Die Leipziger Messe hatte vielfältigere Aufgaben als die Exportmesse in Hannover. Während Niedersachsens Hauptstadt mit nicht geringem Erfolg ausschließlich das Auslandsgeschäft Betonte, waren in Leipzig die Gewichte auf Ostzonenhandel, Interzonengeschäft, Ex- und Import verteilt. Hinzu kommen der politische Faktor "Messe der Einheit" und das psychologische Moment, daß zehntausende Westzonenkaufleute mit 27 Sonderzügen durch den deutscherseits nicht gewollten "Eisernen Vorhang" schlüpfen konnten, um das persönliche Gespräch zensurfrei zu führen. Unter diesem Blickpunkt ist vorläufig die Leipziger Messe einmalig. 4312 Aussteller nutzten die Gelegenheit, in Leipzigs Messeräumen in der Innenstadt und in drei Hallen des Ausstellungsgeländes auf, 50 000 qm Fläche traditionsgemäß ihre Ware anzubieten. Ein internationales Gepräge – durch vier Aussteller aus Rußland, Jugoslawien und der Tschechoslowakei – kam jedoch bei der Fülle der-von deutscher Seite ausgestellten Waren nicht zustande. Die tschechische Firma Bata, frei von wirtschaftspolitischen Befehlen fremder Mächte, hatte ihr Berliner Verkaufsbüro als Mittler zwischen die ausländischen Einkäufer und Zliner Stammhaus eingeschaltet

Eröffnungsfeierlichkeiten sind, heute Ausdruck des politischen Willens der entsprechenden Zone, so daß der Kaufmann meist nichts versäumt, wenn er ihnen, wie in Leipzig, fern bleibt. In dem zu zwei Dritteln besetzten,Schauspielhaus eröffnete der sächsische. Wirtschaftsminister Selbmann die Messe vor Vertretern der Besatzungsmächte, der Wirtschaftsbürokratie und der Presse. Der Präsident für Interzonen- und Außenhandel in der Ostzone, Orlopp, bedauerte in der zweiten Ansprache das Nachlassen der Lieferfreudigkeit der Doppelzone, was mangelndes Vertrauen in den Wirtschaftsautbauder russisch besetzten Zone – zeige, lobte Leipzigs Anstrengungen bei der Errichtung der Exportbörse (die mit 90 verschiedenen wirtschaftsbürokratischen Stellen leider unübersichtlicher ist, als ihr hannoversches Vorbild) und betonte die nicht zu entbehrende Privatinitiative im Ex- und Import. Leipzigs Oberbürgermeister schloß den Chorus der Reden mit den Worten: "Wir heißen Euch hoffen." Diese Hoffnung auf Aussteller und Einkäufer zuübertragen, gelang jedoch nicht ganz. Hier regiert Resignation. "Messeschlager" sind selten, exportfähige "Reißer" nicht zu finden. Der Mangel an Rechtsschutz und die Unmöglichkeit einer Analyse des Weltmarkts sind neben psychologischen Hemmnissen, die die Westzonenkaufleute gegenüber der Ostzone hegen, die wichtigsten Erschwerungen. Deutlich wer den Geschäftsleuten der Ostzone wie ihren Wirtschaftsbürokraten anzumerken, daß sie Hannover im Auslandsgeschäft, als Konkurrenz empfinden. Der an Leipzigs auf 450jähriger Tradition aufgebaute Vormachtstellung gewöhnte Kaufmann fürditet für seine Umsätze, die im "Wirt? – schaftssystemder Kompensation", drüben bescheiden als "genehmigter – Warenaustausch" deklariert, trotz; stärker Nachfrage schwerer zu erzielen sind, als in den, zurückgesehnten Vorkriegszeiten. Aus der optimistischen Premierenstimmung heraus: nennen die Behördenvertreter die Hannoveraner Messe ein Experiment; aber es wird zuviel von diesem Experiment-gesprochen, als daß die Version noch glaubhaft erscheinen könnte. Eine zur Leistung zwingende Konkurrenz schadet Leipzig jedenfalls nicht. Das eingearbeitete Messeamt wird mit geänderten wirtschaftspolitischenRichtlinien der Besatzungsmacht in der Lage sein, den Kampf aufzunehmen.

Abschlüsse mit dem Ausland waren schwer zu erzielen. Die fehlende Relation zwischen Herstellungs- undStopp-Preis einerseits und dem Devisenpreis, der auf Weltmarktbasis liegen muß. (ohne Berücksichtigung von Zöllen und Frachten!) andererseits, unterbindet jede Kalkulation. Die Reichsmark schwankt zwischen 22 und 80 Dollarcents. Auch haben sich – dies trifft wenigstens für die tausend Westzonenaussteller zu – die ausländischen Einkäufer zumeist schon in Hannover eingedeckt. Der Interzonenhandel ist theoretisch durch das: neue Mindener. Abkommen geordnet. Die alten – Aufträge sollen bis Januar 1948 abgewickelt werden; neue Orders werden von einem gemeinsamen Gremium des VAW Minden und der Spitzenbehörde für Interzonenhandel in der Ostzone durchberaten. Der Einfluß auf den Messegeschäftsablauf ist jedoch noch zu gering, als daß praktische Erfolge aus dem – neuen Abkommen ersichtlich wären. Noch haben Anbietender und Nachfragender, wenn sie sich einig geworden sind, den Leidensweg durch die Zimmerfluchten des Park-Hotels, in – dem die Exportbörse residiert, anzutreten. Die Kürze der Messe – nur fünf Tage – trägt mit dazu bei, daß verschiedene kompliziertere Geschäfte nicht zum Abschluß kamen. Der Ostzonenhandel ist für den Westzonenbetrachten verworren. AlsFaustregel kann gelten-, daß ein Drittel der Industriekapazität von den sowjetstaatlichen Aktiengesellschaften in Anspruch genommen wird, die -ausschließlich für fremde Rechnung arbeiten. Weitere 30 v. H. der Produktion erfolgt in landeseigenen Betrieben, deren Vertreter auf den Messeständen trotz – äußerlich glänzender Aufmachung anscheinend Resignation und Unhöflichkeit gepachtet haben: Der Rest ist; der Privatwirtschaft überlassen. Da für den Handel fast nur die letztere Kategorie in Frage kommt, eine Kategorie, die an Rohstoff- wie Kompensationsmöglichkeiten infolge des Verlustes der Grundstoffindustrie an die russischen Betriebe sehr. beschränkt ist, so werden die nichtbewirtschafteten Waren, wie Pharmaseutica. Kosmetica, Igeliterzeugnisse, Kunstgewerbliches und Intarsien weiterhin den Markt, überschwemmen.

Stellte – man im Sonderzug nach Leipzig die Frage: "Was erwarten Sie von der Messe?", so lautete die Antwort: "Nichts, aber ich bringe die Hoffnung mit, vielleicht doch zu Abschlüssen zu kommen!"Und auf die Frage: "Was halten Sie jetzt von Leipzig?", als der Sonderzug wieder nach dem Westen, zurückfuhr, war die Antwort nicht weniger resignierend: "Nichts, aber vielleicht das nächste Mal!" Wohlwend war jedoch diesmal das völlige Fehlen der aufdringlichen Reklame einer Partei, die erkannt zu haben scheint, daß sie so die inneren Widerstände gegen sich nicht abzutragen vermag.

W–n.