Schon lange vor Einstellung der Feindseligkeiten hatte sich die Welt Gedanken gemacht über die Gestaltung der Nachkriegswirtschaft. Es bedurfte keines besonderen Weitblicks, um vorauszusehen, daß die gründlich aus den Fugen geratene Weltwirtschaft ohne planmäßige Zusammenarbeit aller kein neues Gleichgewicht finden könnte und viele Länder aus eigener Kraft nicht wieder auf die Beine kommen würden. In langwierigen Beratungenwurden daher genaue Spielregeln für diese Zusammenarbeit festgelegt und Organisationen zu ihrer Durchführung geschaffen: Weltbank und Währungsausgleichsfonds. Man wird den Beteiligten – 44 alliierte und neutrale Nationenwaren bei den Schlußbesprechungen in Bretton Woods vertreten– bescheinigen müssen, alle Probleme so gründlich wie möglich durchdacht zu haben.

Im wesentlichen waren es zwei weltwirtschaftliche Gestaltungsprinzipien, die miteinander um die Vorherrschaft rangen: Der Gedanke der liberalen Weltwirtschaft alten Stils mit Goldwährungund unbedingter Meistbegünstigung, vertreten, durch die Vereinigten Staaten, und der von England vertretene, weniger weitgespannte, aber wirklichkeitsnähere Gedanke einer auf einzelnen Teilräumen aufbauenden Weltwirtschaft unter Anwendung des handelspolitischen Prinzips der Gegenseitigkeit. Während also der amerikanische Weltwirtschaftsstil die Gleichbehandlung aller Länder empfiehlt, sieht der englische räumliche Differenzierungen vor.

Das Ergebnis dieser Auseinandersetzungen war ein Kompromiß: Ein im wesentlichen liberales Welthandelsprogramm in das das anseinen Empirepreferencen interessierte England jedoch einige "regionale" Sicherheitsventile einbauen konnte. Ein solches ist z. B. die Scarce-Currency-Klausel, die der Weltbank die Möglichkeit gibt, gegebenenfalls eine Währung als "knapp" zu erklären, was den Mitgliedern der Bretton-Woods-Organisationen gestatten würde, Abwehrmaßnahmen zum Schutz der eigenen Währungen vorzunehmen, Man glaubte so genügend vorgebeugt zu haben, für den Fall, daß die wirtschaftliche Erholung einzelner Länder langsamer als erwartet voranschreiten würde, wobei ihr Außenhandel mit stärkeren Partnern, praktisch also den Vereinigten Staaten, notwendig einseitig werden und die eigene Währung gefährdet werden mußte.

Der anglo-amerikanische Kreditvertrag sollte den Start dieses Systems erleichtern. England war, abgesehen von dem Zusammenbruch des Warenverkehrs, durch den Verlust des größten Teils seiner Auslandsanlagen und durch die Dezimierung seiner Handelsflotte im besonderen Maße betroffenworden. Es brauchte daher Kredite nicht nur für den Wiederaufbau (oder für die Umstellung auf Friedensproduktion), sondern auch für den laufenden Konsum. Die USA waren bereit, einen solchen Sonderkredit zur Verfügung zu stellen, wogegen England jedoch entsprechende wirtschaftspolitische Konzessionen zu machen hatte. Die vielgenannten Paragraphen 7 und 9 des Anleihevertrages verpflichteten England, nach Ablauf eines Jahres die regionalen Abschirmungsmaßnahmen für das Pfund Sterling aufzuheben – Bretton Woods hatte ein Übergangsstadium von vier bis fünf Jahren vorgesehen! – und untersagtenihm "diskriminierende" Maßnahmen gegen den amerikanischen Außenhandel. Diese Bestimmungen, die ein Zurückweichen von der in BrettonWoods vertretenen Linie bedeuteten, sind in England begreiflicherweise stark umstritten worden. Andererseits hätte aber das Anleiheprojekt dem amerikanischen Steuerzahler, der soweit er Ausfuhrinteressen vertrat, ungeduldig auf den großen Export-Boom wartete, ohne sie sicher nicht schmackhaft gemacht werden können.

