Von Wilhelm Heitmüller

Die Absicht, Karl Marx und seine Lehre, die in jenen zwölf Jahren vogelfrei waren, zu "verrichten", wie es im SS-Jargon hieß, war ebenso erfolglos wie geschichtstsblind. Politische Ideen lassen sich nun einmal nicht niederknüppeln. Sie lassen sich allerdings auch nicht gedanklich widerlegen. Es war der Aberglaube, des neunzehnten Jahrhunderts, mit dem Marxismus am Diskussionstisch fertigwerden zu können. Bei politischen Thesen geht es aber nicht darum, ob sie richtig oder falsch sind. Marx hat den angeblich wissenschaftlichen Charakter seiner Lehre stark betont. Aber gerade darin steckt ein rationalistischer Trugschluß. Das Marxsche System ist nicht wissenschaftlich, sondern politisch fundiert. Es geht aber nicht allein um Erkenntnisse. Wenn Marx mit Hilfe seiner dialektischen Theorie zu einer Geschichtsanalyse kommt, so allein deshalb, um daraus Folgerungen für die praktische Politik 211 ziehen. Marx war ein Aktivist. Ein politischer Willensmensch wie kaum ein zweiter, und seine theoretische Leidenschaft hat sein revolutionäres Temperament diszipliniert.

Als politische These hat die ökonomische oder materialistische Geschichtsauffassung eine Breitenwirkung von epochalem Umfang gehabt. Denn letzten Endes hat der Satz, daß alle Geschichte auf wirtschaftlich motivierten Klassenkämpfen beruht, das politische Bewußtsein der proletarischen Millionen in den letzter, hundert Jahren, erst geweckt, Es wäre allerdings naiv zu glauben, daß diese Thesen in den proletarischen Massen intellektuell verstanden worden sind. Die wissenschaftliche Geheimsprache der Berufsmarxisten versagte einer breiten Masse die Einsicht, dennoch hat die Masse die marxistischen Thesen im rechten geschichtlichen Augenblick intuitiv verstanden. Die "Arbeiterklasse" ist auch in dem Sinne eine Entdeckung von Marx, als er durch seinen suggestiven Einfluß das politische Selbstbewußtsein der proletarischen Menschen geweckt und erst dadurch den Arbeiter als möglichen Repräsentanten einer neuen Epoche aus dem Dornröschenschlaf erlöst hat.

Das nationalsozialistische und faschistische Zwischenspiel hat das von Karl Marx vorgezeichnete Geschichtskonzept zwar nicht verdorben, aber, doch in wesentlichen Punkten korrekturbedürftig gemacht. Wichtiger noch: In den Jahren gemeinsamer Verfolgung haben Marxisten und andere Gegner faschistisch-autoritärer Politik wenigstens soviel, voneinander gelernt, daß sie nicht mehr mit jener dogmatischen Intoleranz gegeneinander losdiskutieren, die den Mißerfolg der früheren Streitgespräche erklärt. Es ist jedenfalls ein Erfolg, wenn heute im Lager der Sozialisten Karl Marie in seiner geschichtlichen Begrenzung gesehen wird, was die Anerkennung seiner einmaligen historischen Größe nicht ausschließt; und wenn gleichzeitig von der andern Seite mehr Verständnis für eine von Marx ausgehende Gegenwartsanalyse aufgebracht wird, als, dies zu einer Zeit üblich war, in der sich "marxistische" und "bürgerliche" Nationalökonomie verständnislos gegenüberstanden, weil sie in eine – inzwischen von den Ereignissen überholte – Gegensätzlichkeit hineinmanövriert worden waren. Die gemeinsamen bösen Erfahrungen aus dem autoritären Zwischenspiel führen zu einer schärferen Formulierung des sozialistischen Endzieles, als es der Generation von Karl Marx und Friedrich Engels möglich war. Die ökonomische Einseitigkeit der marxistischen Perspektive erweist sich dabei heute als eine Schwäche.

