Von Rolf Italiaander

Mehr als die Hälfte der Menschheit spricht Englisch. Welch Glück, ein englischer Autor zu sein! Er schreibt sein Buch und wird plötzlich ausgeliefert in: London, Edinburg, Glasgow, New York, Toronto, Melbourne, Capetown, Bombay, Calcutta, Madras. Ist es verwunderlich, daß die englischen Autoren fast alle etwas Weltgewandtes, Weltweites an sich haben? – Der erste englische Autor, den ich kennenlernte, war ursprünglich gar kein englischer Autor: er war es erst geworden, aus Veranlagung, aus Überzeugung und gewiß auch, weil er wußte, wie nützlich es ist – wenn schon Autor – ein englischer Autor zu sein. Es war der Schweizer John Knittel. Er lebte zwischen Romain Rolland und Ahmannullah am Genfer See. In Calcutta gebürtig, schrieb er gleichermaßen deutsch. und englisch, je nach Lust und Laune. In London hatte er ein Theater und machte Pleite, dafür holte er Geld mit Pferden aus ägyptischen Derbys. Seine internationalen Schriftstellererfolge – wären sie denkbar, wenn er nicht ein Weltkind von Gottes Gnaden wäre?

Bei John Knittel lernte ich dann einen original englischen Autor kennen: den liebenswürdigen, geistreichen Robert Hichens, der als Unterhaltungs-Schriftsteller besten Formats Weltruhm erwarb und dessen Theaterromane "Bacchantin und Nonne" und "Der Garten Allahs" auch in den deutschsprachigen Ländern bekannt wurden. Er stöhnte aber unter dem Welterfolg gerade dieses letzten Romanes. Er sei sein Unglück, weil alle Welt jetzt nur noch Nordafrikaromane von ihm verlange. Aber das ist der einzige mir bekannt gewordene Fall, daß man einem englischen Autor nicht eine gewisse Universalität konzidierte und ihn nicht schreiben ließ, worüber er wollte. – Dann habe ich auch den Widerpart eines Unterhaltungsschriftstellers kennengelernt: T. E. Eliot, den die literarische Welt als einen der führenden englischen Lyriker, Essayisten, Dramatiker und als den Herausgeber des außergewöhnlichen literarischen Forums "Cryterion" ehrt. Eliots "Mutder in the cathedrale" gilt mit Recht als ein Meisterwerk großer Literatur, und es lag nahe, daß ich mir den Dichter Eliot als einen abseits der Welt lebenden Ästheten vorstellte. Recht gefehlt! Als Chef des avandgardistischen Verlagshauses Faber & Faber, London, präsentierte sich ein Mann, der den modernen Anforderungen seines Postens und seines Berufs auch in geschäftlicher Hinsicht durchaus gewachsen war.

Anders als in Deutschland, wo die Würde des Spezialistentums auch den Schriftsteller bedroht, wird in England so leicht niemand mißtrauisch, wenn er sieht, wie ein Autor seinen Pegasus auf den verschiedensten, ja einander feindlichen Gebieten tummelt. Da ist Beverly Nichols von dem in Deutschland die Bücher "Unter dem Sternenbanner", "Große Liebe zu kleinen Gärten" und "Unterm Strohdach" erschienen sind. In den letzten Jahren aber hat er Bücher über religiöse Erneuerung geschrieben. Und gegenwärtig arbeitet er – welch ein Kontrast! – an neuen "Musical comedies", denn er ist auch Schlagerdichter und Komponist, und es ist ein Genuß, seine Kompositionen von ihm selbst am Flügel vorgetragen zu hören, während seine zwei Siamkatzen "Rose and Chevalier" (so genannt, weil sie während einer Londoner Rosenkavalier-Premiere geboren wurden) zu seinen Füßen sitzen.

Ein in aller Welt einzigartiger "All-round-artist" aber ist "The amazing Mr." Noel Coward, unter dessen: Leitung ich einst kurze Zeit am traditionsreichen Royal Theatre Drury Lake in London wirken durfte. Vor langen Jahren beeindruckte er Deutschland mit seinem Stück und seinem Film "Caralcade". Jetzt gruselt sein Witz in dem mystischen Film "Blithe Spirit". Er ist Schauspieler, er singt, schreibt, dichtet, komponiert, führt Regie, verwaltet Theater, hat seine eigenen Filmprodukionen, und man fragt sich in London-Hampstead wohl mit Recht, was er mit dem vielen Geld anfange, das seine reichen Talente ihm einbringen.

