Von Sir R. W. Livingstone

Überall wird heute vom Geist des Abendlandes gesprochen. Und schon droht dieser Begriff – wie es in unserem Zeitalter der Massen nicht anders sein kann – zu einem Klischee zu werden. Der folgende Aufsatz, einer Vorlesung entstammend, die Sir R. W. Livingstone, der Präsident des Corpus Christi College, Oxford, im Rahmen der Charles – Martin – Stiftung am Oberlin – College in Ohio über "Greek Ideals and Modern Life" gehalten hat, mag dazu beitragen, den Begriff der abendländischen Tradition zu klären. – Der Marion-v.-Schröder-Verlag, Hamburg, will die Vorlesung in Buchform veröffentlichen.

Die wesentlichen schöpferischen und lebenspendenden Kräfte der heutigen Welt, ihr eigentliches Leben, entstammen zwei Ländern – Palästina und Griechenland. Wenn wir uns vorstellen, daß es diese Länder nie gegeben hätte, würde in unserer Vorstellung nichts von dem übrigbleiben, was wir heute unter Europa verstehen. Griechenland hat unserer Kunst mancherlei und unserer Architektur sehr viel gegeben, ihm verdanken wir unsere literarischen Gattungen vom Drama bis zur Geschichtsschreibung, von der Beredsamkeit bis zum Epigramm, vom Roman bis zum Essay, dazu die Ursprünge unserer Philosophie, unserer Gesetzgebung und vieler – unserer politischen Einrichtungen und Gedanken, ferner die ersten Schritte in vielen Zweigen unserer Naturwissenschaften und, was noch wichtiger ist, den wissenschaftlichen Geist, der es erst möglich gemacht hat, die Welt durch den Verstand zu begreifen. Darin haben die Griechen Einzigartiges geleistet. In Ägypten, Assyrien, China, Indien waren wohl gewisse Kenntnisse der Astronomie, Feldmeßkunst und Medizin vorhanden, aber nirgends außerhalb Griechenlands gibt es die Haltung, ohne die eine wirkliche. Wissenschaft-unmöglich ist: das leidenschaftliche Verlangen, zu wissen und zu begreifen und für alles eine vernunftgemäße Erklärung zu finden, ob es sich nun um das Weltall oder einen literarischen Stil, eine Krankheit oder die Grammatik handelte. Aus diesem leidenschaftlichen Ringen um Erkenntnis, das Europa von Griechenland gelernt hat, ist unsere moderne Kultur entstanden, die das Abendland von Grund aus veränderte und die dann vom Abendland ausgingen, um auch den Osten umzugestalten.

Natürlich war Griechenland auch schöpferisch auf dem Gebiete der Religion. Platons Staat sieht offizielle Gottesdienste für jeden einzelnen Tag im Jahr vor. Und selbst die Bibel kann Stellen wie die folgende kaum übertreffen: "Das Böse, Theodoras, kann weder ausgerottet werden – denn es muß immer etwas dem Guten Entgegengesetztes geben – noch auch bei den Göttern seinen Sitz haben. So muß es denn die sterbliche Natur und die irdische Sphäre heimsuchen. Deshalb muß man auch trachten, von der Erde aufs schleunigste zum Himmel zu entfliehen. Der Weg dorthin ist Verähnlichung mit Gott soweit als möglich; und diese Verähnlichung besteht darin, daß man gerecht, fromm und weise sei ... Gott ist niemals und auf keine Weise ungerecht, sondern im höchsten Sinn vollkommen gerecht, und nichts ist ihm ähnlicher, als wer unter uns ebenfalls der Gerechteste ist."

Gemessen an dem, was die griechische Kultur uns geschenkt hat, wäre das Erbe Palästinas gering, wenn es nicht der Welt eine gewaltige und reformierende Vorstellung von Gott geschenkt hätte. Griechische Philosophen zwar haben den rohen und ungeordneten Polytheismus der Überlieferung zu einer Vernunftreligion geläutert und jene Natural theologie begründet, die das Christentum als Gerüst seines theologischen Gedankenaufbaus benutzt hat. Palästina aber hat den Glauben an die unmittelbare göttliche Offenbarung in die Welt gebracht, ganz im Gegensatz zur griechischen Philosophie, für die Gott die "Idee des Guten" oder der "erste Beweger" oder das "leitende Prinzip" war. Für Palästina war Gott eine Person mit den lebendigsten persönlichen Zügen, deren Wille sich Gesetzgebern und Propheten ohne alle Umwege kundtat und deren Wesen in Gottes Sohn offenbart wurde, der in Menschengestalt auf Erden wandelte. Ein solcher Glaube verlieh dem Gottesbegriff eine Bestimmtheit und Gewißheit, die das Griechentum nie besessen hat.

Bei ihrer Annäherung an das Problem des Lebens haben die beiden Kulturen entgegengesetzte Ausgangspunkte gewählt. In Griechenland steht der Mensch im Anfang. Beim Aufbau seines ethischen Gebäudes beginnt Platon mit der menschlichen Psychologie und Aristoteles mit den Vorstellung gen vom Guten, die unter den Menschen herrschen. Beide schreiten vom Sichtbaren zum Unsichtbaren fort. Palästina, dagegen fängt am entgegengesetzten Ende an und geht von Gott aus, um dann zum Menschen herabzusteigen. Nach außen hin erscheinen die Ergebnisse die gleichen, denn auch die Griechen dringen vom Menschen her bis zum Gottesbegriff vor, und die bedeutendsten griechischen Philosophen sind Theisten. Doch das eigentliche Thema der griechischen Literatur bleibt der Mensch. Gott schwebt als entrückte, geheimnisvolle Gegenwart im Hintergrund. So vieles hat der Mensch erreicht, die Erde ist-seine Sklavin, Wind und Wellen gehorchen. Und soviel mehr noch wird er vollbringen. Der Tod ist die einzige Gewalt, die er nicht überwinden kann. Demgegenüber hat die Bibel nicht den Menschen, sondern Gott zum Thema, und jede Seite bezeugt, was im Geiste der Schreibenden obenan stand. Wenn Sophokles an die Erde denkt, sieht er sogleich den Pflug zu Nutz und Frommen des Menschen ihre Schollen aufbrechen. Auch der Hebräer denkt an Erde und Meer, aber alsobald zieht der Schatten einer großen Gestalt darüber, denn ;,in Seiner Hand sind die Zipfel der Erde, und die Kraft der Hügel ist in Seiner Hand: Das Meer ist das Seine, Er schuf es, und Seine Hände machten das trockene Land".

Die Griechen haben wohl den Begriff der Naturethik und den der Naturreligion geschaffen. Aber den bedingungslosen Imperativ eines unmittelbaren göttlichen Gebote haben sie nie gekannt. Aus diesem Grunde vielleicht hatten die Griechen kein Wort für "Sünde" und kannten gegenüber dem Unrechttun nur die Haltung der Ablehnung, und nicht wie Juden und Christen das Entsetzen. Unrechttun war für sie ein Fehler, ein Irrtum, eine falsche Note in der Harmonie des Weltganzen. Die Propheten jedoch empfanden anders. Für sie ist Jehova das absolut Gute, und eine unrechte Tat ist eine ewige Beleidigung, die er nie vergißt, weil er nicht vergessen kann. Heutzutage freilich ist der Begriff der Sünde nicht besonders beliebt, aber es ist klar, daß das Übel schneller aus der Welt verschwinden würde, wenn überall das Unrechttun als eine Beleidigung Gottes empfunden würde und nicht als eine Art Grenzüberschreitung.