Die wichtigste Aufgabe einer Messe ist Käufer und Verkäufer zusammenzubringen und ihnen den Geschäftsverkehr zu erleichtern. Die Hannoveraner Messeleitung weiß dies natürlich auch. Freilich ist es bei der Vorbereitung der Messe zu Versäumnissen gekommen, die kritisiert werden müssen. Diese Kritik trifft Anfänger im Messewesen; dennoch haben sie Talent und Organisationsvermögen genug bewiesen, so daß man das Vertrauen haben kann, sie werden aus ihren Fehlern lernen.

Als vor gut zwei Monaten die Kundenwerbung im Ausland begann, entwarf man Prospekte, die in acht Weltsprachen zur Verteilung kommen sollten. Board of Trade erbot sich, den Versand vorzunehmen. Auf der Suche nach geeigneten Übersetzern wandte man sich nicht an erfahrene. Export teure, die dafür wohl am meisten geeignet gewesen wären, weil sie die Sprache des Landes beherrschen, und die Mentalität der Völker kennen? sondern man griff in Zeitnot, auf vereidigte Dolmetscher zurück, von denen anzunehmen war, daß sie wenigstens in Stilistik und Orthographie hieb- und stichfest seien. Weit gefehlt Der Chefprüfer der französischen Dolmetscher Niedersachsens, ein Mann mit zwölfjähriger Auslandspraxis in Paris, lieferte ein Manuskript, das gedruckt worden ist. Ein Exemplar ist von einem belgischen Einkäufer durchkorrigiert worden: kaum ein Satz blieb frei, von Beanstandungen. „Anfängerarbeit“, urteiltunser Gewährsmann. Hinzukommt ein politischer; faux-pas, für den wir nicht den Dolmetscher, frei-, lich aber die Messeleitung verantwortlich machen müssen. Dergleichen Arbeit bedeutet keine Empfehlung im Ausland; so versagt die Kundenwerbung, –

Der spanische Übersetzer verstand sein Fach offenbar noch weniger. Die Handelsattaches der spanisch sprechenden Länder verhinderten jedoch eine Panne, hindern sie die Prospekte als „untragbar“ zurückschickten. Damit war aber in Kauf, zu nehmen, daß bis zum Anlaufen einer neuen Werbungswelle, die zuspät kommen mußte, der für den deutschen Export seit Jahrzehnten besonders ergiebige südamerikanische Markt nichtgenug über eine Exportmesse in Deutschland informiert war. Denn welche Wege hätten bei unserer Abgeschiedenheit vom Weltmarkt außerdem beschritten Werken können? Der Kaufmann, der seine alten Geschäftsbeziehungen wieder brieflich angeknüpft hatte – und Briefe brauchen mehrere Wochen, bevor sie dem Importeur in Montevideo oder Santiago auf den Schreibtisch flattern –, wird natürlich feine Geschäftsfreunde benachrichtigt haben, aber die breite Masse der ausländischen Einkäufer war nicht ins Bild gesetzt. Man muß – zwar nicht in Deutschland, aber auf. dem Weltmarkt – wieder um den Kunden ringen. Eine offizielle, gut aufgemachte .Einladung hätte nicht schaden können.

Die Hinweise der Weltpresse auf diese Messe waren äußerst spärlich. In dem Zeitpunkt, da der Einkäufer seine Vorkehrungen zum Besuch unbekannter Märkte – und wir sind heute ein unbekannter Markt – zu treffen pflegt, wußte die Weltöffentlichkeit zu wenig, daß in Zweizonendeutschland überhaupt eine Messe geplant war. Warum nahm man keinen Einfluß auf Board of Trade, das diesen Teil der Auslandswerbung überkommen hatte?

Ein nicht minder kritischer Punkt ist der Streit um die Festsetzung der Quoten für ausländische Besucher. Der Raum für „ausländerwürdige“ Unterbringung in und um Hannover ist sehr beschränkt. Hieraus ergaben sich zwei Planungsaufgaben: erstens die Einladungen nach den ernsthaften Interessenten an deutscher Ware festzulegen. Dies ist bei Kenntnis der Exportmärkte nicht schwer. Und. zweitens war zu überlegen, wie möglichst viele Ausländer trotz der engen Verhältnisse bequem untergebracht werden könnten.

Im ersten Fall hat der deutsche Einfluß auf das Board of Trade ausgereicht, die ursprünglich festgesetzten Quoten sinnvoll zu ändern. Denn was hätte etwa die Vorgesehene Einladung an dreihundert russische Wirtschaftler nutzen können? Die sowjetische Wirtschaftsform kennt den individuellen Importeur ja nicht, und man weiß aus Nahrung, daß die Russen jeweils eine Wirtschaftskommission von höchstens fünfzig Köpfen zu schicken pflegen. Im zweiten Fall haben die Schweden eine erfreuliche Patent- und Notlösung gefanden, die es ihnen erlaubt, ihre Quote zu überziehen. Die schwedischen Importeure haben sich, nämlich einen Schlafwagenzug mit Speisewagen gemietet, der in Hannover für jeweils vier Tage abgestellt wird und dann zurückfährt, um neue Besucher zu bringen. Auch an Deutschland laufen wieder Speise- und Schlafwagen. Wäre es nicht möglich gewesen, hier selbst die Initiative zu ergreifen? Wäre es nicht überhaupt möglich gewesen, die deutschen Geschäftsfreunde der Ausländer einzuschalten, da es in beider Interesse ist, das persönliche Gespräch wieder anzuknüpfen? Hier wäre eine Gelegenheit, die Abstandssphäre „hie Deutscher – hie Ausländer“ auf ein vernünftiges Maß zu. reduzieren:

Wir verkennen keineswegs die unerhörten Anstrengungen, die die Organisatoren in Hannover unternahmen, und gratulieren zum Erfolg der Messe. Immerhin wurde ein Steg über das trennende Wasser, das zwischen Deutschland und der Welt liegt, gebaut, von dem wir sogar hoffen können, daß er dauerhaft sein wird. Es ist an uns, diesen Steg zu einer Brücke auszubauen; aber die Fundamente dieser Brücke müssen fehlerfrei sein.

W-n.