Von Reinhard A. Braun

Die Sommermonate sind die Zeit, da in Amerika die Theater-Premieren stattfinden. Und die Wintersaison am Broadway? Nun, immer probieren Künstler und Unternehmer erst einmal in kleinen Versuchstheatern fern von New York, meist in den östlichen Staaten nahe der atlantischen Küste, die Stücke aus die sie für wert halten, später am Broadway, der großen, einzigen Theaterstraße Amerikas, gespielt zu werden. So verringert man das Risiko. Doch dies ist nicht der einzige Grund dafür, daß das neue Galilei-Drama von Bertolt Brecht ausgerechnet in Hollywood seine Uraufführung und seine Erprobung für den Broadway in New York erlebte. Bert Brecht ist Bürger dieser Stadt. Mag sein, daß Hollywood der denkbar ungeeignetste Ort für alle Arten von Theater-Veranstaltungen ist. Immer wieder überschatten die großen Kino-Premieren alle anderen künstlerischen Ereignisse, und die Versuche, örtliche Theater zu gründen und am Leben zu erhalten, sind bisher noch stets gescheitert. Erst in allerneuester Zeit haben zwei kleine Versuchstheater ernstere Erfolge gehabt und ein gewisses Stammpublikum finden können. Eines heißt "Coronet Theater", ein modernes Haus,, das etwa 250 Personen faßt und an der La Cienega Avenue liegt, einer neuen breiten Verkehrsstraße, die gerade im Entstehen begriffen ist. Es gibt dort Galerien und Antiquitätengeschäfte, Kabaretts und Luxusrestaurants, feine Spezialgeschäfte aller Art, und insgesamt hat diese Gegend ein gewisses kosmopolitisches Gepräge.

In Hollywood, dieser filmfreundlichen, theaterfeindlichen Stadt hat Bertolt Brecht Charles Laughton getroffen, den großen englischen Schauspieler, der von der Idee, den Galilei zu spielen und mit dieser Rolle wieder vom Film zur Bühne zurückkehren zu können, von Anfang an außerordentlich begeistert war. Beide zusammen haben die englische Fassung geschaffen, die jetzt hier zur Aufführung kam.

Das Drama Galileis, wie Brecht es sieht, ist die Geschichte eines großen Gelehrten, der mit weltverändernden Entdeckungen auf die Widerstände seiner Zeit stößt und schließlich in Resignation den Kampf aufgibt, weil er ein sicheres Gnadenbrot dem Märtyrertod vorzieht, wohl wissend, daß seine Ideen auf die Dauer doch nicht aufzuhalten sind. So widerruft er "befehlsgemäß" alles, was er an unumstößlicher Wahrheit erkannt hat, um ein paar Jahre der Einsamkeit und Verlassenheit zu gewinnen, in denen er heimlich seine Arbeit weiter-Führenkann. – Was dieses Stück so aktuell macht, daß es für Hollywood sofort Interesse gewann, ist die Parallele zur heutigen Zeit, in der wieder einmal die Forscher ihrer Mitwelt weit vorausgeeilt sind. Bertolt Brecht betont diese Parallele deutlich in kleinen schlichten Zwischenversen, die von Chorknaben während der szenischen Verwandlungen gesungen werden. Es ist dem Dichter sehr ernst mit diesem Werk, daß er schon im Jahre 1938 plante, als die ersten Berichte des Bohr-lnstitutes über die Möglichkeit der Atom-Zertrümmerung veröffentlicht wurden und als die ersten Debatten über die möglichen Folgen solchen Fortschrittes entstanden. Aber auch Charles Laughton, dem Darsteller des Galilei, war es ernst mit seinem Spiel. Er ließ in schlichter Menschlichkeit das historische Kostüm mehr und mehr vergessen. Und der Abschlußvers der Chorknaben gab dem Zuschauer die letzte große Warnung mit auf den Weg, die Flammen der Wissenschaft weise zu hüten, damit sie nicht eines Tages uns alle verzehren.

Das Stück hatte einen gewaltigen Erfolg. Allabendlich sah man weltbekannte Regisseure Filmschauspieler, internationale Größen im Theater – trotz der Hitze, die nicht unschuldig daran ist, daß man sonst in Hollywood theaterfern lebt.

Wieder hat Brecht in Amerika an Popularität gewonnen. Man kennt sein Schicksal: und seine Werke. Man weiß, daß er sein Land in der Nacht des Reichstagsbrandes verlassen mußte, weil die SS auf seinen Versen war, die ihn als Opfer Nummer fünf auf ihrer politischen Mordliste hatte. Die Etappen seiner Jahre im Exil wären Österreich, Schweiz, Dänemark, Schweden und Finnland, bis er schließlich im Sommer 1941, wenige Monate, bevor die Japaner Amerika überfielen, sich in Hollywood ansiedelte. Während all dieser Jahre hat er Bühnenstücke geschrieben, die alle mit den Problemen unserer Zeit verbunden sind und die uns alle mehr angehen als das meiste, was in diesen Jahren der Weltkatastrophe aufgeführt wurde. "Rundköpfe und Spitzköpfe"; war eine drastische Kritik an der Rassentheorie, "Furcht und Elend des Dritten Reiches" war eine Schilderung des Lebens unter Hitler, deren unheimliche und anklägerische Szenen in vielen Ländern aufgeführt wurden, "Die Gewehre der Frau Karrar" eine einaktige Episode aus dem spanischen Bürgerkrieg, "Mutter Courage und ihre Kinder" – die Geschickte einer Marketenderin aus dem Dreißigjährigen Krieg, die vom Kriege, lebt und dabei ihre Kinder verliert, und "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" war eine Parallele zwischen Hitlertum und Gangstertum im klassischen Versmaß Homers. In einer neuen Schwejk-Komödie hat Brecht außerdem Haseks klassische Figur unter dem Titel "Der brave Schwejk im zweiten Weltkrieg" wieder auf die Bühne gebracht. Da landet der neuzeitliche Till Eulenspiegel schließlich in den weiten Schneefeldern Rußlands, wo er einen überlebensgroßen Hitler trifft, der ihm auch nicht sagen kann, wo Stalingrad eigentlich liegt;

Leider sind in diesen Jahren des Blutes und des Feuers nur wenige der neuen Werke im Druck erschienen, jetzt aber bereitet der Malik Verlag in New York eine neue Auflage der Bücher Brechts vor. Sie wird für die Entwicklung der modernen Theaterkunst von besonderem Werte sein, da die Brechtsche Dramatik neue und eigene Wege geht und in jeder ihrer Themen mehr gibt als das Drama selbst, nämlich einen Appell an die Menschheit, Konsequenzen zu ziehen und die bestehenden Dinge zu bessern. Dies, wie gesagt, ist auch der Sinn seines Galilei-Dramas, das, wie in Amerika angekündigt wurde, im kommenden Winter nicht nur am Broadway in New York, sondern auch an mehreren Bühnen in Deutschland erscheinen soll.