Wer, wie die meisten von uns, auf den Schüler! gelehrt worden ist, Scholastik sei eine der verstiegensten (mittelalterlich-theologischen) Voraussetzungen mit trockenster Verständlichkeit systematisierende Weltbetrachtung, der ist nicht eben schuldig zu sprechen, wenn er keine Lust verspürte, den Vater dieser Philosophie, Thomas von Aquin, je selber, zur Hand zu nehmen. Das war ganz offenbar "abgetan" und kam, als finstres Mittelalter, für einen aufgeklärten modernen Menschen nicht mehr in Betracht, Aber es scheint, daß die wahrhaft großen geistigen Ereignisse eine wunderbare Fähigkeit haben, mit Verfemung und völligem Vergessen fertig zu werden; sie könnten warten, und ihr Warten wird – an uns – belohnt. soll. Sebastian Bachs "Zeit" ist solchergestalt wiedergekommen. Und von der philosophia perennis des Aquinaten, die man unter dem Staub der Jahrhunderte für immer eingesargt wähnte, nimmt unversehens das zwanzigste Jahrhundert Kenntnis, nicht bloß nach der Weise der Gelehrten, sondern mit dem – unmittelbaren Gespür der Herzen, daß da etwas bereitet und bewahrt geblieben ist, was vor allen andern uns zu heilen, zu starken, im Sinne der wahren Arzenei wiederherzustellen vermöchte.

In der Folge der Neuausgaben, Verdeutschungen und Kommentare, die jenes mehr als nur gelehrte Interesse bezeugen, ist unlängst in der Hegner Bücherei (bei Josef Kösel in München) ein schlankes, also auch im Umfang nicht furchterweckendes Bändchen von Zitaten aus Thomas von Aquins Werken erschienen. Josef Pieper hat diese, wie er selbst vorausschickt, nach seinem persönlichen Empfinden und für seine Freunde ausgewählten Textstellen zu einem kleinen "Brevier der Welt-Weisheit" unter dem Titel "Ordnung und Geheimnis" zusammengefaßt, nicht kunterbunt, sondern... wie es dem Geiste des Thomas gemäßer ist, in einer gestuften Anordnung: Er hat damit aber gewiß nicht nur seine Freunde beglückt, sondern – auch durch die nach möglichster Einfachheit strebende Sprache – einer breiteren, noch unter Vorurteilen zögernden Leserschaft die Tore aufgetan und von der Probe her Last auf das Ganze gemacht.

Nicht alles freilich erschließt sich im Nu des Lesens; man muß die Geduld aufbringen nachzudenken; aber ist nicht schon das ein Teil des Heilprozesses, der uns nottut? Bereits das Motto, unter das der Herausgeber die gesamten Thomas-, Zitate gestellt hat, sagt uns, wie weit wir uns entfernt haben, aber auch was wir wiederzugewinnen hoffen dürfen. Es lautet: "Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersebnenewerter als das gewisseste Wissen von den niederen Dingen". Es herrscht also hier die Weise nicht, des Unerforschliche ruhig zu verehren", was praktisch darauf hinausgelaufen, es gänzlich in Ruhe zulassen; vielmehr ist in Thomas die Gewißheit, daß dem Menschen als einem Geist-Wesen viele Ordnungen der Weit erschlossen sind, auch wenn sie immer (worauf Piepers Buchtitel ausdrücklich hinweist.) umgeben bleiben vom Geheimnis Gottes, – den wir, wie es gegen Ende des Buches heißt, einzig dann in Wahrheit erkennen, wenn wir glauben, daß er über alles hinausliegt, was Menschen über Gott zu denken vermögen."

Es kann die Aufgabe eines kurzen Hinweises nicht sein, aus dem Schatz dieses Buches nun die Beispiele herauszugraben und hier den Abstand von unsern Denkgewohnheiten, dort die überraschende Nähe, im Ganzen aber die Mächtigkeit und Tiefe jenes Denkens ins Licht zu heben. So verlockend es wäre, für diesmal müssen wir’s den wiederholten: Textbegegnungen des Lesers selber überlassen. Nur noch eines am Ende: wiewohl das hier in Umrissen abgesteckte Gedankengebäude des Thomas mit aller Selbstverständlichkeit gottbezogen ist, so hat Josef Pieper die Auswahl doch ganz unter dem Gesichtspunkt der Weltweisheit getroffen. Ein "Brevier der Heilslehre", also die Theologie des Thomas (in ebensolchen Pointen) unter dem Titel "Das Auge des Adlers", soll ihm jedoch in Bilde nachfolgen. Hanns Braun