Wenn da jetzt einer daherkommen möchte und möchte mich fragen, wer denn die allerschlimmsten, bösartigsten, und verruchtesten Monopolkapitalisten wären – ich brauchte mich nicht lange zu besinnen und würde gleich sagen: das sind die Fischereireeder. Na also, das weiß doch jedes Kind, welche nichtswürdigen Praktiken diese gefährlichen Konzerngewaltigen anwenden,um die Fischpreise für den schlichten Bürger unerschwinglich zu halten! Es soll ja schon vorgekommen sein, daß man, um das Angebot an den Märkten künstlich niedrig zu erhalten, gerade die leckersten kleinen Fischchen einfach wieder ins Meer geworfen hat! Und mit derselben diabolischen Routine, wie der Pflanzer seinen Kaffee, der Farmer seinen Weizen zu verbrennen pflegt, läßt das anonyme Reedereikapital die größten Fänge zu Fischmehl, also zu Schweinefutter, oder gar zu Dünger (!) verarbeiten: so wird das Gold des Meeres in bare Profite umgemünzt und böswillig seiner wahren Bestimmung entzogen, das hungernde Volk zu sättigen! Diese Hyänen und Haifische des Mehrwerts bringen es fertig, sobald etwas reichlichere Fänge geglückt sind, dasAngebot am Markte dadurch zu verknappen, daß sie die Fische aufstapeln, sie einfrieren, räuchern oder zu Konserven verarbeiten lassen, um sogleich doppelte Gewinne einzuheimsen. Wie die Vampyre beuten sie den hilflosen Normalverbraucher aus, und schmatzend saugen sie das Mark aus den Knochen des kleinen Beamtentums. Die Fischdampferkapitäne aber willfährige Sklavenhalter im Dienste des Molochs Monopolkapital, führen auf ihren Schiffen, von keinem modernen Wind je angerührt, ein Schreckensregiment wie in den alten Zeiten, und es soll da ja wohl heute noch so zugehen, wie einstmals auf der "Bounty"! Bei trockenem Schiffszwieback, ohne ein einziges GrammFett, müssen die modernen Arbeitssklaven der Besatzungen ihr Genügen finden, während die Kapitalisten auf dem Lande in Tranöl schwimmen ...

Mit tiefer Befriedigung wird daher jeder fortschrittlich denkende hören, daß nun endlich Remedur an Haupt und Gliedern geschaffen werden soll. Die Tage der durch den Klüngel der Heringsbarone privatkapitalistisch mißbrauchten Seefischerei sind gezählt, wie man hoffen kann, seitdem die weitblickende Mehrheit der Parlamentarier im Zonenbeirat eine Empfehlung angenommen hat, alle hundert Fischdampferneubauten, die in den nächsten Jahren fertiggestellt werden sollen, sämtlichst einer Genossenschaftsorganisation unter Führung der GEG zu übertragen. Die Konsumgenossenschaften, vertreten durch Herrn Henry Everling, haben in dankenswerter Weise diese Anregung an den Zonenbeirat herangetragen und sichdazu bereiterklärt, das Opfer zubringen und dieSeefischerei in ihre Hände zu nehmen. Um das Betriebskapital aufzubringen – die hundert neuen Fischdampfer repräsentieren einen Wert von ebensovielen Millionen – will man das Volk zur Zeichnung von 500 000 "Sozial-Anteilen" zu je. 100 RM auffordern. Also die Kapitalsfrage macht der GEG gottlob keine Kopfschmerzen; daran braucht ihr großzügiges Angebot nicht zu scheitern!

Man geht wohl nicht fehl in derAnnahme,daß die cleveren Bosse der GEG ihre Plane für eine großzügig unter Einsatz aller modernen technischen Errungenschaften arbeitende Organisation des konsumgenossenschaftlicherseits betriebenen deutschen Seefischfangs breits fix und fertig in der Schublade liegen haben. Flugzeuge, mit Super-Radargeräten ausgerüstet, werden dem Dorsch und dem Kabeljau,der Seezunge und der Flunder bis unter die Neufundlandbänke nachspüren. Sie melden durch Funk an die zentrale Befehlsstelle im Hamburger GEG-Hochhaus, wo umgeben von chromnickelstahlfunkelnden Apparaturen, der mit diskreter EleganzgekleideteAdmiraldirektor des Unternehmens sitzt, gebeugt über riesige Diagramme und Karten, auf die der jeweilige Stand seiner Flotten und Fänge durch einen sinnreichen Automatismus in Sekundenschnelle mit minutiöser Genauigkeit übertragen wird. Von hier aus regelt er auf funkentelegraphischem Wege den Einsatz der Dampfer über Meere und Kontinente hinweg – wirft zehn Schiffe von der Bäreninsel nach Island – zwanzig den Heringsschwärmen entgegen, die mit silbernem Glanz den Zwischenraum zwischen den Lofoten erfüllen...

Über modernste Löschanlagen in den Seehäfen läuft die Ausbeute der Fänge, in einem einzigenmaschinellen Arbeitsgang, ohne auch, nur von der Hand eines Menschen berührt zu worden, gleich tafelfertig in die bereitstehenden komfortablen und tadellos gefederten Kühlwaggons, um wenige Stunden später schon, nach einem Transport in Expreßzügen, in den Verkaufsstellender Konsumgenossenschaften durch höfliche und gutgeschulte Verkäufer den Frauen unserer werktätigen Bevölkerung zu konkurrenzlos niedrigen Preisen indie Markttaschen gelegt zu werden. Nun endlich ist gewährleistet, daß der Segen des Meeres nicht nur der schlichte Salzhering, sondern auch das Qualitätsprodukt, wie Hummer, Lachs und Stör – wohlfeil an die breitesten Schichten des schaffenden Volkes kommt!

Freilich hat die Sache so etwas wie einen Haken. Wenn es so wird, wie der Everling-Plan will, sind wir zwar das private Monopol in der Seefischerei los; dafür bekommen wir dann aber das Monopol der GEG und das wird ein totales Monopol sein. Denn die privaten Reeder und ebenso ihre Schiffe, die der Krieg noch übriggelassen hat, werden schnell verschwinden; die einen sterben aus, die anderen, heute zumeist schon überaltert, werden sukzessive abgewrackt. Man braucht sich aber nichtheuteschon Sorgen darum zu machen, wie eventuell später die Macht eines – GEG-Monopols gebrochen werden könnte, denn es gibt ja bereits ein ausgezeichnetes, vielfach empfohlenes Rezept gegen monopolistische Machtballungen in der Wirtschaft, und das ist die Sozialisierung. Die Lösung also "welche lang Ihr sannet", lautet ganz einfach: wenn der GEG mit den hundert neuen Fischdampfern das Monopol für die Seefischerei in die Hände gespielt wird, so sozialisiere man die Konsumgenossenschaften!

Georg Kessel