Die junge sozialistische Generation hat weiterreichende Ziele als nur die revolutionäre Umwälzung der privatwirtschaftlichen Eigentumsordnung. Sie will den Menschen aus den Fesseln der kapitalistischen Arbeitswelt befreien, "gleichviel, ob es sich um Privat- oder Staatskapitalismus handelt." Das Erlebnis der proletarischen Situation beschränkt sich nicht nur auf den Arbeiter als den Repräsentanten einer bestimmten Klasse, die nach dem marxistischen Geschichtsschema jetzt am Zuge sein soll, sondern ist inzwischen das Erlebnis aller Menschen geworden, die sich von der rationalen Wirtschaft entrechtet fühlen und dagegen mit einer neu entdeckten Innerlichkeit Protest erheben. Dieser Durchbruch durch den proletarischen Klassenrahmen und die Einbeziehung wachsender Kreise in den sozialistischen Aktionsradius bedeutet "Den Schritt von der Klassenbewegung zur Staatsbürgerlichen Gemeinschaftsbewegung." Diese beiden Zitate stammen aus einem im Mai dieses Jahres erschienenen Aufsatz "Zur. geistigen Lage des Sozialismus", den sein Verfasser, Ernst Tillich, in der führenden Berliner Zeitschrift "Sozialistisches Jahrhundert" veröffentlicht hat. In dieser Zeitschrift ist manche unvoreingenommene Stimme zur Neubildung der Theorie zu finden.

Im Januarheft der gleichen Zeitschrift machte Ernst Sünderhaut zutreffend darauf aufmerksam, daß vom Urmarxismus her sowohl ein demokratischer als ein diktatorischer Sozialismus im Sinne Lenins und Stalins entwickelt werden könne. Die unglückselige Formel von der "Diktatur des Proletariats" gibt in der Tat denen zu denken, die keine Wiederholung eines, gleichgültig von welcher Seite kommenden und wie immer auch motivierten, Funktionärterrors wünschen. Die Gefahr des bürokratischen Apparates als eine der Möglichkeiten einer vollsozialistischen Ordnung ist erkannt. "Mit den Debatten darum, was von der marxistischen Programmatik noch brauchbar ist, verlieren wir Zeit und gewinnen keinen einzigen jungen Menschen. Wahrscheinlich stoßen wir ihn sogar ab." (Sünderhaut). Solche Sätze einer mutigen Selbstkritik kann man besonders bei Paul Sering nachlesen, der in seinem Abriß "Jenseits des Kapitalismus" (Nest-Verlag 1947) den ersten geschlossenen Beitrag zur sozialistischen Neuorientierung geliefert hat, und von dem noch ausführlicher zu reden und zu schreiben sein wird.

Es war gewiß falsch, in diesen und ähnlichen kritischen Stimmen Ansätze zu einer "Los-von-Marx-Bewegung" im sozialistischen Lager zu sehen. Anders als bei dem längst dogmengeschichtlich gewordenen Revisionismus handelt es sich diesmal um die Feststellung eines Zustandes: der schon vollzogenen Distanzierung. Durch die Erfahrungen und blutigen Irrtümerunserer eigenen Zeit sind wir Lebenden zu Einsichten gekommen, die uns weit über den rationalistischen Fortschritts- und Weltverbesserungseifer des 19. Jahrhunderts hinausheben. und die den Blick für einen Sozialismus geschärft, haben, der mehr sein will als das Ende einer ökonomischen Unfreiheit. Wenn es noch vor einem Menschenalter fast unmöglich war, im Sozialismus eine ethische Idee zu sehen, ohne Gefahr zu laufen, deshalb als ein verspäteter Anhänger des utopischen Sozialismus gescholten zu werden, so ist heute das Bekenntnis zu einem humanistisch geläuterten Sozialismus allgemein. Besonders die von dem religiösen Sozialismus herkommenden Autoren betonen, daß der Kapitalismus das Individuum um seine menschliche Würde gebracht hat, und räumen ein, daß der wissenschaftliche Sozialismus bei Marx eine "Wissenschaft ohne den Menschen" gewesen ist. So Klaus Peter Schulz in seinem; Aufsatz "Überwindung des Materialismus" im Juniheft des Sozalistischen Jahrhunderts". "Der dogmatische Sozialismus ist keine zeitgemäße Variation des wissenschaftlichen Sozialismus, sondern-eine echte Neuschöpfung." Er "glaubt nicht an den Fortschritt". Für ihn ist "die Vergesellschaftung der Produktionsmittel kein Zauberbegriff, der automatisch der von ihm berührten Menschheit ein neues Gesicht gäbe."