Richard Strauß aus München, gegenwärtig österreichischen Staatsbürger und wohnhaft in der Schweiz, ist – woran nur wenige zweifeln – der größte deutsche Komponist der Gegenwart, ja, einer der größten lebenden Komponisten überhaupt. Wie gut hat es ein Volk wie das deutsche, daß es einen solchen Zeitgenossen besitzt! Denn wenn schon in normalen Zeiten ein Künstler von 60 hohen Graden einem Volke zum Ruhm und zur Ehre gereicht, welche Wohltat ist sein Wirken erst in den Zeiten der Not und Betrübnis! Man weiß ja aus der Geschichte aller Völker, wie gern dieMenschen zu Zeiten, da die Politiker und Soldaten gerade mal nieder alles vor die Hunde hatten gehen lassen, sich um ihre Künstler scharten, um bei ihnen neuen Trost, neue Orientierung und Aufrichtung zu suchen. Die Künstler – so heiß gerufen, das rechte Wort (oder wenn es sich um Komponisten handelt: den rechten Ton) hervorzubringen – haben sich dem auch nie versagt. Und also ruft man in Deutschland nach dem größten deutschen Komponisten Richard Strauß, und lächelnd breitet der große Mann seine neuen Partituren aus, von denen eine den bezeichnenden Titel "Metamorphosen" alias "Wandlungen" trägt, und aufjauchzend eilen die Menschen, die einst zwölf Jahre lang marschiert sind, in die Konzerte...

Schön wär’s ja, wenn’s so wäre! Aber es ist nicht so. Denn in Wirklichkeit sind die neuen Schöpfungen von Richard Strauß, in Deutschland nicht zu hören. Der unbezahlbare Strauß – der es keineswegs mit seinem Namensvogel gemein hat, daß er den Kopf in den Sand steckt – läßt nämlich seine neuen Werke in England verlegen. Und diese Werke sind nicht nur groß und gut, wie es von dem genialsten deutschen Komponisten der Gegenwart nicht anders zu erwarten war, sie sind mehr als das: sie sind devisenpflichtig. Und wir armen Deutschen der neuen Demokratie können die neuen Werke des Mannes, der bei uns Präsident der Reichsmusikkammer war und von dem wir hörten. daß eben darum sein Vermögen in Deutschland blockiert worden sei, nicht aufführen, denn wir können sie unserem großen, Richard Strauß, dem armen Deutschen, dem reichen Gast der Schweiz, dem neutralen Österreicher beim besten Willen nicht bezahlen.

Gewiß, gewiß! Man kann ja viel begreifen, wenn man sich ein wenig Mühe gibt, und auch das Kapitel des unbezahlbaren Richard Strauß ist so unverständlich nicht. Haben wir neudemokratischen Deutschen ihn, der in Nazizeiten so hoch in äußeren Würden bei uns aufstieg, nicht mit Denazifizierung bedroht? Gewiß, nach jenen heute unbequemen Würden hat Strauß sich nie gedrängt, im Gegenteil: er hat halt nix machen können: Und dann ist’s so gekommen, wie es Strauß – seinen eigenen sarkastischen. Bemerkungen im privatesten Kreise zufolge – selber vorausgesehen hat, und aus ist’s gewesen mit der ganzen Herrlichkeit, und dann sind andere gekommen und haben gesagt: Denazifizierungmuß sein! Und dann hat Strauß wieder nix machen können und ist rausgegangen aus dem Land, wo er alleweil nicht nur viel Ehr’, sondern auch Ärger (zuletzt noch den Verdruß um das blockierte Vermögen) gehabt hat, ist plötzlich Devisenkomponistgeworden und – ein Anlaß? daß man an seinem Beispiel und auf dem "Sektor" Kultur deutlich demonstrieren kann, wie total verfahren bei uns die Karre ist. Denazifizerung aber – so sagen, die Anderer. – sei eine innerdeutsche Angelegenheit. Freilich, so innerdeutsch, daß Richard Strauß offenbar nimmer ein Innerdeutscher sein kann! Strauß floh vor den Demokraten – seltsame "innere" Neu-Emigration. Seltsam und unbezahlbar!

– M.