"Am Rande vermerkt" – so heißt ein im Ferdinand-Dümmlers-Verlag, Bonn, erschienenes Buch, das – eine Übersetzung des englischen Werkes "Friday Mornings 1941-1944" – eine Sammlung von Aufsätzen enthält, wie sie der bedeutende englische Journalist und Meister des Stils Harold Nicolson jeden Freitag im "Spectator" veröffentlicht.

Es ist tröstlich, wieder jene Bücher zu lesen, die einem 30 Jahre früher vertraut waren, unter ihnen aber besonders jene, die uns von den Kämpfen und Sorgen, anderer Zeitalter erzählen. Die ungeheure Popularität, die Tolstojs "Krieg und Frieden" in den letzten Jahren erreicht hat, ist ein Beweis dafür, daß unsere wunde und gehetzte Seele in der Betrachtung ähnlicher Wirren und Sorgen der Vergangenheit Trost findet.

Ich habe in dieser Woche mit viel Vergnügen wieder die "Ilias" von Homer gelesen. Es ist heutzutage Mode, sich über. unsere früheren Schulpläne lustig zu machen und zu sagen, daß viele Stunden unserer Kinderzeit zwecklos mit der Konstruktion griechischer Phrasen oder der Abfassung scheußlicher Hexameter verbracht wurden. Hätten wir nicht lieber Norwegisch oder Tschechisch lernen sollen?

Ich bin der Meinung, daß die innere Logik der klassischen Sprachen uns eine geistige Schulung gibt, die uns auch nicht andeutungsweise von einer – modernen Sprache geboten wird. Ich stimme mit Alain darin überein, daß die Verstandesmuskeln eines heranwachsenden jungen Menschen steif sind und daß sie durch Überwindung von Schwierigkeiten geschmeidig gemacht werden müssen, eine geistige Gymnastik, für die die griechische und die lateinische Sprache die besten Turngeräte bieten. Aber. die Tage des liberalen Erziehungsideals liegen nun hinter uns. Männer, die heutzutage nicht direkt ein berufliches Interesse an klassischer Literatur nachweisen können, werden zweifellos als intellektuelle Snobs angesehen. Das tut mir leid: viele Männer meiner Generation haben genug von der griechischen Sprache behalten, um Griechisch mit größerer Wertschätzung als früher lesen zu können. Zwar sind sie ganz außerstande, einen Chor von Aeschylus zu konstruieren. Ihnen wird doch die griechische Sprache, selbst wenn sie sich beim Lesen einer Nachhilfe bedienen müssen, immer als ein lichtvolles und klares. Element erscheinen. Die nordische Sprache mit ihrem Vokabularium voll unklarer Ausdrücke bietet nichts Gleichartiges.

Zwei Beobachtungen drängen sich bei der erneuten Lektüre der Ilias auf. Eigenschaften, die uns in der Jugendzeit so wunderbar dünkten, erscheinen uns heute künstlich oder als bloßes Wortgeklingel. Andere Teile der Ilias, denen wir als Knabe wenig Beachtung schenkten, erscheinen uns heute als mächtige, in die See hinausragende Vorgebirge. Als Knabe machte es einen riesigen Eindruck auf mich, mit welcher Eile und Wildheit die kampflustigen Helden der Ilias ihre Pfeile und Speere auf die Feinde schleuderten. Heute, wo ich das Gedicht ruhiger lese, wundere ich mich nicht mehr sosehr über die todbringende Stärke der Helden als über die Leichtigkeit, mit der ihre Gegner starben. Wohl ist es glaubhaft, daß ein Mann, der einen Speerstoß ins Herz oder in die Lunge bekam, sogleich tot in seinem Panzer zusammenbrach. Aber die Helden Homers starben mit einem Ruck schon von einem bloßen Schlag auf den Mund. Ich hatte auch vergessen, welche große Rolle bei Homer der Gebrauch von Steinen spielt. Immer wieder sehen wir einen griechischen oder einen trojanischen Helden einen Stein vom Boden aufheben und auf seihen Gegner schleudern. Und das mit solcher Kraft, daß Helm und Brustpanzer brechen und ein halbes Dutzend Rippen dazu. Die trojanische Ebene war reich an Steinen. Aber die Rolle, die Steine in dem Arsenal der Belagerungstruppen spielten, geht über jedes glaubliche Maß hinaus. Als Knabe wurde ich mir ferner nicht über die vollendete Schäbigkeit der Götter klar. Es geht mir heutzutage nicht mehr in den Sinn, daß wir – in den Grundsätzen der Mäßigkeit, Ehrenhaftigkeit und anständigen Betragens erzogen – nicht empört gewesen sind über das geradezu tolle Benehmen der Olympier. Ununterbrochen verstießen diese Götter und Göttinnen gegen die Regeln les Anstands, die uns gelehrt worden sind. So wenig aber ist in der Jugendzeit der Vergleichssinn entwickelt, daß wir die unbilligen Handlungen der Olympier statt mit Mißbilligung eher mit Vergnügen betrachteten.

