Der Balkan, das wissen auch die Schulkinder, ist in der Geschichte immer ein Pulverfaß gewesen. Er hat jahrhundertelang unter der Herrschaft des byzantinischen Imperiums und später des türkischen Reiches gestanden. Dies ist. für die Balkanvölker zu einer entscheidenden nationalen Schulung geworden. Als dann die Scheidewand fiel, wurden sie von den Ideen erfaßt, welche: damals dem Höhepunkt ihrer Wirksamkeit zustrebten und im übrigen Europa die Nationalstaaten hervorbrachten. Von allen Nationalismen ist der der Balkanvölker der jüngste, also der heftigste. Berücksichtigt man ferner den Gebirgscharakter dieser Länder, der immer das Freiheitsgefühl begünstigt hat. und hält man sich vor Augen, daß alle diese Völker sich daran gewöhnt haben, bei den Großmächten – welche es nun gerade waren – Rückhaltzu suchen, zu finden, und infolgedessen ihre eigene Bedeutung und Rolle zu überschätzen, so hat man die wichtigsten Faktoren zusammen, aus denen sich das der Welt geläufige Bild vom ewig unruhigen Balkan bildete.

Sieht man von Griechenland ab, das dem Mittelmeer zugerechnet werden muß, so scheint es heute, als sei unter dem Einfluß der russischen Weltmacht und der kommunistischen Regierungen in diesem Gebiet die Befriedung unter den einzelnen Staaten eine vollendete Tatsache; ein außerordentliches Ereignis für den Balkan. Alle Balkanstaaten sind sich mit einem Male überraschend einig: es wird dauernd von freundschaftlichen Staatsbesuchen und Kundgebungen und von Kulturabkommen sowie Freundschafts- und Bündnispakten berichtet. Nicht ganz so sieht es im Innern der einzelnen Länder aus. Zwar geht der Prozeß der Gleichschaltung nicht in allen Staaten des Südostens gleich schnell. Die Tendenz ist aber überall die gleiche. In allen Hauptstädten herrschen kommunistische oder um ter starkem kommunistischen Einfluß stehende Regierungen, die jeden inneren Widerstand brechen und jede legale Opposition entweder bereits ausgeschaltet haben, oder auf dem Wege dahin sind. Während die innenpolitischen Verhältnisse Jugoslawiens und Albaniens vollkommen denen der Sowjetunion ähneln (es gibt dort keine zugelassene Opposition, und die kommunistische Partei ist die einzige Regierungspartei), werden die übrigen Balkanstaaten von Scheinkoalitionen Beherrscht, in denen aber die Kommunisten die führende Rolle spielen.

Auch der Wirtschaftseinfluß der Sowjetunion ist jetzt auf dem Balkan vorherrschend geworden. Im Jahre 1946 bezog zum Beispiel Bulgarien 82 v. H. seines Imports aus der Sowjetunion, während die Sowjetunion 66 v. H. der bulgarischen Ausfuhr abnahm. Ähnlich sieht es auch bei den übrigen Balkanstaaten aus. Sie wickeln ihren Außenhandel vorwiegend entweder, mit der Sowjetunion oder mit den von ihr beherrschten Ländern ab.

Die Masse der Bevölkerung verharrt gegen die Regierungen immer noch in einer feindlichen Haltung, Trotzdem ist nach der völligen Ausschaltung der legalen Opposition ein aktiver Widerstand kaum vorhanden. Eine Ausnahme macht nur Jugoslawien, wo über starke Bandentätigkeit, immer wieder, berichtet wird. Es sieht im allgemeinen aber so aus, als ob sich die neuen Regime auf dem Balkan mehr und mehr-stabilisiert fühlen, eine Auffassung, die im übrigen auch in dem Beschluß, der Sowjetregierung, die Friedensverträge mit den ehemaligen deutschen Verbündeten zu ratifizieren und ihre Besatzungstruppen aus Bulgarien, ganz, und aus Rumänien und Ungarn zum größten Teil abzuziehen, ihre Bestätigung findet: Wenn man laufend alle Berichte über die oppositionellen Bewegungen im Südosten verfolgt, wird man hinzufügen dürfen, daß allem Anschein nach diese Strömungen an Kraft und Nachdruck verlieren, je mehr die Teilnahme an ihrem Erfolg in der westlichen Welt zurückgeht.

Eine so umfassende. Konsolidierung ist für viele Beobachter fast unbegreiflich, weil man in der übrigen Welt noch immer die Macht der totalitären Technik unterschätzt. Sie führt ganz zweifellos zu "Lösungen" von Problemen, an denen die Balkanvölker, nach Ansicht der Sachverständigen, leiden. Dies wird dadurch erleichtert, daß in allen Hauptstädten gleichartige Regierungen sitzen, die – sich (weil sie alle aus einer Schule hervorgegangen sind) leicht über Streitfragen zu einigen vermögen, an denen noch gestern ein Feuer leicht zu entzünden gewesen wäre. Man denke nur an die nationale Frage, man denke an den Vertrag zwischen Tito und Dimitroff und ähnliches. Es fragt sich nur, ob es sich um echte Lösungen handelt. Ja, gute Kenner des Südostens würden vielleicht sagen, es ist die Frage, ob es dort überhaupt echte Lösungen geben kann...

Wie man das zu verstehen hat? Wie war die Lage, als der zweite Weltkrieg ausbrach? Deutschlandstand in der Handelsbilanz aller südosteuropäischen Länder weit an der Spitze. Sein Anteil schwankte zwischen 60 und 90 v. H. Rechnet man den Druck der militärischen Überlegenheit hinzu, so kann man – wohl verstehen; daß man sich in Berlin lange in der Hoffnung zu wiegen, vermochte, die deutsche Rechnung auf dem Balkan werde sicher aufgehen! Und doch ist sie nicht aufgegangen! Ein vollkommen umklammertes und im Falle des Widerstandes dem Untergang geweihtes Jugoslawien begann zu revoltieren; General Simowitsch stürzte die Regierung, die mit Deutschland den Dreimächtepakt abgeschlossen hatte, eine Handlung, die damals nur als ein heller Wahnsinn bezeichnet werden konnte. Jugoslawien wurde innerhalb weniger Tage von Deutschland besetzt. Aus – den Resten der geschlagenen Truppen, die sich in den Bergen behaupteten, entstand aber eine neue Armee.

Es ist natürlich heute nicht möglich, das Durcheinander der Motive, aus denen die Widerstandsbewegungen auf dem, Balkan entstanden, in ihrer historischen Bedeutung jetzt schon abzuschätzen. Ebenso schwer wäre es auch; vorauszusagen oder nur anzudeuten, was und wieviel nötig ist, um etwa dort, wo die neue, die russische Balkanrechnung, nicht aufgehen könnte, heute oder morgen eine Gegenbewegung ähnlichen Charakters hervorzubringen; Man kann aber schwer übersehen, daß die russische Balkanrechnung gerade in den Teilen, in den sie für Außenstehende am eindrucksvollsten ist, nämlich in ihrer Exaktheit, ihrer umfassenden Planung, ihrer logischen Zielstrebigkeit manche Ähnlichkeit mit der deutschen Balkankonzeption während des Krieges aufweist. Mit dem geplanten Abzug der russischen Besatzungstruppen aus dem Südosten würde sich nun definitiv die Frage aufrollen, ob dem kommunistischen Rußland das gelingen wird, was den Byzantinere, den Türken und den Deutschen nicht gelungen ist: nämlich die Balkanvölker unter einen Hut zu bringen und ihnen mehr als nur die Ruhe des Friedhofs zu geben. A. B.