Viel ist über die deutsche Widerstandsbewegung gesagt und geschrieben worden, ein einigermaßen geschlossenes Bild aber geben zum; ersten Male die vor kurzem erschienenem Bücher von Rudolf Pechel: "Der deutsche Widerstand" (Eugen Rentsch, Erlenbach-Zürich) und Allen Dulles: "Germany’s Underground (Macmillan, New York). Es ist außerordentlich reizvoll, diese beiden Veröffentlichungen, die das gleiche Thema einmal vom deutschen Standpunkt und einmal – vom Ausland her behandeln zu vergleichen, Pechel, der als glühender Revolutionär und Vertreter des "anderen – Deutschland; nach jahrelanger illegaler Arbeit verhaftet wurde und drei Jahre durch die verschiedensten Kläger Gefängnisse und schließlich vor den Volksgerichtshof geschleppt wurde,-und Allen der als Leiter des amerikanischen OSS (Office for Strategie Services) in der Schweiz die Aufgabe hatte, den Kontakt mit der deutschen Widerstandsbewegung herzustellen – das sind die leiden Autoren. –

Pechel, dem man in jeder Zeile anmerkt, daß er mit heißem Herzen dabei war und von dem wir wissen, – daß er in dem großen Spiel um Freiheit oder Tod den vollen Einsatz nie gescheut hat, ist leidenschaftlich seiner Stellungnahme und Wertung der Ereignisse und einzelnen Persönlichkeiten. Allen Dulles erscheint dagegen als der leidenschaftslose, objektive Beobachter, der registriert und schildert, und dem neben den Informationen aus jener Zeit die Akten der Gestapo, des Volksgerichtshofes und des Nürnberger Prozesses zur Verfügung gestanden haben. Beide entwerfen, um dies vorweg zu nehmen, im wesentlichen – das gleiche Bild einer bereits vor dem Krieg beginnenden, immer. stärker und breiter werdenden deutschen Widerstandsbewegung, wobei Pechel das sehr viel umfassendere Material gibt als Dulles, der sich vorwiegend auf den 20. Juli und seine Vorgeschichte beschrankt. Pechel beginnt mit einigen Persönlichkeiten, die schon vor 1933 den Kampf gegen Hitler aufnahmen, und nennt Ernst Niekisch, Fabian von Schlsbrendorff, Ewald von Kleist; er schildert das Schicksal der Kommunisten, den sozialistischen Kreis Markwitz, die Gruppe um Beppo Römer, "Die rote Kapelle", deren Ent-– deckung zu dem größten Spionageprozeß des Dritten Reiches führte, den Solf-Kreis, die kommunistische Gruppe Saefkow, die Geschwister Scholl den Kreisauer Kreis, den Kampf der beiden Kirchen und die große Anzahl der oppositionellen Offiziere – immer neue Namen, die immer wieder – das gleiche Schicksal ausgelöscht hat: KZ oder Hinrichtung.

Pechel erkennt wohl die Gesamtverantwortung des deutschen Volkes an, aber nicht die Gesamtschuld, Unter diesem Gesichtspunkt stellt er drei Grundthesen auf! 1. Daß der innere deutsche Widerstand im einzelnen, zunächst von einander unabhängigen Gruppen bereits 1932 begann und, alle Kreise des’-Volkes umfassend, nach immer wieder neuer Zerschlagung, schließlich in den gemeinsamen Umsturzversuch des 20. Juli einmündete; 2. Daß die Vorbereitung zum 20. Juli im Rahmen der Gegebenheiten eines totalitären Terrorregimes weder militärisch, noch politisch dilettantisch waren, und daß die Pläne zur politischen Neugestaltung Deutschlands nach dem Umsturz Wesentlich klarer, vernünftiger, und "demokratischer" Waren als diejenigen der Alliierten nach. dem Zusammenbruch Deutschlands; 3. Daß alle Siegermächte eine erhebliche Verantwortung für die Festigung der Hitlerherrschaft nach 1933 tragen. Gerade, dieser letzte Punkt wird auch von Allen Dulles besonders hervorgehoben. Er erinnert diejenigen, die Heute von jedem Deutschen verlangen, er hätte von vornherein den Nationalsozialismus und Adolf Hitlers Abgründigkeit übersehen müssen, daran, daß Churchill, der Meister der europäischen Politik, noch 1935 in seinem Buch "Große Zeitgenossen" sich über Hitler keineswegs im Klaren war, wenn er dort schreibt, daß man noch nicht sagen könne, ob Hitler die Welt einen neuen, alles vernichtenden Krieg stürzen – werde, oder ob er in die Geschichte eingehen werde als der Mann, der die "große germanische Nation" wieder in die erste Front der europäischen Völkerfamilie eingeordnet hat.

