Von II. Konitzer

Salzburg, "das nördliche Neapel", so hieß es auch diesmal wieder. Und wieder traf man den bärtigen SalzburgerFremdenführer, der seiner international zusammengewürfelten neugierigen Schar den Peters-Friedhof mit den Katakombenaus der Zeit der Christenverfolgung, die Verließe der Festung Hohensalzburg und das Zauberflöten-Häuschen Mozarts auf dem Kapuzinerberg zeigte. Haben Sie schon einmal Englisch im gemütlichen österreichischen. Tonfall gehört? Bei unserem Fremdenführer klang es ganz sonderbar nett.

"Vier Wochen Weltstadt und 48 Wochen Stieglbräukeller", sagt der Salzburger und charakterisiert damit die Bedeutung, die die Festspiele für die Stadt selbst gewonnen haben.

In diesem Jahr wurde eine starke internationale Beteiligung erwartetaber es sind im wesentlichen doch noch recht "österreichische" Festspiele geblieben – trotz der Internationalität der Besatzungsmächte. Vor allem waren es Amerikaner, die das äußere Bild sehr stark beeinflußten (Russen waren überhaupt nicht zu sehen). Von New York nach Salzburg brachte ein Non-stop-Flug besonders mondäne Gäste: auf den Parkplätzen konnte man moderne italienische und schweizerische Reiseautobusse bewundern. Die So; Studenten aus 16 Ländern (auch aus ’Deutschland), die an einem Kurs der Havard-Universität im Schloß Leopoldskron bei Salzburg teilnahmen, wärenebenfalls ständige Festspielbesucher. Und der Salzburger bewies, daß er wußte, was er seinen internationalen Gästen schuldig sei – die vielgerühmte österreichische Höflichkeit war in bester Friedensqualität anzutreffen. Der Verkäufer entwaffnete mit "Küß die Hand, gnä‘ Frau" so sehe daß der Kunde sein Erschrecken über die gesalzenen Salzburger Preise nicht zuzeigen wagte, aber die Lebensmittel waren genau noch wie in Deutschland streng rationiert und karg bemessen. Die Festspielgäste allerdings setzten sich zum größten Teil aus Carepaket-Selbstverpflegern zusammen. Nebenbei bemerkt: dieses Jahr gaben die Festspiele sogar Anlaß zu einem Generalstreik im Pinzgau, da sich die Arbeiter energisch darüber beschwerten, daß die vielen Fremden alles bei den Bauern aufzukaufen versuchten und die Brotzuteilung gefährdeten.

Man weiß, daß die Festspiele begannen, und zwar mit Hofmannsthals "Jedermann" in Max Reinhardts Inszenierung. Später kamen auch Opern und Konzerte dazu. Die "Jedermann"-Aufführung auf dem Domplatz in Salzburg ist inzwischen zur Überlieferung geworden und wurde diesmal dennoch mit einigen Vorbehalten betrachtet, weil um dieses Stück eine heftige Debatte entstanden ist: Auf der einen Seite die Hüter der Reinhardtschen Tradition, geschart um die Witwe Reinhardts, Frau Helene Thimig. die, aus Amerika zurückgekommen, in diesem Jahr die Inszenierung leitete und die Figur des Glaubens eindrucksvoll darstellte; auf der anderen Seite die Verfechter gegenwärtiger Forderungen, die sie mit gewichtigem Protest vortragen, "Auch Reinhardt würde heute anders inszenieren." Sie sprachen von Opera – auch von revuehafter Aufmachung. Einige fanden auch die Probleme des Stückes nicht mehr genügend zeitnahe, da die Furcht des reichen Mannes vor dem Tod heute kein packender Bühnenvorwurf mehr sei. – Immerhin blieb ein starker Eindruck, da wieder vorder barocken Domfassade der Tod in die lustige Tischgesellschaft trat und die Domglocken selber mit ihren tiefen. Klängen den "jedermann" ins Grab geleiteten. – Eine reizvolle "Konkurrenz" übrigens war dem Hofmannsthalschen Stück dieses Jahr im Kabarett Fred Kraus erstanden. Hier war der aktuelle "Jedermann" am Werkrerk. der ewig lebt und als Schachfigur von Diplomatie und Kapital die Menschen in den Tod treibt. Und hier ward sogar der Teufel machtlos, die Menschen sind teuflischer als er. Eine heftige Pressefehde, in der die beiden "Jedermann"-Aufführungen einander gegenübergestellt wurden, hatte sogar den österreichischen Kultusminister ins Kabarett gelockt...