Und was soll man von dem englischen Autor Winston Churchill sagen, wenn nicht dies: daß er als einer der hervorragendsten Schriftsteller Englands unsterblich wäre allein schon durch seine Biographie des Herzogs von Marlborough, seines Ahnherrn. Man weiß, daß der große Politiker und Schriftsteller zugleich ein recht passabler Maler ist, der sogar in der Royal Akademie ausstellen darf. Vielseitigkeit ist auch ein Wesenszug in der Persönlichkeit von Sir Philip Gibbs, der solange er wirkt, immer viel für die deutsch-englischen Beziehungen getan hat und der auf Grund seiner Verdienste als Autor sogar geadelt wurde. Warum sollen auch immer nur Generäle Adelsprädikate und Ordensschnallen bekommen! Sir Philip begann als "rasender Reporter" wie Egon Erwin Kisch. Dann wurde er Historiker – er gab unlängst den Kriegsbriefwechsel zwischen Hitler und Mussolini heraus und ein ausgezeichneter Romancier, der mit einem Roman der Londoner Zeitungsstraße, der Fleetstreet ("The Street of Adventure"), neuerdings wieder einen großen Erfolg errang. Nicht zuletzt ist Sir Philip Mitglied verschiedener königlicher Kommissionen, kurz, wir sehen, daß eine Gestalt dies Geisteslebens auch praktisch öffentlichen Einfluß besitzt, so wie in Frankreich Zola Stadtverordneter war, Edouard Herriot. Paul Claudel und Jean Giraudoux Diplomaten. Ob auch in Deutschland einmal geistige Menschen intensiven Einfluß auf die Geschicke des Staates haben werden? "Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen", um mit Shakespeare zu reden.

Der auch in Deutschland viel gelesene und gespielte Somerset Maugham, Verfasser von "Des Menschen Hörigkeit", "Theater" und "Finden Sie, daß Constance sich "richtig verhält?", gehörte während des Krieges dem Intelligence Corps an. Interessanter noch aber ist zu hören, daß Somerset Maugham schon in Friedensjahren dazu gehörte. Und eben diese Tatsache bringt mich darauf, jenen seltsamen. Mann zu nennen, den ich einmal in Sir Edvard March’s Privat-Bilder-Galerie kennenlernte: Lawrence of Arabia! Er war in der Tracht der Beduinen, in der "Dschellabah", und kam mit einer Taxi hoheitsvoll wie ein reicher Araberfürst; ein anderes Mal als Fliegersergeant Shaw mit einem schnellen kleinen Motorrad. Aber es blieb nicht verborgen: der große Abenteurer T. E. Lawrence war menschenscheu. Er haßte es, Sensation zu sein. Er haßte Interviewer. Er haßte Konventionen. Aber er liebte ein offenes, klares, auch waghalsiges Gespräch unter Männern. Er sprach von Hintergründen der Politik, von komplizierten Maschinen, an denen er bastelte, von phantastischen Geschwindigkeiten, die er in der Luft und auf dem Wasser erreichen wollte, von lustigen Abenteuern in einem Soldatenschwimmbad. von Aufregungen mit amerikanischen Verlegern, vom Einrichten eines Hauses, vom Kochen, von seiner Homer-Übersetzung, von der Herstellung handgeschöpften Büttens, von der Anschaffung einer neuen Druckpresse. Und wir einigten uns darüber, daß es das schönste für einen Autor sei, seine eigenen Schriftwerke selbst zu drucken selbst zu binden und nur denen zugängig zu machen, die wirklich angesprochen werden sollten. Lawrence war Sozialist, doch zugleich Aristokrat; er war Einzelgänger, aber ein solcher mit Weltwirkung. Vielleicht ein Typ, wie er nur auf englischem Boden gedeihen konnte, in keinem anderen Lande. Voltaire hat einmal gesagt, Frankreich besitze das Land, England die See, Deutschland die Wolken. Soviel steht fest, daß die kontinentalen Autoren von den englischen in vielerlei Hinsicht außerordentliche Anregungen empfangen können. Weil England die See besitzt! Denn darum sind die englischen Autoren mehr geworden als Küstenfahrer. Glückliche englische Autoren!