Von A. J. Forrest

Vor einem Fleischerladen warten Hausfrauen in einer Schlange – etwa achtzig insgesamt. "Pferdefleisch – zum menschlichen Verbrauch bestimmt" heißt es auf dem Schild. In einer halben Stunde wird die tägliche Zuteilung dieser Fleischsorte ausverkauft sein und der Laden wieder schließen. Ein paar Frauen kaufen es für ihre Hunde und Katzen. Es kostet einen Schilling pro Pfund, ist markenfrei und schmeckt zäh.

Nicht einmal die 261 Gastwirtschaften, die der Bevölkerung von 290 000 Menschen Bier ausschenken, vermögen der Stadt etwas Fröhlichkeit zu vermitteln. Die Menschen hier strömen eine. Atmosphäre, der Lustlosigkeit aus. Ihre Bewegungen sind langsam, ja schleppend, und das Tempo des Straßenverkehrs nach der Mittagszeit ist langsamer, als ich es in irgendeiner anderen europäischen Stadt – selbst in Hamburg – angetroffen habe.

Woran mag das liegen? Newcastle, das an einem der schönsten englischen. Flüsse, dem Tyne, gelegen und berühmt ist wegen seiner Werften, seines Kohlenhandels und seiner Großindustriellen, der Vorkämpfer für die Schwerindustrie, macht heute einen belagerten, fast besiegten Eindruck. Irgendjemand – oder irgendetwas hat ihm sein Herz genommen.

Die Straßen sind, wie sie es von jeher wären, zusammengepfercht, eng und schmutzig – mit einem Wort häßlich. Hier, und da: sieht man schüchterne Versuche, dem Ganzen etwas Farbe zu geben. Blumenkasten mit Geranien und Kapuzinerkresse schmücken das Hauptpostamt und auch die Steintöpfe zu Füßen der Statuen und Denkmäler und in den Fenstern anderer öffentlicher Gebäude sind voller Blumen. Aber das alles sind nur Farbflecke in einer im übrigen eintönigen, grauschwarzen Steinwüste. Selbst die Stadtrandsiedlungen, die auf neuen Grundstücken erbaut sind und größere Gärten haben; lassen ihren Grund und Boden in vielen Fällen verunkrauten. Ihre Besitzer machen keinerlei Anstalten ihn zu bepflanzen. Es bedarf offenbar fast einer Generation, um Familien aus den Hinterhöfen der Großstädte "garten-bewußt" zu machen. Ihre Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit dem Boden gegenüber, die so unsozial erscheint, trägt ihre Wurzeln noch in ihrer früheren Umgebung und Beengtheit.

Vor meinem geistigen Auge erwachen die Glanzzeiten des Handwerks am Tyne – menschliches Können, das einst die Mauretanie, jene großartige alte Königin der Meere, erbaute und Viele andere schmucke und stolze Schiffe vom Ufer des Flusses in den Atlantik gleiten. ließ. Ich sehe eine Kette rauchender Tyne-Schiffe – Kohlendampfer und Küstenfahrzeuge – die ihre Kohlen durch das schmutzigste aller Meere und schlimmste Wetter nach London und Europa verschifften. Wir in Enge land machen heute den Eindruck, als hätten wir größte Mühe, die 200 Millionen Tonnen Kohle – das englische Förderungssoll – heranzuschaffen, während wir vor dem Kriege jährlich 230 Millionen Tonnen zu fördern pflegten und unmittelbar nach dem Kriege 1914/18 die Spitzenleistung von 287 Millionen Tonnen – das sind 100 Millionen Tonnen mehr als die Förderung des vergangenen Jahres – erreichten.

Wo Lebendigkeit herrschen sollte, ist Lethargie. Nicht Faulheit. Ich sage nochmals Lethargie, Apathie, wenn man so will. Die Last der Ungewißheit vielleicht. "Die Menschen haben genug Geld. Die meisten bekommen gute Löhne. Es gibt wenig Arbeitslosigkeit – (Newcastle hat nur 6768 Arbeitslose, davon sind 1873 Frauen im Alter von 18. bis 60 und 21? Jugendliche im Alter, von 14 bis 18). Aber es gibt wenig Verbrauchsgüter, Möbel oder Haushaltsgegenstände zu kaufen und was da ist, ist sehr teuer", sagte mir der Herausgeber-der einzigen Tageszeitung der Stadt. "Der Arbeiter des Nordostens", fuhr er fort, "ist von Natur aus nicht sparsam. Was er verdient, gibt er aus. Und da die Waren knapp und teuer Sind, bringt er sein Geld in die Fußball-Pools, in die Wettbüros bei Pferde- und Hunderennen oder gibt es für andere Glücksspiele, die ihm einen kurzen Genuß verspreken, aus.