Trotz "Jedermann" denkt der Freund der Kunst, wenn, von Salzburger Festspielen die Rede ist, zuerst an Mozart. Man hörte "Figaros Hochzeit" und "Cosi fan tutte" in der italienischen Original-, fassung. auch in diesem Jahr mit einer Auslese von Künstlern, darunter Maria Cebotari, Elisabeth Schwarzkopf, Irmgard Seefried, Sena Jurinac, Walter Höfermayer, Erich Kunz und Anton Dermona. Die Aufführungen waren in Gesamt- und Einzelleitungen vorbildlich. Auch Richard Strauß, bereits zu den "Klassikern" der Festspiele zählend, behauptete sich mit "Arabella" neben Mozart mit Kräften wie Georg Hann, Hans Hotter, Julius Patzak. Rosette Anday und Maria Reining. Hervorragend waren die – Salzburger Orchesterkonzerte mit den Wiener Philharmonikern, die viele der bedeutendsten Dirigenten Europas, wie Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer, Ernest Anserinet, Knappertsbusch an das Pult brachten. Die Domkonzerte fanden noch in der Aula der Theologischen Fakultät statt, da der wiederhergestellte Dom akustisch den Anforderungen nicht genügt. Sie brachten. Werke von Mozart, J. S. Bach, Verdi (Requiem), "Palestrina, Bruckner und Haydn zur Aufführung. An einem Abend bot der Straßburger Domchor Musik aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Das Festspielpublikum war reichlich gemischt. Schöne, ja vornehme Toiletten mit kostbarem Schmuck, Männer in Smoking und Uniform, daneben jedoch Dirndlkleider und Pullover – der Salzburger Rundfunk sahsich veranlaßt, auf diese "Profanierung" und auf die Würde der Festspiele hinzuweisen, der man auch in der Kleidung entsprechen sollte. Der Grund für diese Bekleidungsrüge warunter anderen, daß Amerikaner ihre Karten noch in letzter Minute an Vorübergehende verschenkten oder auch, daß ihnen die Karten, die sie in Dollar bezahlen mußten, zu teuer schienen und sie vor den Vorstellungen noch schnell weiterverkauften.

Das eigentliche Ereignis der Festspieleund ihr Miittelpunkt war aber die Welturaufführung der Oper "Dantons Tod" nach dem Drama von Büchner, mit der der junge österreichische Komponist Gottfried von Einem zum erstenmal die Bühne betrat. Seine Musik ist weniger atonal als man erwartete, und stark vom Rhythmischen bestimmt. Die Kritik erkannte namentlich die Wirkung der Massenszenen, an und sprach von dem unmittelbaren Eindruck einzelner Szenen, etwa wenn Danton, vor dem Tribunal stehend, seiner Furcht vor dem Tod der Revolution durch die Diktatur Ausdruck gibt. Gegenüber dieser Darbietung fiel die liebenswürdige. aber ein wenig flache Komödie "Die Frau des Potiphar". von Lernet Holenia, stark ab, die obendrein durch eine sehr unglückliche Rollenbesetzung verlor. Damit erhebt sich die Frage, ob die Salzburger Festspiele Gelegenheiten bieten dürfen. Neuschöpfungen, mögen sie noch so ernst gemeint sein, Raum zu geben. Mißerfolge und negative Kritik sind dabei unvermeidlich, und der Ruf der Festspiele selbst kann bei solchen Experimenten leicht zum Verruf werden. Mozarts Name bedeutet eine derart große Verpflichtung, daß nichts daneben denkbar sein sollte, was noch nicht zu einem festen künstlerischen Besitz geworden ist.