Von Heinrich Herzberg

Camouflage – wir fanden diesen Ausdrude inkeinem unserer kleinen mitgebrachten Wörterbücher. Er mußte wohl mit camouflet zusammenhängen. Dies ist dichter Hauch, den man anderen ins Gesicht bläst. Bald aber wußten wir, die der Krieg, nach Frankreich geführt hatte, was Camouflage war: Luftschutzverdunklung. Das Wort klang halb kriminell, halb ulkig, dazu geheimnisvoll. Wir übernahmen es als eins der ersten in unseren Wortschatz für deutschen wie französischen Gebrauch. Im Deutschen also sagten wir Verdunklung und meinten damit nur das, was wir sagten. Camouflage, aber bedeutete nicht nur das Abdecken einer landläufigen Häuslichkeit gegen den Einblick eines feindlichen Fliegers. Und so hat sich das Wort über das Ende der Feindseligkeiten hinaus erhalten, ja es wird erst jetzt, da man annehmen müßte, es wäre erledigt, in seiner ganzen Ausbreitung, in seinem Sinn offenbar. Camouflage wurde Stichwort noch für andere Verdunklungen, für Verdunklung als Zeiterscheinung, als Symptom und als Symbol.

Neulich war ich in einer deutschen Mittelstadt und suchte – meinen Gewohnheiten gemäß – die Buchhandlungen auf. Regale und Auslagen waren fast leer. Einige antiquarische Bücher, Theodor Körner an der Spitze, sonstige Bücher der Befreiungskriege und lateinische, griechische, englischeund französische Klassiker in alten Schulausgaben drückten sich in den Ecken herum. Was sich an Neugedrucktem fand, waren Kalender und Broschüren, wie man sie auch an den Zeitungskiosken sieht. Ich sprach mit einem mir von früher her bekannten Fachmann über das traurige Bild. Er klärte mich auf und sagte, daß diese Stadt einen lebhaften Buchhandel habe wie kaum eine andere, daß man alles bekommen könne, von Thomas Mann bis zu Hermann Hesse, von Reinhold Schneider bis zu Manfred Hausmann, und daß andere Städte mit Büchern dieser Autoren von hier aus versorgt würden. Dazu käme das Beste und Reichhaltigste an antiquarischen Schätzen.

Wo denn dies alles zu finden sei, fragte ich. "Man muß bekannt sein ... in hinteren Räumen", antwortete er.

Camouflage ...

Szene: Berliner Vorortbahnhof. Dichte Scharen warten auf den Zug, der in die Umgebung der Stadt, und zwar in die Obst- und Gemüsegegend fährt. Eine graue, in ihrer Ärmlichkeit uniform gekleidete Masse. Sogar der gute Bekannte, den ich im Gewühl entdecke, ein wohlbestallter Direktor, ist in ärmlicher Kleidung. "Ja", sagt er, "man darf hier nicht auffallen. Man soll nie auffallen heutzutage. Nach außen nichts zeigen, was den Rahmen sprengt ..."

Camouflage ...