Beide Bücher geben ein geschlossenes Bild von den seit 1938 fortlaufend durchgeführten Vorbereitungen zum Staatsstreich und den achtmal gescheiterten Umsturzversuchen; An interessantesten ist hierbei die von Dulles in allen Einzelheiten geschilderte Situation vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Man erfährt hier eigentlich erstmalig, wie dicht wir damals 1938 vor der Befreiung aus eigener Kraft gestanden haben: Beck hatte als Chef des Generalstabes, nach einer heftigen Auseinandersetzung mit Hitler über die Politik in der Sudetenfrage, demissioniert, – mit der Begründung, daß jeder bewaffnete Konflikt einen zweiten, Weltkrieg herbeiführen werde und er die Verantwortung dafür ablehnen müsse. Gleichzeitig ließ er durch Admiral Canaris und General Oster die Engländer über Hitlers Pläne informieren und, sie anflehen, in unmißverständlicher Weise zu erklären, daß jede Verletzung der tschechischen; Neutralität für England ein Kriegsgrund sei. Diese Erklärung,sollte das Fanal zum Umsturz in Deutschland geben, der bis in die letzten Einzelheiten vorbereitet war, Witzleben war damals – 1938 – Kommandant von Berlin und hatte alles für den Aufstand vorbereitet, General Hoeppner stand in Thüringen, um die SS-Elitetruppen in München von einem eventuellen Marsch auf Berlin, abzuschneiden, Nebe hatte sämtliche geheimen Stützpunkte der Gestapo, die sofort besitzt werden sollten, angegeben, und Admiral Canaris hielt die dokumentarischen Belege über alle Naziverbrechen in Händen, die dem deutschen Volk die Augen öffnen sollten. Damals war noch nicht geplant, Hitler umzubringen, sondern ihn festzusetzen und über eine vorübergehende Militärdiktatur eine parlamentarische Regierung einzurichten. Halder, der Nachfolger von Beck, hatte sich der Opposition zur Verfügung gestellt und war mit sämtlichen Maßnahmen ein verstanden "Aber", schreibt Dulles, "als Becks Nachricht die britische Regierung in der zweiten Septemberwoche erreichte, war der Entschluß, Chamberlain nach Berchtesgaden zu schicken, schon gefaßt." Da Beck, so schildert er weiter, dies jedoch damals noch nicht wußte und er am 28. September – zwei Tage nach Hitlers aufpeitschender Rede im Sportpalast – von seinem Londoner Gewährsmann telephonisch die Nachricht durchbekam, er sei sicher, daß jeder Angriffsakt von Seiten Hitlers Krieg bedeuten werde, wurden in fieberhafter Eile die letzten Vorbereitungen – getroffen und der Putsch für den nächsten Tag angesetzt. In diese höchste Alarmbereitschaft kam plötzlich gegen Mittag die Nachricht, daß der englische und französische Ministerpräsident an jenem folgenden Tage – der nachdem Programm der Aufständischen eine so andere Bedeutung, hatte haben sollen – sich mit Hitler in München treffen würden. "Darum nahm ich die Order zurück, weil die Voraussetzungen für die ganze Aktion zusammengebrochen waren." Mit dieser Aussage Halders in Nürnberg beschließt Dulles die Schilderung jener aufregenden Episode und fügt hinzu, daß sicherlich die Aussichten einer Revolte gegen Hitler nie größer waren als damals vor München.

Wenn es – noch eines Beweises bedurfte, um die Theorie derjenigen zu widerlegen, die, weil sie selber nicht "dabei" waren, die Existenz einer deutschen Widerstandsbewegung überhaupt. anzweifeln, so erfüllen diese beiden Bücher, unter Heranziehung einwandfreier Dokumente und Zeugnisse, diese Aufgabe. Er gibt immer noch Deutsche, die aus "verantwortungsbewußter" Furcht vor der Legende des 20. Juli das Märchen von den reaktionären Revolutionären erfanden, die am 20. Juli 1944 handelten, weil sie kurz zuvor entdeckt hatten, daß der Krieg, von dem sie sich angeblich so viel versprachen, verloren war. Ihnen sei empfohlen, das Buch des Amerikaners Allen Dulles zu lesen, der an einer Glorifizierung des 20. Juli "wohl, kaum ein Interesse haben kann. Dff.