AIs Michelangelos römische Pietà vollendet war, lief das Gerücht davon, schneller als Botenpferde laufen konnten, bis hinauf nach Kopenhagen in den höchsten Norden. So möchten wir mitten hinein in die gleichmütige Armut dieser Welt die frohe Nachricht rufen, daß es wieder einem Menschen, einem Künstler, gelungen ist, ein gutes Werk zu einer guten Vollendung zu bringen! Im zertrümmertsten Land der Welt und in der dunkelsten Stunde dieses Landes hat der Bildhauer Gerhard Marcks ein Bildwerk vollendet, das mit der "Eva" des Despiau und den "Grazien" des Maillol zu den schönsten Figuren dieses Jahrhunderts gehört. – Das Bild eines Mädchens im strengen Stand archaischer Hören. Aus schmalen, runden Schultern gewachsen folgt der eine Arm gelassen der Kontur des festen Leibes, der andere ist gewinkelt in schöner Bewegung. Alle Maße und die Schwere und die Balance der Form versammeln sich in der Breite der tiefliegenden Hüften, so daß der Wuchs der Figur einer Spindel gleicht. Ein behütend griechischer Zauber liegt über ihrer Nacktheit, der Hauch anakreontischer Poesie: "Eros wieder mit goldnem Haar wirft den purpurnen Ball mir zu..." Doch steht die Zartheit der Empfindung und die lyrische Gelöstheit dieses Eros unter einem sanften, wenn auch klaren Gesetz. Die Strenge des griechisch-archaischen Aufrecht-Stehens trägt die anmutigfeierliche Architektur klarer und wohlgeordneter Proportionen. Und der Wille des Bildhauers sammelt und vereinfacht alles Sichtbare zu seiner einfachsten großen Form. – Wie deutlich steht die Heimat dieses Mädchens vor uns! Da fühlen wir die kühle, kühne, karge, romantischer Empfindung volle Luft der Mark Brandenburg. Dort lebt dieser lyrische und romantische Klassizismus in den Werken des Gilly, Schinkels und des großen Schadow, den die Vorfahren von Gerhard Marcks noch als Gast im Hause sahen. Wenn diese Mädchenfigur einen Ort hätte, so müßte sie bei der feierlichen Säulenreihe des Schinkelschen Museumsbaues in Berlin stehen oder Unter den Linden bei den Säulen der Neuen Wache. Dort stände sie gut, diese sehr sanfte Genossin der Penthesilea des preußischen Lieutenants Heinrich von Kleist. Werner Haftmann