Elisabeth Langgässer: Das unauslöschliche Siegel. Claassen und Goverts, Hamburg.

Lazarus Belfontaine aus der Dichterin Heimatkleinstadt – dieser freiwillig, doch ohne Heil das Siegel christlicher Taufe empfangende, aus äußerster Gott ferne dem Purgatorium zustürzende Prototyp moderner Hybris gibt, wiewohl Zentralfigur, samt Gegenspielern und Doppelgängern gleichsam nur den menschlichen Schauplatz ab für ein auf metaphysischer Ebene geschehendes Ringen, nämlich für den Kampf zwischen Gott und Satan, der das eigentliche Anliegen dieses faszinierenden Prosa-Epos bildet. Zeitlich von 1858 bis 1945 reichend, geographisch bis zu den Pyrenäen und den Westen des Ostens, läßt die zumeist in Rheinhessen, der "Isle de France" und Paris angesiedelte Romandichtung, die, "amphitheatralisch" ausgreifend, selbst Jean Jacques Rousseau, Donoso. Cortez, Therese von Lisieux und das Wundermädchen von Lourdes, Bernadette Soubirous, als ferne, aber gegenwärtig wirksame Personen einbezieht, ungeachtet ihres barocken Proszenismus ihrer plastisch prallen Lebensfülle wie Architektonik an die’pluralistischen Romankompositionen eines Dos Passos denken. In ihrer geistigen und psychologischen Unbedingtheit, der Genialität des Wurfes und der erschütternden religiösen Ergriffenheit alle. Konventionen sprengend, erweist diese außerordentliche Dichtung ein Schöpfertum, das um so inniger beglückt, als der Dichterin, von der gleichzeitig ein neuer Versband "Der Laubmann und die Rose" und eine Folge deutscher Stories "Der Torso" angekündigt werden, seit 1936 jegliche Publikationsmöglichkeit genommen war.

Friedr. Georg Jünger: – Die Silberdistelklause. Das Weinberghaus. Hans Dulk-Verlag, Hamburg.

Der Dichter des "Taurus" meisten in diesen beiden anmutigen Bänden "aus purem Wohllaut" Verse voll heiterer Sinnbezogenheit, er singt darin das "Hohelied der Narrheit" nach Art eines Desiderius Erasmus, um den "Verdruß, den ihr gesät habt", niederzumähen. – "Diese Lieder, die als Preislied / Ich im Morgentau gesungen, / Sind Rubine, die dem Blute / Eines Liebenden entsprungen" – auch diese Strophe könnte als Motto den in dem einzigen Versmaß einsilbiger Trochäen gehaltenen Zyklen voranstehen, von denen die "Silberdistelklause" mehr meditativ als "ein geistiger Auslug und Lebensort" begriffen sein will, während das "Weinberghaus" aus der Inbrunst des apollinischen Zechers heraus den "Wassergeist" der Bodenseelandschaft feiert.

Ferdinand Lion: Romantik ab deutsches Schicksal. Rowohlt-Verlag, Hamburg, Stuttgart.

Diese geistvolle historisch-politische Studie aus der Feder des Hindemith-Librettisten und Thomas-Mann-Biographen durchrönngt Romantik und Preußentum in ihrer geschichtlich folgenreichen Durchdringung, wobei als "kostbarstes Vermächtnis" der Romantiker der "Sinn für äußerste Freiheit" benannt wird. Novalis, Kleist, Heine, Wagner, Wilhelm der Zweite rücken unter neue Aspekte. Faust und Helena symbolisieren in nuce die Antinomie deutscher Wesensanlage.

Hasegeorg Maier