Von Marion Gräfin Dönhoff

Es besteht nunmehr kein Zweifel darüber, daß die Ernährungskrise sich zu einer permanenten Ernährungskatastrophe auswächst. Wobei die zurzeit waltende Dürre den Verantwortlichen offenbar eine höchst willkommene Motivierung für die eigene "Machtlosigkeit" und Unzulänglichkeit bietet. Wie aber nun, wenn das Wetter sich ändert und man feststellen muß, daß die im Bereich der Landwirtschaft begangenen Fehler bleiben? Und sie werden bleiben, wenn nicht endlich an eine Umstellung der Landwirtschaft und an die Produktion von künstlichem Dünger und landtwirtschaftlichen Maschinen herangegangen, wird.

Obgleich man weiß, daß zur Herstellung von 1t Rein-Stickstoff, die ausreicht, um 15 t Getreide zu produzieren, nur 6 t Kohle benötigt werden, importiert man weiter jene 15 t Getreide a 120 Dollar (cif Hamburg) für 1800 Dollar und exportiert die 6 t Kohle, für die man bisher je Tonne nur 10 Dollar, also insgesamt 60 Dollar erlöste. Natürlich kann man nicht im Verhältnis 6 t Kohle = 15 t Getreide beliebig viel Getreide auf einer gegebenen Fläche erzeugen. Die Produktionssteigerung aber, die bei vollen Düngergaben über das heutige Niveau hinaus erzielt werden könnte, ist allein beim Brotgetreide für die beiden westlichen Zonen auf etwa 1,2 Mill. t Getreide zu beziffern. Wenn man also die Kohlenförderung von zwei Tagen nämlich 480 000 t zu Stickstoff verarbeitete, anstatt sie zu exportieren so würde man an der Mehrerzeugung von 1,2 Mill. t Brotgetreide 137 Mill. $ Devisen sparen – selbst bei Berücksichtigung des erhöhten Exportpreises für Kohle. Das ist wertmäßig mehr als der fünffache Betrag der gesamten Exportabschlüsse der Hannoverschen Messe.

Die deutschen Behörden haben also recht, wenn sie sagen, daß die Voraussetzung für die Leistungssteigerung der deutschen Landwirtschaft im wesentlichen im Aufgabenbereich der Besatzungsmächte liegt. Diese Tatsache bietet jedoch keine Entschuldigung dafür, daß die ergänzenden ebenso wichtigen Maßnahmen, die im Rahmen der deutschen Verwaltung getroffen werden müßten, bisher ebenfalls nur diskutiert und nicht verwirklicht wurden. Man muß sich darüber klar sein, daß auch vermehrter Aufwand an künstlichem Dünger und verstärkte Mechanisierung sich nur im Rahmen einer Umstellung des landwirtschaftlichen Betriebssystems voll auswirken können, aber eben diese Umstellung, für die seit langem ein Plan vorliegt, wird nicht in Angriff genommen.

Jeder Bevölkerungsdichte entspricht ein bestimmtes Bodennutzungssystem. Bei den jetzigen Erträgen würde das bisherige System nur einer Ernährung von 2,2 Menschen je ha entsprechen, während etwa 3,5 je ha ernährt werden müssen. Eine Abwandlung des bisherigen Systems entsprechend den neuen Erfordernissen ist schon deshalb unumgänglich, weil infolge der früheren Arbeitsteilung innerhalb der einzelnen Wachstumsgebiete Deutschlands, die westdeutsche Veredelungswirtschaft eine zwar wertvolle, aber mengenmäßig unzureichende Ernährungsleistung hervorbringt, die nur mit den Zuschüssen aus den Ostgebieten eine ausgewogene Ernährung ergab. Im einzelnen baut der Plan für die Umstellung des Betriebssystems darauf auf, daß Futterfläche, Viehbesatz und Mistversorgung des Betriebes ganz anders als bisher optimal auf einander abgestimmt werden, wobei die je nach Klima und Boden beste Futternutzung zugrunde zu legen ist. Der Hackfruchtanteil soll auf mindestens 25 v. H. gesteigert werden, weil nur auf diese Weise je Hektar die größten Nährstoffmengen erzeugt werden. Die Vermehrung des Zuckerrübenbaues muß zu einem Teil auf Kosten der Futterrüben erfolgen; damit könnte die heute 105 000 ha betragende Zuckerrübenfläche auf 200 000 ha gebracht werden. Bei der Kartoffelfläche würde sich eine Vermehrung um 150 000 ha ergeben, die auf Kosten der Rauhfutterfläche, inAusnahmefällen auch der Getreidefläche, gehen muß. Bei der Viehhaltung ist vorgesehen, daß jegliches Mastrindvieh zugunsten des Milchviehs verschwindet, während andererseits die Schweinehaltung wieder aufgebaut werden soll; denn soviel absolute Abfallkartoffeln, daß von 1 ha Kartoffelfläche etwa zwei Mast- oder zwei Zuchtschweine pro Jahr leben können, fallen immer an.

