Plan nichts mehr über die Beschränkung der Textil- und Schuhindustrie (wie auch der Papierindustrie) besagt, läßt sich mangels erschöpfender Kommentare zu diesem Punkt noch nicht übersehen: Nehmen wir dies Faktum zunächst einmal als ein günstiges Zeichen – und rechnen wir im übrigen damit, daß durch die praktischen, Erfordernisse des „primum vivere“ allmählich in weiteren Revisionen noch weitere Fesseln gesprengt werden. E. T.