Vor dem dörflichen Rathaus stehen die Bauern in Gruppen beieinander. Sie machen lange Gesichter, als sei ihnen die Ernte verhagelt. Es bat auch: gehagelt, nämlich Strafen, und nun sind sie ins Rathaus zitiert zum Überschreiben, Sie stehen da wie Schulkinder, die zum Nachsitzen kommen müssen. Zu Hause auf dem Bord liegtder "Qrdnungs-Strafbescheid", und darin heißt es:

"Auf Grund der §§ 4 und 10 der Verbrauchsregelungs-Strafverordnung vom 6. 4. 1940 in der-Fassung vom 26. 11. 1941 (RGBl. I S. 734) wird gegen XX, Landwirt in Y, eine Ordnungsstrafe von soundsoviel Reichsmark festgesetzt, weil, er als Landwirt statt soundsoviel Liter Milch nur soundsoviel Liter Milch abgeliefert hat. Zuwiderhandlungen gegen ... Gebühr für Bescheid 15 Reichsmark, Auslagen 1,50 Reichsmark."

Der Ortsdienetist gekommen, hat den Zettel abgegeben und mit Bleistift daraufgeschrieben: "Zugestellt am soundsovielten, Name,Ortsdiener". Kostet 15 RM oder zehn Pfund Butter. Der Strafbetrag selbst beträgt hier 3000, dort 1500, dort 300 RM. In der ganzen Gemeinde kommen 45 000 RM zusammen, im Nachbarort sind es 90 000 RM. Das ist viel Geld.

Der Bauer rechnet, – 20 Pfennig bekommt er für. einen Liter Vollmilch, 9 Pfennig für ein Ei, 1, 55 RM für ein Pfund Butter. Wovon soll er die Strafe bezahlen? Wie lange müßte er arbeiten in diesem Gebirgsdorf, wo nur Futter wächst für das Vieh, um die Strafe bezahlen zu können? Ein Alter erklärte mir: "Ich bin jetzt 75 Jahre alt, bin immer den geraden Weg gegangen, jetzt muß ich hintenherum verkaufen zu schwarzen Preisen," sonst bin ich ruiniert."

Ein Bauer ist gleich über die Berge in die Stadt gegangen zum Rechtsanwalt, denn, so sagt er, "was son klaans Bürli schwätzt, des isch grad, wie wenn nebendran a Katz miaut". Es blieben ihm, so sagte er, zwei Möglichkeiten, entweder habe, sein Einspruch Erfolg oder er sei gezwungen, Butter schwarz zu verkaufen. Die Bauern vor dem Rathaus, sind sich einig darin, daß sie künftig alles Vieh, das nur mittelmäßig ist oder auch nur eine schlechte Zeit hat, über die man es normalerweise hinüberfüttern würde, abstoßen werden, damit nur die guten Kühe angerechnet werden können.

Sind die Strafen ungerecht? Es gibt Bauern, die sie verdienen, sie haben schlecht abgeliefert, weil sie mit ihren Produkten Geschäfte gemacht haben. Es gibt andere, die die Strafe nicht verdienen. Sie haben sich redlich gemüht, das Soll zu erfüllen, haben keine Geschäfte gemacht, wenn man ein Paar Schuhsohlen für ein Pfund Butter nicht als Geschäft rechnet. Aber die Schuhsohlen müssen sein für die Landarbeit. Eine Bauernwitwe hat für ihren Knecht einen Bezugschein auf eine Arbeitshose bekommen. Zerlumpt läuft, der Knecht herum, nun hat er die neue Hose, auf dem Papier. Ich werde etwas dazugeben müssen, sagt die Bäuerin. Das Papier allein tut es nicht.

Es ist wie bei allen summarischen Bestrafungen, sie sind gerecht und ungerecht. Aber das ist nicht die Frage, um die es geht. Sind die Strafen zweckmäßig? – das ist die Frage. Und diese Frage muß offen bleiben. Zunächst sieht es nicht so aus, als ob die Ablieferung gesteigert würde. Wenn nach und nach alle Kühe, die nicht volle Erträge bringen, zur Abschlachtung kommen, so wird wohl die abgelieferte Menge im Ganzen nicht steigen, wohl aber das Liefersoll je Kuh eingehalten werden können. Dann erübrigen sich weitere Strafen, und die Absicht, den übersetzten Viehstapel einer vernünftigen Auslese zu unterziehen, ist erfüllt – wenn es auch für den Bauern schmerzlich bleibt, seine in Reserve gehaltenen "Sachwerte" gegen Papiermark hergeben zu müssen.