Eine solche Umstellung kann aber nichtvon oben befohlen werden, sondern muß von jedem Betrieb selber vorgenommen werden. Darum ist die Voraussetzung eine fachmännische Beratung aller Betriebe, damit der Bauer die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit der Umstellung einsieht und weiß, wie er sie in seinem speziellen Betrieb durchführen kann. Der moderne landwirtschaftliche Betrieb stellt sehr hohe Anforderungen an seinen Betriebsleiter: er muß den Anteil an Eiweiß und Stärke der verschiedenen Futterrationen und die Wirkung der Düngergaben errechnen können, er muß von Maschinen, von Fruchtfolgen, von Saat und Tierzucht, von Pflanzen und Bodenkunde etwas verstehen. Man kann das gleiche Stück Land intensiv oder mittelmäßig bewirtschaften – genau wie man ein Klavier gut oder schlecht spielen kann – von selber geschieht auch in der Landwirtschaft verhältnismäßig wenig. Ausschlaggebend für den Zuschnitt, und die Rentabilität des Betriebes ist in erster Linie die Qualität des Betriebsleiters. Natürlich kann man nicht lauter geniale Betriebsleiter erziehen aber man kann dafür sorgen, daß ihnen wenigstens das erforderliche Wissen zur Umstellung und Intensivierung ihrer Wirtschaft vermittelt wird. Die Möglichkeit einer solchen Umstellung aller Betriebe ist schon dadurch erwiesen, daß die geforderten Ziele nur einen Teil dessen darstellen, was die guten Betriebe bereits seit Jahrzehnten erreicht haben. Wenn die Wirtschaftsberatung dazu führt, daß die Produktionsbedingungen bei der Masse der bisher unterdurchschnittlichen, und rückständigen Betriebe sich bessert, so wird dadurch nicht nur eine riesige Produktionsreserve mobilisiert, sondern gleichzeitig auch der kommenden Rentabilitätskrise in der Landwirtschaft entgegengewirkt.

Die Hilfsmittel für eine solche Beratung sind inzwischen unter Ausnutzung aller Beratungserfahrungen privater und staatlicher Stellen entwickelt worden. Die zehn bis fünfzehn Berater, die für diese umfassende Wirtschaftsberatung in jedem Kreis notwendig wären, sind wie die Erfahrung gezeigt hat, heute in den Westgebieten zu finden und auch die Möglichkeit ihrer raschen Ausbildung ist gegeben. Die Kosten einer solchen Beratung sind etwa ebenso hoch wie die Unkosten der Ernährungsämter und Erfassungsabteilungen, die unverständlicherweise immer noch aus landwirtschaftlichen Beiträgen bezahlt werden. Wenn diese der Staat übernimmt, was nicht mehr als recht und billig wäre, so hat die Landwirtschaft die Mittel frei, die sie für die Beratung benötigt. Allerdings ist keine Zeit mehr zu verlieren, denn wenn eine Betriebsumstellung nützen soll, so muß jeder Bauer zumindest sein Anbauverhältnis noch in diesem Herbst neu abstimmen.