Schönheit der Natur war in meiner Erinnerung das Kennzeichen der Ilias, ihr Klima war ewiger Sommer. Diese Vorstellung hielt selbst dann noch an, als ich jene Länder besuchte und aus eigener bitterer Erfahrung die kalten Winde kennengelernt hätte, die über die Ebene Thraziens blasen. "Boreas" nennt man diesen Wind noch heutzutage in den Straßen von Stambul. Ich habe auch den weißlichen Dunst kennengelernt, der vom Süden kommt und auch heute noch "Notos" genannt wird. Wenn er kommt, dann verliert der Himmel alle Farbe und wird zu. einem Zelt von durchsichtigen Weiß. Ich hatte ferner die ganz falsche Vorstellung, daß – abseits von dem Staub und Getöse der Schlacht auf dem engen Gelände zwischen den Schiffen und den Toren von Troja – Homer eine Windstille äußerer Welt geschildert hat, wo kein Blatt an den Pappeln sich rührt und wo die Sterne aus ewigem Äther herabschauen. Tatsächlich, nimmt Homer nur selten auf die freundliche Seite der Natur bezug. Seine Vergleiche sind meist einer Welt von Regen, Sturm, Hagel und Nebel entlehnt. Troja wird immer als windgepeitscht beschrieben. Der Dichter beobachtet auch scharf die Richtung des Windes, ob er aus Osten; Westen, Norden oder Süden weht. Die Winde sind selten gemäßigt, sie pfeifen über die Köpfe der Kämpfer her. Auch spricht die Ilias niemals von Sonnenschein. Die Sonne geht auf und unter im Bild der, Sternzeichen. Homer läßt sie niemals im strahlenden Licht aufgehen; es ist geradeso, als beschriebe er nordische Inseln, aber nicht die Inseln Griechenlands.

Nachdem ich jetzt die Ilias wieder im ganzen und sehr sorgfältig durchgelesen habe, frage ich mich dennoch, wieso das Epos mir damals den Eindruck von großer – Naturschönheit hinterlassen hatte. In seiner Beschreibung von See und Land, in der plötzlichen Beschwörung der großen Weiten, wenn die Sterne über dem Vorgebirge stehen, gibt Homer die hohe Schönheit der Ägäischen See vollendet wieder. Aber seine Hinweise auf die Gegenstände der Natur sind sparsam und sachlich. Nur-, zweimal erwähnt er Blumen, nämlich den Mohn, der "schwer von Frucht und vom Tau des Frühlings" sein Haupt senkt, und ein andermal, wo er das improvisierte Bett des Zeus auf dem Gipfel des Gargaros beschreibt, spricht er von "frischem Gras, betautem Lorbeer, Krokos und Hyazinthen, voll und weich". Das sind die einzigen Blumen, die in der Ilias erwähnt sind. Die Bäume kommen nicht besser weg. Wir hören von dem berüchtigten Eichenbaum und dem ebenso berühmten Feigenbaum die die Wahrzeichen der Schlachtfelder von Troja waren. Der Dichter spricht von Eiben und Eschen, von der Pinie, der Olive und der Pappel und der "weichrindigen Kornel-Kirsche", womit wahrscheinlich unsere Hundsbeere gemeint ist. Aber die Platane, das liebliche Wahrzeichen der griechischen und der türkischen Landschaft, kommt in der Ilias überhaupt nicht vor. Homers Wolken, sind klein und zart, und um sie, selbst in der Glut des Mittags, ist immer die graue See, sind die zackigen Klippen. Vom Berge Ida leuchten ununterbrochen die Wetter herüber, und in den Meerengen rollt der Donner.