Schon lange vor dem schicksalhaften 15. Juli, dem Tag, an dem vertragsgemäß die Umwandlungssperre für das Pfund aufzuheben war, erwies sich die Anleihe trotz ihrer bisher unerhörten Größe als Tropfen auf dem heißen Stein. England war nicht in der Lage, die Lücke seiner Zahlungsbilanz, durch eine entsprechende Erhöhung seiner Ausfuhr zu schließen. Es war aber auch nicht gewillt, sie durch wirklich rigorose Einfuhrbeschränkungen, verbunden mit einer entsprechenden Senkung des Lebensstandards, zum Verschwinden zu bringen. Es fuhr vielmehl fort, über seine Verhältnisse zu leben und rief Teilbeträge der Anleihe in einem solchen Tempo ab, daß es schon vor Monaten klar war, die Anleihe würde verbraucht sein, lange bevor sie ihre Aufgabe; den Start des Bretton-Woods-Systems zu erleichtern, erfüllt haben konnte. Trotz dieser der Erwartung entgegengesetzten Entwicklung ist England seinen Anleiheverpflichtungen nachgekommen. Obgleich vorauszusehen war, daß die Partnerländer ihre Sterlingguthaben sofort in Dollar umwandeln würden, um die dringend erforderlichen Einfuhren aus den Vereinigten Staaten damit bezahlen zu können, wurde die freie Konvertierbarkeit für alle Pfunderträge aus laufenden Geschäften eingeführt. Über die alten, größtenteils aus dem Krieg stammenden Sterlingguthaben werden Sonderverträge mit etwa 30 Ländern abgeschlossen, die die Umwandlung von Teilbeträgen gestatteten. Wahrscheinlich hoffte man in London, daß die bloße Möglichkeit, Sterlingguthaben in Dollar konvertieren zu können, den ausländischen Partnern genügen würde. Das Pfund wäre damit als Weltwährung wieder hergestellt gewesen.

Diese Hoffnung ist nicht in Erfüllung gegangen. Die Dollarabzüge nahmen ein derartiges Tempo an, daß, um wenigstens die letzten Reserven zu retten, nur ein Ausweg blieb: Der Konvertierungsstopp. Er wurde am 20. August erlassen. Das Pfund hat seine fünfwöchige Gastrolle als freie Weltwährung damit wieder aufgegeben und wieder den Charakter einer geschützten "Raumwährung" angenommen. Die sofort einsetzenden Besprechungen in Washington befaßten sich mit den Folgen dieses einseitigen Schrittes.

Während diese Entwicklung vor sich ging,blieben die Mittel der Bretton-Woods-Institutionen weitgehend ungenutzt. Die Anleihegewährung, durch die Weltbank war nach den schlechten Erfahrungen der Zwischenkriegszeit statutengemäß an die Voraussetzung der produktiven Verwendung geknüpft. Was die notleidende Welt auch außerhalb Englands aber zunächst noch dringlicherbrauchte als produktive Kredite, war die Einfuhr von Nahrungsmitteln und Gütern für den unmittelbaren Verbrauch ohne entsprechende Gegenleistungen, also konsumtive Kredite. Daraus mußten sich Schwierigkeiten ergeben, wenn die Anleiheverwendung nicht von vornherein einwandfrei feststand. Die Verhandlungen Frankreichs mitder Weltbank sind ein Beispiel dafür. Diese dem eigentlichen Aufbau, vorangehende Phase der Existenzsicherung war bei der Funktionsabgrenzung für Weltbank und Währungsausgleichsfonds offenbar nicht in Rechnung gestellt worden. Man kann daher nicht eigentlich sagen, die neuen Institutionen hätten versagt. Die Entwicklung ist vielmehr im wahrsten Sinn des Wortes "daneben gegangen". Beide Institute konnten im großen Maßstab gar nicht zum Zuge kommen. Daher konnte auch die Scarce-Currency-Klausel im Fall England keine Anwendung finden, da ja die ansich erfüllte Voraussetzung, die katastrophale Dollarknappheit, außerhalb der festgelegten Spielregeln eingetreten war. Auf der anderen. Seite erreichte der anglo-amerikanische Kreditvertrag genau das Gegenteil von dem, was beabsichtigt war: Verschärfung statt Milderung der vorliegenden außenwirtschaftlichen Diskrepanzen. Wäre die Erholung aller wichtigen Welthandelsländer gleichweit vorangeschritten gewesen, hätte also der Welthandel auf einem gegenseitigen Nehmen und Geben beruht, dann wäre die Beseitigung der Handelsbeschränkungen und Devisenbewirtschaftungsmaßnahmen nur konsequent und segensreich gewesen. Solange diese Voraussetzung jedoch, nicht gegeben war, solange also die Welt noch überwiegend auf einseitige Lieferungen der USA angewiesen war, konnte die Einführung solcher Maßnahmen die Schwierigkeiten nur vergrößern. Die Erzwingung multilateraler Methoden mußte also zwangsläufig zu negativen Ergebnissen führen.